Die offenen Fragen zum Fall Özil

Ist der DFB ein Beispiel für gelungene Integration?

Warum meldet sich Jogi Löw nicht zu Wort?

Kaum einer hat so sehr auf den Spieler Mesut Özil gesetzt wie der Bundestrainer. Über Özils Entschluss, fortan nicht mehr für Deutschland zu spielen, war Löw laut seines Beraters Harun Arslan nicht vorab informiert worden. Warum schweigt der Bundestrainer darüber, dass er zukünftig auf einen seiner wichtigsten Spieler verzichten muss?



Warum melden sich kaum Spieler zu Wort?
Jerome Boateng bedankt sich bei seinem »Abi« (Bruder, Anm. d. Red.) in den sozialen Netzwerken für die schöne Zeit bei Mesut Özil. Auch Lukas Podolski schickt ein paar warme Worte des Dankes. Ansonsten: Fehlanzeige. Kein Mitspieler kommentiert den vorläufigen Rücktritt Özils auch nur mit einem Wort. Kein »Danke für 92 Länderspiele«, kein »War schön mit Dir«. Aber auch keine Kritik, die erörtern würde, weshalb sie alle schweigen. Warum schweigen sie?



Ist Mesut Özil wirklich aus der Nationalmannschaft zurückgetreten?

»Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich aufgrund der Ereignisse der jüngsten Vergangenheit nicht mehr länger für Deutschland spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit habe«, schreibt Özil im dritten seiner Statements. Heißt das, dass er unter gewissen Umständen, zum Beispiel einem Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel, wieder für Deutschland spielen würde?




Ist das DFB-Präsidium ein Beispiel für gelungene Integration?

»Der DFB steht für Vielfalt, von den Vertretern an der Spitze bis zu den unzähligen, tagtäglich engagierten Menschen an der Basis«, schreibt der größte Sportverband in seiner Stellungnahme hinsichtlich der Auslassungen Mesut Özils. Aber steht der DFB tatsächlich für Vielfalt, wenn das DFB-Präsidium aus folgenden Menschen besteht: Reinhard Grindel, Dr. Rainer Koch, Dr. Reinhard Rauball, Dr. Stephan Osnabrügge, Peter Frymuth, Christian Seifert, Peter Peters, Helmut Hack, Ansgar Schwenken, Ronny Zimmermann, Erwin Bugar, Dr. Hans Dieter Drewitz, Hannelore Ratzeburg, Eugen Gehlenborg, Dr. Friedrich Curtius, Ralf Köttker, Horst Hrubesch, Oliver Bierhoff, Dr. H.C. Egidius Braun. Eine Frau, und mit Verlaub zumindest kein Name, der nach Migrationshintergrund klingt. Zufall?





Stimmt es, dass Reinhard Grindel ein früheres Statement verhindert hat?

Özil sagt in seinem Statement, dass es DFB-Präsident Reinhard Grindel war, der Özil nach dem Treffen mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier von einer Stellungnahme abriet. Ist es dann nicht verständlich, dass Özil in seiner nun doch getätigten Aussage teilweise auch einfach beleidigt wirkt? Wie muss es sich für einen einzelnen Menschen anfühlen, wenn ein ganzes Land über einen spricht? In der diffamierenden, teils rassistischen Art und Weise, wie dies nunmal geschehen ist? Bei allen Fehlern, die Mesut Özil womöglich in der Sache begangen hat, kann man das, Berater hin, Berater her, wirklich außen vor lassen? Das offensichtliche Gefühl eines Einzelnen, der von den Ereignissen und ihrer Dynamik immer mehr und mehr in die Ecke gedrängt wurde.

Warum verlangt der DFB keine Stellungnahmen von seinem Ehrenspielführer Lothar Matthäus oder von seinen Sponsoren?

Özil schreibt: »Was mich ebenso enttäuscht, ist die Doppelmoral der Medien. Lothar Matthäus (ein Ehren-Kapitän der deutschen Nationalmannschaft) hat sich vor ein paar Tagen mit einem anderen Welt-Führer getroffen (Vladimir Putin, Anm. d. Red.) und so gut wie keine mediale Kritik geerntet. Trotz seiner Rolle im DFB hat man ihn nicht aufgefordert, sich öffentlich zu erklären und er repräsentiert weiterhin die deutschen Spieler, ohne irgendeinen Verweis. Wenn die Medien finden, dass ich aus dem Weltmeisterschaftskader hätte ausgeschlossen werden sollen, sollte er doch sicherlich seine Ehrenspielführerschaft verlieren?« Und weiter: »Zusätzlich entsagt sich ein weiterer Partner. Da sie auch ein Sponsor des DFB sind, wurde ich gebeten, an Promo-Videos für die Weltmeisterschaft mitzuwirken. Direkt nach dem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich aus der Kampagne entfernt und alle Promotion-Aktivitäten, die mit mir geplant waren, wurden gestrichen. Für sie war es nicht länger gut, mit mir gesehen zu werden und sie nannten die Situation »Krisen-Management«. Das ist alles ironisch, weil ein deutsches Ministerium erklärte, dass ihre Produkte illegale und unauthorisierte Software beinhalten würden, die Kunden gefährden würden. Hunderttausende ihrer Produkte werden zurückgerufen. Während ich kritisiert wurde und gebeten, mich gegenüber dem DFB zu rechtfertigen, wurde keine offizielle und öffentliche Erklärung vom DFB-Sponsor verlangt. Warum? Liege ich richtig mit der Annahme, dass das schlimmer ist als ein Bild mit dem Präsidenten des Landes meiner Familie?« Gute Fragen.

Wie fühlt es sich an, für Millionen von Menschen und unzählige Meinungsmacher der Buh-Mann zu sein? 
Die Verbindung von Özil zu Erdogan reicht weit zurück, sagt Özil. In eine Zeit, in der der türkische Präsident für viele Menschen in Europa als Hoffnungsträger galt. Sollte es stimmen, dass Özil und Erdogan seit ihrem ersten Treffen immer nur über Fußball gesprochen haben, macht es die Entscheidung, sich im Mai 2018 einem Foto mit dem türkischen Präsidenten zu verweigern, nicht ungleich schwerer? 

Unsere komplette Berichterstattung über Mesut Özil findet ihr hier >>>