Die neue Dimension der Smartphonisierung

Handy aus!

Die Fußballfans reisen nach Russland, um Fußball zu gucken. So weit die Theorie. Die Praxis zeigt: Die meisten sind nur damit beschäftigt, Selfies von sich zu machen.

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Wie oft ich in Russland mittlerweile fotografiert wurde, kann ich nicht genau sagen, ich tippe aber auf eine Zahl im oberen fünfstelligen Bereich. Und nein, das liegt nicht daran, dass ich besonders witzig angemalt bin oder einen Sombrero mit eingebautem Tequila-Spender auf dem Kopf trage, im Gegenteil, meistens spaziere ich mittelmäßig gelaunt durch die Gegend. Die Sache ist allerdings: Nahezu jeder Fußballfan zwischen Kaliningrad und Jekaterinburg hat sein Smartphone im Dauerfeuermodus.

Der Finger ununterbrochen auf dem Kamera-Auslöser, der Blick starr auf dem Bildschirm. Das Resultat ist faszinierend: Menschen machen Fotos von Menschen, die Fotos machen von Menschen, die Fotos machen von Menschen, die Videos machen. Mit dem Datenmüll, der in diesen Tagen in Russland produziert wird, könnte man die Internetserver der USA für das nächste Jahrzehnt lahmlegen.

Sie mussten natürlich filmen, wie sie gefilmt werden

Ich klinge wie ein alter, verbitterter Mann, der sich jeder technischen Neuerung verweigert und seit Jahren sehnlich auf das Comeback von Telex und Pferdekutsche wartet? Mag sein, bloß hier spielen sich wirklich skurrile Szene ab. Am Freitag bin ich einer Gruppe von marokkanischen Fans auf dem Weg ins Sankt-Petersburg-Stadion gefolgt. Die ganze Strecke über hielten die Fans ihre Smartphones beliebig in die Gegend und machten Bilder. Einmal blieben sie stehen und bejubelten ein Motiv, als hätten sie Atlantis entdeckt. Dabei war da einfach ein Mann mit einer seltsamen Frisur, die ein wenig an Dieter Bohlens Frühphase und Abel Xaviers Spätphase erinnerte.

Die Fans machten 1538 Fotos (Schätzwert). Danach machte der Mann mit der seltsamen Frisur 74 Videos (Schätzwert) von der Gruppe. Und schließlich bat ein Fernsehteam die lustige Gruppe vor ihre dicken Profikameras. Für die Fans war das natürlich keine einfache Situation, denn sie mussten natürlich filmen, wie sie gefilmt werden. Die Lösung: Der Reporter hielt sein Mikrofon in der Hand und das aufnahmebereite Smarthone eines Fans in der anderen. Auf etwa 89 Prozent dieser ganzen Film/Foto/Selfie-Parade bin ich übrigens zu sehen. Meistens vermutlich über mein Smartphone gebeugt, um eines meiner mittelmäßigen Bilder bei Instagram zu teilen.

Neue Dimension der Smartphonisierung


Dass Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen sehr viel fotografieren, ist kein neues Phänomen. Angefangen hat es 2007, als das erste Smartphone in die Läden kam. Auch 2010 und 2014 haben die Fans Terrabyte große Datenmengen aus Südafrika und Brasilien mit nach Hause gebracht. Dieses Jahr aber erleben wir eine neue Dimension der Smartphonisierung. Die Technik ist ausgereifter, die Apps nutzerfreundlicher, das Internet billiger und schneller. Einige Fans haben Go-Pros an ihre Fahnenstöcke befestigt, andere filmen stereo mit zwei Smartphone gleichzeitig. Man würde sich nicht wundern, wenn die Spieler demnächst mit Selfiesticks aufs Feld laufen. 

Die Menschen sind also vornehmlich damit beschäftigt, einen Moment zu dokumentieren, anstatt ihn wahrhaftig zu erleben. Sie laufend schon filmend oder fotografierend auf ihn zu, und nur wenn danach noch Zeit bleibt, schauen sie kurz auf, um sich zu vergewissern, dass sie ihr Bildschirm nicht angelogen hat. Man möchte ihnen zurufen, das ist echt, etwas Unmittelbares, etwas Direktes, und du kannst es live erleben. Aber vermutlich reagieren sie nur auf Kommentare unter ihren Instagram-Posts oder Youtube-Videos.