Die magische Nacht von Bremen

Romantik´s not dead

Werder Bremen mag zwar aus dem internationalen Wettbewerb geflogen sein, doch die Norddeutschen haben dem europäischen Fußball – wieder einmal – etwas zurück gegeben, was längst als überholt galt: Romantik. Die magische Nacht von Bremen Torsten Frings, das darf man an dieser Stelle sicherlich so deutlich sagen, ist kein Freund der rasenverliebten Sozialromantik. »Scheißegal«, antwortet Frings auf die Ansicht eines TV-Reporters, das Spiel der Bremer gegen Valencia sei doch trotzdem schön gewesen, »wir sind ausgeschieden. Alles andere ist doch völlig egal.«

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Nun kann man Profifußballern nicht vorwerfen, dass sie eine Niederlage verfluchen und sei sie noch so ansehnlich gewesen, wie das Ausscheiden des SV Werder Bremen im Achtelfinale der Europa League. Niederlagen zählen im professionellen Sport nichts, sie sind das, was man unter allen Umständen verhindern möchte, verhindern muss. Also liegt es an uns, den Außenstehenden, den Fußball-Verliebten, in dem aufregenden 4:4 der Bremer gegen Valencia etwas ganz Besonderes zu erkennen. Scheinbar haben ausgerechnet die als »kühle Norddeutsche« eingestuften Bremer ein Talent dafür so dramatische Spielverläufe zu erzeugen, dass sich selbst desinteressierte Beobachter bei einer gänzlich unbekannten Leidenschaft für dieses Spiel ertappen.

Dieses 4:4 war etwas ganz Besonderes

1:3 wies die Anzeigentafel im Weserstadion an, als beide Mannschaften in die Kabinen trotteten. Bremen war eigentlich ausgeschieden, eigentlich. Weil aber die Zuschauer eine berauschende erste Halbzeit gesehen hatten, bei der die Gastgeber scheinbar in jeder Sekunde in der Lage gewesen waren ein Tor zu erzielen, wollte sich kein Zuschauer zu einer negativen Prognose verleiten lassen. Das liegt an der Bremer Europapokalhistorie, gemeinhin als »Wunder von der Weser« abgetan und am aktuellen Kader, der mal grottenschlecht und dank seiner übermäßig talentierten Einzelkönner mal überragend spielen kann. Gegen Valencia war die Abwehr überfordert, phasenweise chancenlos, doch die Offensive so mutig, so angriffslustig, als ginge es darum dem Bremer Publikum ein allerletztes Mal vom eigenen Können zu überzeugen. Teilweise wirkten Bremens Dribbler um den sagenhaften Marko Marin wie kleine Jungs, die auf dem Schulhof die hübschesten Mädchen der Klasse becircen möchten.

Und tatsächlich gelangen den Werderanern noch drei Treffer, was zwar nicht zum Weiterkommen reichte (Valencia schoss einfach immer auch ein Tor), dafür aber die Zuschauer wie knallverliebte Teenager auf den Heimweg schickte. So hemmungslos hatten sich die Bremer Angriffe auf das Tor von Cesar Sanchez ergossen, dass man für 90 Minuten endlich einmal das ganze Gesülze von kontrollierter Raumverteilung und strategischen Verschieben vergessen konnte. Wer den Ball bekam, und meist war das Marin, der rannte einfach Richtung gegnerisches Tor. Versuchte Valencia mal eine ruhige Kugel zu schieben, dann hetzte irgendein Bremer dazwischen, wie ein junger Hund im Stadtpark.

Das Bremer Fußballprojekt der Sozialromantik war vielleicht nicht erfolgreich – ein Riesenspaß war es auf alle Fälle.