Die letzte verrückte Bundesligasaison

Ein aus der Zeit gefallener Onkel

BAYERN MÜNCHEN
29. SPIELTAG
0:1 verliert der FC Bayern gegen Schalke. Noch einmal führt Jürgen Klinsmann im hellblauen Oberhemd an der Seitenlinie seinen Veitstanz auf, geht jede Spielsituation pantomimisch mit. Oben auf der Ehrentribüne, neben Uli Hoeneß, sitzt Jupp Heynckes. Das Schicksal will es, dass er ausgerechnet heute einer Einladung seines alten Freundes gefolgt ist. Nach dem Spiel werden die beiden am Tegernsee im Haus von Hoeneß essen und den Abend bei einem Glas Rotwein ausklingen lassen. Als Heynckes am nächsten Tag zurück nach Düsseldorf fliegt, tagen an der Säbener Straße die Bayern-Bosse. Und als Heynckes in der Rheinmetropole landet, hat er bereits eine Nachricht auf dem Handy: Sofort zurückkommen! Am trainingsfreien Montagmorgen wird das Kapitel Klinsmann offiziell beendet, mit sofortiger Wirkung übernehmen Heynckes und Hermann Gerland. »Es ist vollbracht«, heißt es in einer SMS, die ein Bayern-Spieler nach dem Rauswurf an einen TV-Journalisten schickt. Bei all seinen Erneuerungen hat der Schwabe offenbar eine Kernkompetenz des Trainerberufs vernachlässigt: den Umgang mit seinen Spielern. Und Uli Hoeneß antwortet jenen, die Klinsmann mit dem frischgewählten US-Präsidenten vergleichen: »Wenn er der Obama des deutschen Fußballs ist, bin ich Mutter Theresa.«

HAMBURGER SV
31. SPIELTAG
In Hamburg ereignet sich eine Tragödie in vier Akten. Der HSV verspielt in nur 19 Tagen alles – und jedes Mal heißt der Gegner Werder Bremen. Bis dahin ist im DFB-Pokal, im UEFA-Cup und in der Meisterschaft alles möglich, dann aber treffen die Hamburger innerhalb kürzester Zeit in allen drei Wettbewerben viermal auf den Rivalen von der Weser. Es beginnt mit dem DFB-Pokalhalbfinale, in dem der HSV im Elfmeterschießen scheitert. Das Rückspiel im UEFA-Cup steht auf des Messers Schneide, als eine auf dem Spielfeld liegende Papierkugel einen Eckball verursacht, den Frank Baumann zum vorentscheidenden Bremer Treffer einköpft. Im Banne dieses Fluchs verlieren die Hamburger auch das Meisterschaftsspiel – und schließen die Saison als Tabellenfünfter ab. Martin Jol, der HSV-Trainer, der nach der Saison das Weite sucht, gibt zu Protokoll: »Ich kann Bremen nicht mehr sehen.«

VFB STUTTGART
33. SPIELTAG
In einer Saison, in der fast jeder Klub aus der oberen Hälfte mal als Tabellenführer grüßt, lacht Stuttgart um ein Haar zuletzt. Der VfB, der die Rückrunde noch einen Platz weiter südlich begonnen hat als Wolfsburg, nämlich auf Rang zehn, hat vor dem letzten Spieltag eine realistische Chance auf den Titel. Und das, obwohl mit Markus Babbel als Nachfolger des glücklosen Armin Veh ein Mann auf der Bank sitzt, der nicht einmal über eine Fußballlehrerlizenz verfügt.

ARMINIA BIELEFELD
34. SPIELTAG
Im Saisonverlauf ist der DSC Arminia meist in den niederen Tabellenregionen unterwegs, steht aber selten ganz unten drin. Dann allerdings verliert das Team mit 0:6 in Dortmund, verharrt vor dem letzten Spiel auf Platz 16 und animiert die Klubführung zu einer bemerkenswerten Panikreaktion: Sie entlässt Trainer Frontzeck und verpflichtet den als »Feuerwehrmann« populären, doch seit vier Jahren emeritierten Jörg Berger. Der wirkt auf den Kader indes weniger wie ein Retter, sondern wie ein etwas aus der Zeit gefallener Onkel. »Er hat viele Einzelgespräche geführt«, sagt Artur Wichniarek, damals bester Torschütze, »aber was willst du in fünf Tagen groß ändern?« Zu Wichniarek meint Berger, er solle weiter so spielen und seine Buden machen, dann sei alles in Ordnung. »Da hat er mir aber nichts Neues gesagt.« Die Arminen stürzen auf Platz 18 und Jörg Berger ist so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

HERTHA BSC
34. SPIELTAG
Am letzten Spieltag vergeigt Hertha die Qualifikation für die Champions League, durch ein 0:4 beim Absteiger Karlsruher SC. Nicht nur Andrej Woronin wundert sich über Lucien Favres Aufstellung, denn der Trainer verbannt sowohl ihn als auch Kapitän Arne Friedrich auf die Bank. Im Hertha-Umfeld hält sich hartnäckig die abstruse Verschwörungstheorie, dass sich der am Saisonende scheidende Manager nicht die Qualifikation für die Königsklasse ans Revers heften soll. Tatsächlich verlässt Dieter Hoeneß nach einem Machtkampf mit dem Präsidium den Klub. Im Jahr darauf steigt Hertha ab, Favre wird nach dem siebten Spieltag entlassen.

VFL WOLFSBURG
34. SPIELTAG
Der VfL besiegt den SV Werder mit 5:1. Die Mannschaft legt nicht den Hauch eines Zweifels an den Tag, dass sie bereit für den Titel ist. »Wir waren von den Fähigkeiten jedes Spielers absolut überzeugt, wir hatten das Team ja in Gänze zusammengestellt«, erklärt Magaths Co-Trainer Bernd Hollerbach die Architektur des Meisterteams, »und natürlich war da das geniale Zusammenspiel, das unser Offensivtrio Misimovic, Dzeko und Grafite an den Tag legte.« Felix Magath beendete zu seiner aktiven Zeit erfolgreiche Spielzeiten stets mit einem feuchten Abend im Hamburger Szenelokal »Zwick«, wo er am Tresen saß und so lange Rotwein in sich hineinschüttete, bis es nicht mehr ging. In Wolfsburg kommen auf ihn nun aber behördliche Pflichten zu. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt darf er kurz am Weißwein nippen, dann tritt er gegen 22 Uhr vor 100 000 Fans auf und sagt mit einer satten Portion magathscher Ironie: »Ich bin ja seit einiger Zeit im Geschäft, aber ich muss sagen, es war auf keiner Station so schön wie hier.« Sein Engagement endet an diesem Tag. In wenigen Wochen wird er seinen Dienst auf Schalke antreten.