Die letzten Pyros drohen zu erlöschen

Lodernde Glut, glodernde Flut

Mein Licht ist aus, ich geh' nach Haus: Die bengalischen Feuer werden in der Bundesliga nicht mehr gern gesehen. Überall haben Ordner den Schaumschlauch im Anschlag. Dabei sind die Pyros der Leben spendende Funke jedes Blocks. imago images
Wer kennt das nicht: Früher, im männlichen vorpupertären Alter, als man sich noch einen feuchten Kehricht um weibliche Mitmenschen scherte, galt die Konzentration in der frühen Jahreszeit vor allem dem Resteverwerten der Böller im Schuppenschrank. Herrlich, Maulwürfe mit dem Kanonenschlag verjagen, den Sandkasten mit dem Doppel-D in einen Minenfeld verwandeln.

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Nun, bei einigen hat der Reiz der unverbrannten Post-Silvester-Ware immer noch nicht an Wirkung verloren. Nur sind es heute Rauch und Feuer, die das Herz höher schlagen lassen. Zu Silvester war es nämlich noch OK das von der letzten Auswärtsfahrt übrig gebliebene bengalische Feuer auszupacken, Schnur zu ziehen und dem guten alten Seenotfeuer seinen Auftritt zu verschaffen. Silvester ist vorbei, bald öffnen die Stadien wieder ihre Tore und Tribünen. Doch wer heutzutage in den deutschen Profiligen die Pyro-Fackel schwenkt wird behandelt, wie ein US-GI in einem afghanischen Bergdorf.


Dabei ist das Bengalo doch ein absolutes Spektakel für jeden Stadionfreund. Und ein unvergessliches Erlebnis für denjenigen, der selbst einmal die Schnur vom Seenotfeuer gezogen hat.

Treibjagd im Werder-Block


Leider sind diese fackelnden Farbexplosionen im vergangenen Jahr zumindest in deutschen Fankurven der ersten und zweiten Liga wieder rarer geworden. Jeder Versuch ist bereits strafbar und wird von zornigen Ordnern unterdrückt. Quäkende Stadionsprecher ermahnen die Masse mit erhobenen Zeigefinger in der Stimme zur Vorsicht. Freunde der Fackeln haben es nicht leicht in den deutschen Profiligen. Ein Werder-Kollege erfüllte sich vor einigen Jahren den Traum und entzündete im Auswärtsblock des Dortmunder Westfalenstadions die Pyro-Fackel, allgemeine Freude bei den Bremer Fans. Dumm nur, dass die scheinbar auf Zündelei aller Art heiß gemachte Dortmunder Stadion-Polizei den guten Mann danach eine satte halbe Stunde durch den Block jagte. Glücklicherweise ohne Erfolg, das helfende Dickicht an hanseatischen Beinen schützte den Feuerwerker vor den Strategen in Grün.

Andere Szene in Italien, Guiseppe-Meazza in Mailand 2006: Vor dem Champions-League-Spiel Inter gegen Werder steht die wartende Meute in der Schlange vor den Eingangstoren. Ein Kollege der (damals noch existierenden) Bremer Ultra-Gruppierung Eastside zerrt einen vollbepackten Leinensack Richtung Ordner. Der - sinnigerweise neben einem Verbotsschild, das auf unerlaubte Mitbringsel (Feuerzeuge, Hunde, Handgranaten) hinweist - postierte Wächter drängt den Bremer, den Sack zu öffnen. Inhalt: Feuerwerkskörper, die problemlos einen überflüssigen Staudamm sprengen könnten. Spröder Kommentar des Italieners: „No problem“. Eine Stunde später erlebten die Bremer Fans den wohl unvergessensten Champions-League-Einlauf aller Zeiten, als zu den Klängen der Uefa-Melodie zwei Dutzend rote Fackeln in den Mailänder Nachthimmel gereckt werden.

Das Ausland, insbesondere Italien, ist für Anhänger der Stadionfackeln zu einem Zufluchtsort geworden. In Deutschland ist das höchstens in den unteren Ligen möglich. Abgesehen von wüsten Brandsetzungen - im zurückliegenden Jahr von den Fans von Hansa Rostock demonstriert - die nun wahrlich nicht zu einem friedlichen Kurvenbild beitragen, sind Pyro-Fackeln oft das Salz in der Suppe auf den Rängen. Politiker, Sicherheitskräfte und Vereinsführungen verurteilen das Fackeln auf den Tribünen scharf, von Kriminalisierung der Zuschauer ist zu hören. Gleichzeitig ist jedes Hinweisschildchen, das beim DSF auf eine nachfolgende Sendung aufmerksam macht, die nicht für minderjährige Zuschauer geeignet ist, mit einer kochenden Fanmasse untermalt, die – was wohl? – eifrig die Pyros schwenkt. Und ebenso ekstatische Szenen in italienischen, französischen oder türkischen Stadien werden von den Berichterstattern als tolle südländische Atmosphäre verkauft. Die gleichen Stimmen sind ganz schnell dabei, wenn es ähnliche Aktionen auf deutschen Boden zu verurteilen gibt, ohne Umschweife werden die betreffenden Fangruppen als „Chaoten“ tituliert. Aktionistische Scheinheiligkeit.

Hilfssheriff Nowotny hat Angst vor Feuer


Der allseits umsichtige DFB hat vor einigen Jahren mit gewohnt souveräner Lockerheit reagiert und ein Anti-Pyro-Video veröffentlicht, in dem sich unter anderem die von feuriger Glut nur so durchdrungenen Christian Wörns und Jens Nowotny negativ zu diesem Thema äußern. „Auch wir Spieler sind abgelenkt, wenn auf den Rängen so gefährliche Feuerwerkskörper angezündet werden“, stotterte Hilfssheriff Nowotny. Muss mit Sicherheit grausam für die Spieler sein, in einen brodelnden Kessel voll jubelnder Zuschauer einzulaufen, die zu allem Überfluss noch in rötliche Glut eingetaucht sind.

Die für ihre bunten Aktionen bekannten Ultras der Fortuna aus Düsseldorf haben damals fix reagiert und ihre Anti-Anti-Pyro-Video online gestellt. Und selbst beim hundersten Mal läuft einem noch der Schauer über den Rücken, sieht man die zündelnde Masse in Wuppertal oder Osnabrück. Schon ein Klassiker unter den besinnlichen Weihnachts-Fußballvideos.

Quasi ein brennendes „Dinner for one“ der Kurvenoptik. Und das ein oder andere alkoholische Kaltgetränk war mit Sicherheit auch bei den Düsseldorfern mit im Spiel.

Der Fan hat 37 Grad. Das Video der Düsseldorf-Ultras:


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Alex Raack betreibt den durchtrainierten Blog „3eckeneinelfer“ www.3eckeneinelfer.de