Die neue Stärke der Verteidiger

Achtung, Hintermann!

Sieben Tore erzielten die Bundesliga-Verteidiger am 3. Spieltag. Kann das Zufall sein? Nein: Es ist ein untrügliches Indiz dafür, dass die Abwehrmänner heute fast alles können – und schwere Zeiten für die Stürmer anbrechen. Die neue Stärke der Verteidigerimago images
Vielleicht haben ihn Marcelo Bordon und Heiko Westermann am Samstag sogar noch bis in den Schlaf verfolgt. Als alptraumhafte Gestalten mit riesigen Fußballschuhen, die vor seinen Augen mit Trainingsbällen aus den unmöglichsten Winkeln aufs Tor schießen. Und nicht einer verfehlt den Kasten. Die beiden zeigen mit dem Finger auf ihn, machen lachend Fallrückzieher und Flugkopfbälle von der Mittellinie, und Kevin Kuranyi steht nur hilflos daneben. Doch kurz bevor ihm diese fiesen Auswürfe seines Unterbewusstseins die alten Handschuhe von Oli Reck überziehen können, um ihn der finalen Demütigung im Tor auszusetzen, schreckt Kevin Kuranyi aus einem Alptraum hoch, der von dem realen Demütigungsszenario auf Schalke doch gar nicht so weit entfernt ist.

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Das Spiel der Schalker gegen den VfL Bochum war wieder so ein typisches Kuranyi-Spiel: Schalkes Mittelstürmer stand vorne drin und wartete, er versuchte viel, doch er traf, erneut, nichts. Dabei hatte diese Saison doch eigentlich so gut begonnen. Zum Auftakt gelangen Kuranyi gleich zwei Tore gegen Hannover 96. Und doch erinnert Kevin Kuranyis Interpretation eines Mittelstürmers momentan eher an Solo-Ringelreihen mit der Grazie einer Airhockey-Partie auf Stelzen.

Es mag viele Gründe geben für Kuranyis Formschwäche. Doch das größte Zersetzungspotenzial für die pauspapierdünne Psyche des Nationalspielers bildet wohl die plötzliche und so kaum zu erwartende Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Denn bei Schalke haben eben die beiden Verteidiger Marcelo Bordon und Heiko Westermann das Toreschießen übernommen. Die  vereinsinterne Torschützenliste ist unerbittlich. Kuranyi: 2. Abwehr: 3. Und besonders Westermann zeigt seinem Kollegen gerade in leichtfüßig getanzter Regelmäßigkeit, wie man als Stürmer eigentlich spielen müsste: Gradlinig, kaltschnäuzig und mit ein bisschen Samba. Eine schallende Ohrfeige, die aber auch noch etwas anderes deutlich gemacht hat:

Heiko Westermann, der eigentlich den traditionell limitierten Innendecker und Linienläufer geben müsste, ist technisch weitaus beschlagener als der Stürmer Kuranyi.

Hinten 0, vorne 1, 2 oder 3


Für dieses ungleiche Duell zwischen modernem Verteidiger und Mittelsturmbrecher besitzen die Schalker jedoch kein Patent. Auch bei anderen Vereinen haben die einzelnen Teile Viererketten längst die Mittellinie überschritten und halten hinten nicht nur die Null, sondern sorgen vorne auch immer wieder für eine 1, 2 oder 3.

Während Miroslav Klose in der Münchner Allianz-Arena erst schmollend und in Selbstmitleid aufgelöst den Pfosten zertritt und dann immerhin als Trostpflaster noch einen Elfemeter schießen darf, fliegt Philipp Lahm links hinten durch die Reihen des Gegners, antizipiert perfekt, verliert kaum einen Zweikampf und schießt dann auch noch das wichtige 2:0. Und das so unnachahmlich schön und lässig, dass Klose im Vergleich dazu nur noch wirkt wie eine fleischgewordene Zeitlupe einer Körpertäuschung Carsten Janckers.

Auch der 19-jährige Dortmunder Neven Subotic, nun schon zweifacher Bundesligatorschütze, wird nach seinem Siegtreffer mit einem unschuldigen Lächeln in Richtung Bank gewunken haben. Denn da saß hinter Klopp unter anderem der auch eher formschwache Diego Klimovicz. Schönen Gruß auch.

Was den Sturmreihen der Liga aber wirklich Angst machen sollte, ist, dass die neue Offensive der Defensiven keinesfalls lustige Moderescheinungen oder verirrte Kurzauftritte sind. Denn  am vergangenen Wochenende schienen sich eben jene Ausputzer, die sonst so oft im Schatten der Angriffsreihen stehen zu einem orgiastischen Torreigen verabredet zu haben, der ihre Mitspieler ganz vorne ziemlich dämlich aussehen lässt. Und mit dem sie ganz unverhohlen ihr neues Potenzial offen zur Schau trugen. Sieben Tore erzielten die Bundesliga-Verteidiger am 3. Spieltag. Haggui und Friedrich trafen in Leverkusen, Philipp Lahm traf für Bayern, eben jener Westermann ins Gesicht von Kevin Kuranyi und Subotic für Klopp. Und dann war da noch der Doppelpack des leisen Riesen von der Elbe: Bastian Reinhardt.

Die Relaisstation verlagert sich nach hinten

Lässt man die typischen Kopfballgewalttaten von Friedrich und Reinhardt außen vor, haben diese Treffer vor allen Dingen eines gezeigt: In den vergangenen Jahren hat sich das omnipotente Zentrum einer modern spielenden Mannschaft in einem rasanten Rückwärtsgang verlagert. Es liegt nun passenderweise dort, wo die Meisterschaften gewonnen werden und jeder Angriff seinen Anfang nimmt. Rund um den eigenen Sechzehner. Den klassischen Zehner, das filigran-geniale Gehirn der Mannschaft, gibt es in der ursprünglichen Form des Günter-Netzer-Scherenschnittes nicht mehr. Die letzten beiden großen Fußballzusammenkünfte der Weltelite haben gezeigt: Der neuralgische Punkt sitzt genau vor der Abwehr. Auf der Sechser-Position, der Relaisstation zwischen Abwehr und Angriff. Es könnte passieren, dass er in Zukunft noch weiter nach hinten rutscht.

Philipp Lahm, Heiko Westermann oder auch Neven Subotic sind Prototypen einer neuen Spezies Verteidiger. Sie sind polyvalent bis zur positionellen Grenzüberschreitung. Lahm etwa gestaltet das Spiel des FC Bayern schon längst über seine linke Außenbahn und könnte mit seiner Übersicht und seinen technischen Fähigkeiten auch ohne größere Schwierigkeiten im zentralen Mittelfeld spielen. Heiko Westermann hat das gegen Bochum bereits getan und funktioniert auch sonst überall wie aufgezogen. Links, rechts, Mitte. Ganz egal. Zur Not gibt er den dribbelstarken Außenstürmer und flankt präzise in die Mitte, wo er dann auch gleich noch steht um diese Hereingabe mit einem platzierten Volleyschuss zu verwerten.

Eine Mannschaft nur aus taktisch versierten, positionsunabhängigen Vorwärtsverteidigern mit Killerinstinkt und Gefühl im Fuß. Das alles wirkt wie ein feuchter Traum Ralf Rangnicks. Ganz unrealistisch ist er jedoch nicht.