Die nächste Generation: Toni Kroos

Eine andere Qualität

Wer wird den Fußball der Zukunft prägen? Wir stellen Talente vor, denen wir genau das zutrauen. Zum Beispiel Toni Kroos vom FC Bayern, dem Miro Klose schon jetzt das Prädikat „Weltklasse“ verleiht. Also, Uli Hoeneß: Lass ihn endlich raus! Imago Der Vulkan eruptierte wieder, die Abteilung Attacke hatte sich in Stellung gebracht: »Wir müssen alle miteinander aufpassen, dass wir die Jungen im Zaum halten«, schoss es aus Uli Hoeneß heraus. Wenn der Bayern-Manager derart aus der Haut fährt, musste etwas Besonderes geschehen sein.

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Toni Kroos, seit gut einem Jahr in München, seit drei Monaten im Profikader und seit zehn Minuten auf dem Platz hatte das zuvor aussichtslose UEFA-Cup-Spiel gegen Roter Stern Belgrad praktisch im Alleingang gedreht. Und Hoeneß legte nach: »Ja gut, der Freistoß. Aber den Freistoß werden wir zwei auch noch schaffen. Oder?«, meinte er zum Reporter. Wirklich? Eher erinnerte Kroos’ Siegtreffer an Ronaldinhos frechen Freistoß gegen Bremen in der letzten Saison, als er mit Absicht den Ball flach unter der Mauer hindurch schoss. Vielleicht ist der Vergleich übertrieben, wahrscheinlich wird Toni Kroos nie eine festgeschriebene Ablösesumme von 155 Mio. Euro haben. Aber auch Ronaldinho debütierte schon mit 17 für Grêmio in seiner Heimatstadt Porto Alegre, zeigte sein außergewöhnlichen Fähigkeiten erstmals bei einer U17-Weltmeisterschaft in Ägypten, die er 1997 mit Brasilien gewann. Bei Kroos war es die Junioren-WM 2007 in Südkorea, bei der Deutschland Dritter wurde, das beste Ergebnis seit 22 Jahren. Beide sind echte Zehner, bestechen durch ihre exzellente Technik, ihre Passgenauigkeit, setzen ihre Mitspieler spektakulär in Szene und schießen selbst reichlich Tore. Ronaldinho war spätestens nach seinem Wechsel zum FC Barcelona Weltklasse, über Toni Kroos sagt sein Mannschaftskollege Miroslav Klose: »Der ist jetzt schon Weltklasse«.

Die Jugend ist keine Herausforderung mehr

In Deutschland wird so etwas nicht gern gehört. Dort ist man mit 22 noch ein hoffnungsvolles Talent und soll ja nicht verheizt werden, von den Medien, den Fans, den eigenen Erwartungen. Erfahrung zählt mehr als Klasse. Sebastian Deisler gilt als warnendstes aller Beispiele, der so Hochbegabte, der sich längst vom Fußball abgewandt hat. Aber warum nur schaffen es in anderen Ländern Spieler mit 17, schon zu Stars zu werden und trotzdem nicht unter dem Berg der Hoffnungen begraben zu werden, wie die Rooneys und die Cristiano Ronaldos, die Messis und die Fàbregas? Wieso muss man in Deutschland die Talente so behutsam aufbauen, dass sie erst mit 20 Jahren oder später dem rauen Bundesliga-Klima ausgesetzt werden. Was soll Toni Kroos noch in der A-Jugend oder den Amateuren des FC Bayern, wenn selbst sein A-Jugend-Trainer Kurt Niedermayer über ihn sagt, dass »die Jugend für Toni keine Herausforderung mehr darstellt«? So wie bei der U17-WM, als der Kapitän den Goldenen Ball gewann, als Auszeichnung für den besten Spieler des Turniers, noch vor dem Nigerianer Macauley Chrisantus, der gerade zum HSV gewechselt ist und Spaniens Wunderjungen Bojan Krkic vom FC Barcelona.

»Ich spiele gerne Fußball, mehr nicht«

Es müssen die Gene sein. Sein Mutter Birgit war DDR-Meisterin im Badminton, sein Vater Roland war ein guter Ringer, trainierte seinen Sohn erst beim Greifswalder SC und nahm ihn 2002 mit nach Rostock, als er C-Jugendtrainer des FC Hansa wurde. Schließlich sein jüngerer Bruder Felix, der ihm nacheifern will, noch bei Hansa spielt. Dessen Traum ist es ebenfalls, mal beim FC Bayern zu spielen. Toni hat ihn sich schon erfüllt und gab damit Schalke und Bremen, sogar dem FC Chelsea einen Korb, nachdem die Talentscouts europaweit auf ihn aufmerksam geworden waren. In Rostock hatte man sich schon lange vorher zugeraunt, dass hier wohl das größte Talent aller Zeiten seine Runden dreht. Eine Weile versuchte man, ihn unter Verschluss spielen zu lassen – vergeblich, die Bayern holten ihn mit 16 in ihr Internat, zahlten 100 000 Euro, ungewöhnlich viel für einen B-Jugend-Spieler. Nun stellen die Experten schon die Rechnungen auf, um wie viel sich sein Marktwert in den nächsten Jahren potenzieren wird. Ronaldinho wechselte 2003 für 32,25 Mio. Euro zum FC Barcelona.

Der Beste

Sein A-Jugendtrainer Niedermayer sagt über Toni Kroos, er verstehe es, seine Fähigkeiten auch gegen starke Gegner umzusetzen. Roter Stern gehört derzeit wohl nicht zu Europas Spitzenklasse, aber die Umstände waren außergewöhnlich. Das Spielfeld ein Acker, auf den Rängen 45 000 Fanatiker und nur noch 10 Minuten zu spielen. Neben ihm standen Zé Roberto und Bastian Schweinsteiger, doch in diesem Moment, bei diesem einen Freistoß, ging es nicht »um Alter, sondern um Können. Er ist da der Beste«. Sein Trainer Ottmar Hitzfeld hat offensichtlich weniger Angst vor Superlativen als sein Manager.

In den gleichen Belgrader Nachthimmel, in den Uli Hoeneß vor gut 31 Jahren den entscheidenden Elfmeter im EM-Finale gejagt hatte, schickte er auch seine Warnungen an die versammelten Reporter: »Es ist nicht gut, wenn sie so hochgejubelt werden«. Zehn Tage später lief Kroos wieder für die Zweite Mannschaft der Bayern auf, gegen Sandhausen, vor 560 Zuschauern im Stadion an der Grünwalder Straße. Er legte ein abgepfiffenes Tor für Ismaël auf und machte in der 81. Minute den 3:1-Sieg selbst klar. Trainer Herrmann Gerland, sonst die Bärbeißigkeit in Person, sprach hinterher von »einer anderen Qualität«.