Die neue Popularität der Zweitmannschaften

Baby Boomer

Von wegen Minusrekorde. Die Zweitvertretungen einiger Bundesligaklubs erfreuen sich großer Beliebtheit. Andere spielen vor einer Handvoll Leute.

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Das Stadion des hessischen Drittligisten SV Wehen steht nicht gerade kurz vor der Aufnahme ins Weltkulturerbe. Ein seelenlos dahingeklotztes Viereck aus Beton, Stahl und Plastiksitzen in bester Wiesbadener Stadtlage. Was Anfang August jedoch rund 700 Dortmunder Anhänger nicht daran hinderte, mitten in der Woche der Arena einen Besuch abzustatten, anlässlich des Gastspiels der Borussia-Amateure am 3. Spieltag der Dritten Liga in Wehen.

Der volle Gästeblock war kein Einzelfall, eine Woche zuvor waren 1000 Dortmunder nach Erfurt gefahren, daheim kamen fast 5000 Zuschauer gegen Holstein Kiel ins Stadion Rote Erde. Während sich bei den Heimspielen die Ultras und normale Fans die Waage halten, sind die Auswärtstouren stark von der aktiven Dortmunder Szene geprägt. Unter dem lokalkolorierten Signet »Ultras von die Amateure« gibt es stets klassischen Dauersupport.

Dass sich in Dortmund überhaupt eine regelrechte Amateurszene bilden konnte, war einem Zusammenspiel glücklicher Faktoren geschuldet. Da ist das Stadion Rote Erde, die alte traditionsgesättigte Heimstätte der Borussia im Kernschatten des Westfalenstadions. Da waren die im Vergleich zur Bundesliga und Champions League moderaten Ticketpreise. Da war der Aufstieg der zweiten Mannschaft in die Dritte Liga, wo deutlich mehr attraktive Gegner warteten. Und da war mit dem Online-Fanzine »Schwatzgelb« von Beginn an ein Medium, das ausführlich über die Spiele der Amateure berichtete und den Besuch der Roten Erde als Wochenendvergnügen offensiv anpries. »Da gab es eine klare Wechselwirkung zwischen den Anhängern und dem Fanzine«, sagt Malte Dürr, der mittlerweile schon seit zwölf Jahren für »Schwatzgelb« von den Amateur-Spielen berichtet.

Keine Abwendung von den Profis

Anfangs war der überschaubare Boom der zweiten Mannschaften als Frontstellung gegen den Profibetrieb interpretiert worden. Dort die kalte Bundesliga, hier die warmherzige Amateurklasse. Zumindest in Dortmund verhielt es sich anders. »Eine Handvoll älterer Fans geht tatsächlich nur noch zu den Amateuren, dazu kommen jüngere Fans, die keine Chance auf Bundesliga­tickets haben. Aber weit über­wiegend sind die steigenden Zuschauerzahlen keine Abwendung von der Bundesligamannschaft!«, sagt der BVB-Fanbeauftragte Jens Volke.

Ein Beleg für die nicht vorhandenen Grenzen: Mittlerweile dienen die Amateurespiele auch als Versuchslabor. »Erst werden die Lieder bei der Zweiten gesungen, dann auswärts und dann bei Heimspielen«, erklärt Volke den eingespielten Mechanismus. Manch ein Sprechchor wird jedoch nie den Weg auf die Südtribüne finden, weil er allein der Zweitvertretung huldigt. Etwa der Klassiker: »Wir gehn in keine Disco, wir gehn in kein Konzert, wir ham die Amateure, das ist der Samstag wert!« oder der freudestrahlende Gesang, als sich die Dortmunder anschickten, die Regionalliga zu verlassen, während der Konkurrent aus Gelsenkirchen noch da blieb: »Wir steigen auf, auf, aufsteigen wir! Eine Klasse besser als der S04!«

»Was steht auf jeder Möhre?«

Der Vergleich mit dem Schalke ist auch erhellend, wenn es darum geht, warum sich mancherorts die Unterstützung für den Nachwuchs in überschaubaren Grenzen hält. Auch in Gelsenkirchen gibt es seit vielen Jahren eine durchaus vitale Unterstützung der zweiten Mannschaft, der es in puncto Kreativität zunächst durchaus mit den Dortmundern aufnehmen konnte. »Was steht auf jedem Ei?«, fragte der Vorsänger, und der Block gab die Antwort: »Galatasaray!« Und so ging das weiter. »Was steht auf jeder Kordel?« – »DJK TuS Hordel!« Bis schließlich die Frage laut wurde: »Was steht auf jeder Möhre?« – »Schalke Amateure!«

Anders als in Dortmund fehlt jedoch mancher Wohlfühlfaktor, etwa ein richtiges Heimstadion. Bis 2006 hatten die Amateure in der traditionsreichen, allerdings ziemlich maroden Glückauf-Kampfbahn gekickt, seither pendeln sie zwischen dem Mondpalast in Wanne-Eickel und dem Jahnstadion in Bottrop. Dort halten sich die Zuschauerzahlen in Grenzen. Sogar gegen den alten Rivalen Rot-Weiss Essen kamen zuletzt in der Regionalliga nur knapp 1000 Zuschauer. Wenn die Pläne des Klubs jedoch bald umgesetzt werden, könnte die sogenannte »Knappenschmiede« ab 2017 im neuen Amateurstadion spielen, das auf dem Gelände des alten Parkstadions entstehen soll.

Letztlich verhält es sich auf Schalke jedoch wie bei vielen anderen Bundesligisten. Stehen attraktive Spiele an, lassen sich auch schon mal mehrere tausend Zuschauer mobilisieren, sonst eher nicht. Ein Beispiel dafür ist Mainz 05. Dessen zweite Mannschaft ist gerade frisch in die Dritte Liga aufgestiegen ist. »Beim Relegationsspiel gegen Neustrelitz waren über 6000 Zuschauer im Stadion«, erzählt der Fanbeauftragte Ben Praße, der aber auch einschränkt: »Die Zuschauerzahlen hängen stark vom Spielplan ab. Wenn die Profis ein Auswärtsspiel haben, fährt die aktive Szene natürlich eher dorthin.« Vieles hängt darüber hinaus von der Situation der Profimannschaft ab. Als etwa Arminia Bielefeld noch in der zweiten Bundesliga kickte, gingen regelmäßig mehrere hundert Fans zu den Amateurspielen. Das hat sich schlagartig reduziert, seit auch die erste Mannschaft gefühlt im Amateurlager spielt.

Einen wirklichen Kontrapunkt zum Dortmunder Boom setzten in den ver­gangenen Jahren nur zwei Klubs. Die Frankfurter Eintracht, deren Ultras seit jeher in großer Zahl bei den Amateur­spielen präsent waren und die gerade in der Nachbarschaft derart stimmgewaltig supporteten, dass die Erinnerung daran, etwa den Darmstädter Lilien noch heute Bauchgrimmen verursachen dürfte. Gleichwohl ist die Frankfurter Amateurszene inzwischen Geschichte. Wie einige andere Profiklubs hat auch die Eintracht ihre U23-Mannschaft zur neuen Saison abgemeldet, der Kosten wegen und weil sich inzwischen viel früher, nämlich in der A- oder B-Jugend entscheide, ob ein Talent den Sprung zu den Profis schafft.

Die spezielle Münchner Situation

Der Branchenprimus FC Bayern hingegen denkt nicht an eine Abschaffung. Was auch fatal für eine der wohl kreativsten Fanszenen des Landes wäre. Seit den neunziger Jahren werden dort in großer Zahl die Amateure unterstützt. Dass diese ihre Heimspiele im Stadion an der Grünwalder Straße austragen, das zwangsläufig eher mit dem Lokalrivalen TSV 1860 identifiziert wird, lösten die Anhänger früh durch eine konsequente Umbenennung. Willkommen in der Hermann-Gerland-Kampfbahn! 300 Anhänger aus der aktiven Szene sind bei Heimspielen dabei, schätzt Martin Brinkmann vom Club Nr. 12. 50 bis 100 Fans versuchen, bei allen Pflichtspielen vor Ort zu sein, und ein Kreis von 30 Leuten fühlt sich auch bei Testspielen dem Klub verpflichtet. So viel Hartnäckigkeit hat natürlich auch mit der speziellen Münchner Situation zu tun.«

Als Bayernfan wird man ja vom Großteil der Bevölkerung gerne als Erfolgsfan verschrien, und zweifellos resultiert die große Masse an Bayernfans zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Erfolgen und der massiven Medienpräsenz unseres Vereins«, sagt Brinkmann. »Daher war es schon immer der Anspruch der aktiven Fanszene, bewusst aus der großen Masse herauszustechen, und das geht hauptsächlich durch Engagement und Spielbesuche.«