Die nächste Generation: Karim Benzema

Tore für die Vorstädte

Karim Benzema von Olympique Lyon ist eine Symbolfigur für den Fußball von morgen und für die Gesellschaft von heute. Er stammt aus der unterprivilegierten Vorstadt – und gibt mit seinen Toren seinen Nachbarn den Stolz zurück. Imago Nur kurz nach dem Inferno ging sein Stern auf. Karim Benzema, 17-jähriger Stürmer von Olympique Lyon trug sich in die Torschützenliste des Spiels gegen Rosenborg Trondheim ein, als Frankreichs Vorstädte noch loderten. Während er in der 33. Minute im Stade Gerland zwei hüftsteife Norweger aussteigen ließ und hinter Torwart Johnsen einnetzte, beseitigte man nur wenige Kilometer nördlich des Lyoner Stadions die Überreste der Straßenschlachten, die sich seine Altersgenossen über Wochen mit der Polizei geliefert hatten. Es war Benzemas erstes Tor als Profi.

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An diesem Nikolaustag des Jahres 2005 machte Benzema nicht nur sein erstes Champions-League-Spiel. Er zeigte auch der Grande Nation, dass die Migranten, und besonders die der zweiten Generation wie er, nicht nur wertloses »Gesindel« sind. Wenn er »weggekärchert« worden wäre, wie der damalige Innenminister Sarkozy forderte, hätte Frankreich eine große Hoffnung für die Europameisterschaft 2008 weniger. Heute sagt der Französische Staatspräsident Sarkozy: »Integration ist wie Fußball: Es gibt klare Regeln.« Auch Benzema wurde in einer dieser gesichtslosen Vorstädte Frankreichs, einer banlieue Lyons, geboren. Keine Ghettos, hier wohnen auch viele alteingesessene Franzosen, aber was die Bewohner eint, ist ihre Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Als Jugendlicher schafft man es hier nur als Rapper oder Fußballer heraus. Benzema entschied sich für den zweiten Weg und ging ihn mit Konsequenz. Er kämpfte sich nicht nur durch alle Jugendmannschaften Olympiques, sondern eignete sich auch ein unglaubliches Fachwissen an, weshalb er von seinen Mitspielern gelegentlich als »Fußballenzyklopädie« verspottet wird. In jeder freien Minute schaut er sich Spiele an, brennt Szenen auf DVD und vervollständigt seine Sammlung.





Ein Phänomen als Vorbild


So lernte er alles über sein großes Idol Ronaldo, seit dessen Wechsel zum FC Barcelona 1996 verfolgte er seine Karriere. Ronaldo? Ja, nicht an Zinedine Zidane, der es allen Einwanderern vorgemacht hat, orientiert sich Benzema, sondern am brasilianischen Phänomen, mit dem er fußballerisch viel mehr gemein hat. Er will am liebsten auf der Mittelstürmerposition spielen, und nicht auf den Außen, wo er zu Beginn seiner Karriere eingesetzt wurde. Tatsächlich ähnelt Benzema mit seinen 73 Kilo bei 1,83 Meter dem jungen Ronaldo, der so vielseitig und deswegen so unberechenbar war. Auch der junge Franzose schießt seine Tore wahlweise mit links, mit rechts, per Kopf, per Abstauber, per Weitschuss oder ganz schnöde: Er verwandelt einen Elfmeter. Mit seiner Technik, seiner Durchsetzungskraft, seiner Geschwindigkeit, seinen Dribblings und seiner Ruhe vor dem Tor erinnert er an Ronaldo in seinen besten Tagen. Als er noch nicht mit Übergewicht über den Platz trabte. Über seinen Helden sagt Benzema: »Seit Kindestagen war Ronaldo mein Bezugspunkt, meine Inspirationsquelle.«


Und doch könnte er der legitime Nachfolger des großen Zizou werden. Seine Eltern stammen ebenso wie die Zidanes aus der Kabylei, einer kargen Region Algeriens, in der das Volk der Kabylen mit seiner eigenständigen Sprache seit Jahren von der Staatsmacht unterdrückt wird und die aus diesem Grund seit Jahren zu Hunderttausenden nach Frankreich auswandern. Ebenso wie Zidane entschied er sich, für Frankreich und nicht das Land seiner Vorfahren zu spielen, obwohl er sagt, dass Algerien in seinem Herzen sei. Damit gab er nicht der Forderung vieler Franko-Araber nach, ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung der Migrantenkinder zu setzen. So spielt er mittlerweile mit den andern beiden beurs des großen Jahrgangs 1987, der 2004 Junioren-Europameister wurde, seinem Teamkollegen Hatem Ben Arfa und Samir Nasri von Olympique Marseille, in der Equipe Tricolore. Und schließlich ist er genau so still und kamerascheu wie der große Zizou. Wenn er interviewt wird, schaut er verlegen zu Boden und bei Fragen zu seinen Toren lobt er ausschließlich die Vorbereiter, wie Juninho und Kim Källström.

Mutter kocht so gut

Die beiden also, die ihn zugegebenermaßen auch glänzend einsetzen, wie bei seinem Hattrick gegen Metz im September, als er dreimal nur noch einschieben musste. Aber in solchen Situationen verwandelt er auch eiskalt, nicht wie ein 19-Jähriger, und hat damit in dieser Saison zwölf Tore nach 16 Spielen geschossen. Dann kommen die üblichen Verdächtigen und überbieten sich gegenseitig. Der AC Mailand, Juventus Turin, Arsenal und natürlich Real, das eine Alternative zu van Nistelrooy haben will. Doch Benzema verlängerte seinen Vertrag bei OL vor kurzem bis 2012. Ein Grund dürfte sein, dass seine Mutter so gut kocht, wie er lächelnd zugibt. Er wohnt immer noch bei seinen Eltern, zusammen mit seinen acht Geschwistern. »Mein Vater und meine Brüder sind mein tägliches Leben. Sie geben mir die richtige Balance«, sagt er. Aber man muss sich auch fragen, was mit ihm passiert wäre, wenn er nicht dieses außergewöhnliche Talent hätte; was schief läuft, im Frankreich dieser Tage.

Die Mülltonnen und die Autos brennen wieder im Herbst 2007, zwei Jahre nach den Unruhen. Stärker als zuvor. Die Jugendlichen schießen mit jetzt mit Schrotflinten auf die Polizisten. Sarkozy ist mittlerweile Präsident und hat vor kurzem einen Gentest für Zuwanderer eingeführt. Und Benzema schießt weiterhin Tore. Für Olympique, für Frankreich und ein bisschen auch für das Gesindel.



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