Die letzte verrückte Bundesligasaison

Nerlinger zweifelt

BORUSSIA DORTMUND
4. SPIELTAG
Als Jürgen Klopp in Dortmund anheuert, hat der Klub sportlich schwere Jahre und eine Beinahe-Insolvenz hinter sich. Doch auch der ehemalige Mainzer Coach muss erst noch beweisen, dass der westfälische Traditionsverein seine Kragenweite ist. Im Derby gegen Schalke liegen Klopps Borussen schon mit 0:3 hinten, kurz darauf vergibt Kevin Kuranyi eine hundertprozentige Chance zum sicheren 0:4. Stattdessen kommt Dortmund durch ein Abseitstor und einen unberechtigten Handelfmeter noch zum 3:3. Manchmal entscheidet sich der Verlauf einer Trainerkarriere an einem einzigen Tag.

BAYERN MÜNCHEN
5. SPIELTAG
Nach 67 Minuten liegt Klinsmanns Elf mit 0:5 gegen Werder zurück. Zu Hause. Zum Wiesn-Auftakt. Auch zwei Tore von Tim Borowski gegen seinen Ex-Klub können das Debakel nicht verhindern. In der Folge wird Kritik am 3-5-2-System und dem Hang des Trainers zur Radikalrotation laut. Christian Nerlinger ist der Erste, der seine Zweifel auf der Geschäftsstelle offen kundtut. Doch als der Teammanager zaghaft vorbringt, dass der Trainer-Coup möglicherweise ein Fehler gewesen sein könnte, wollen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß nichts davon wissen. Dabei nennen die Spieler den Trainer mit dem Sonnyboy-Lächeln inzwischen hinter vorgehaltener Hand »den Hi-Hi-Hi«. Später sagt »Sommermärchen«-Held Bastian Schweinsteiger zu den Bossen: »Warum habt ihr uns nicht vorher wenigstens mal gefragt? Dann hätte ich euch gesagt, wie es bei der Nationalelf gelaufen ist.« Was er meint: Klinsmann war als Bundestrainer für alles zuständig, nur nicht für die Arbeit auf dem Rasen. Die hat Jogi Löw gemacht.

TSG HOFFENHEIM
6 . SPIELTAG
Die TSG Hoffenheim ist sicher nicht der beliebteste Bundesliganeuling, doch im Herbst 2008 machen viele Freunde des schönen Spiels vorübergehend ihren Frieden mit dem Team aus dem Kraichgau. Verantwortlich dafür ist ausgerechnet eine Niederlage: In Bremen verlieren die Hoffenheimer mit 4:5, nachdem sie zuvor einen 1:4-Rückstand aufgeholt haben. Es ist das spielerisch spektakulärste Spiel der gesamten Saison, und auf einmal passiert etwas, was die Verantwortlichen der TSG sich von Anfang an erhofft haben: dass ihre Mannschaft nicht mehr nur als von Dietmar Hopp alimentierte Millionentruppe gesehen wird, sondern als eine Ansammlung junger Himmelsstürmer, die mit berauschendem Angriffsfußball das Publikum verzaubern. »Als wir mit dem Bus vom Stadion zum Flughafen gefahren sind, haben sogar die Bremer Fans applaudiert«, erinnert sich der damalige Manager Jan Schindelmeiser. 4:1 gegen Dortmund, 5:2 in Hannover, 3:0 gegen den HSV: Im Verlauf der Hinrunde spielen Carlos Eduardo, Chinedu Obasi und Demba Ba die Gegner zeitweise in Grund und Boden, während vorne der Bosnier Vedad Ibisevic so verlässlich knipst, dass sich manche schon an den ewigen Gerd Müller erinnert fühlen. Und der auch nicht schlechte Innenverteidiger Matthias Jaissle ist nach jedem Training heilfroh, »dass die Jungs am Wochenende in meinem Team sind«.

HERTHA BSC
7. SPIELTAG
In der zweiten Saison von Lucien Favre hält sich Hertha BSC von Anfang an im Vorderfeld auf. Das ist zum einen den beiden Stürmern Marko Pantelic und Andrej Woronin zu verdanken, auch wenn Favre meist nur einen von beiden auflaufen lässt. Zum anderen aber auch der stabilen Defensive um die beiden international erfahrenen Verteidiger Josip Simunic und Arne Friedrich. Und dann ist da noch Torwart Jaroslav Drobny. Der knapp 30-jährige Tscheche ist auf dem Zenit seines Schaffens. Dass die Berliner in Leverkusen mit 1:0 gewinnen, ist allein ihm zu verdanken, was Lucien Favre nach dem Spiel zu einem interessanten Vergleich animiert. »Drobny«, sagt er, »hat gehalten wie Jesus.« Auch der Trainer selbst erarbeitet sich in dieser Zeit einen exzellenten Ruf, zumindest in Bezug auf seine Arbeit mit dem Team. In Fragen der Kaderplanung gilt er hingegen als großer Zauderer, der nicht nur Manager Dieter Hoeneß zur Verzweiflung bringt. Auf der Hertha-Geschäftsstelle kursiert damals ein Witz: »Wenn Favre im Supermarkt steht, wird er verhungern, weil er nicht weiß, ob er Wurst, Käse oder Milch kaufen soll.«