Die Konsequenzen im Fall Jatta

»Es gibt ganz andere Geschichten«

Wie schmal der Grat zwischen richtig und Recht ist, zeigt hingegen ein Statement von Ewald Lienen, Technischer Direktor des FC St. Pauli, der im »NDR«-Fernsehen sagte:

»Ich habe kein Verständnis dafür. Wenn es das größte Problem wäre, das wir in unserer Gesellschaft haben, dann könnten wir uns beglückwünschen. Ich verstehe nicht, warum sich ein Organ wie die ›Sport Bild‹ auf die Suche macht nach so einem Fall. Wir haben ganz andere Probleme, die es zu lösen gilt. Doch es geht ums Geld verdienen, es geht um Auflage, es geht darum, Zeitungen zu verkaufen mit einem vermeintlichen Konflikt. Ob das richtig ist, was der Junge gesagt hat, das weiß ich nicht. Aber das ist jemand, der integriert ist, er verdient hier sein Geld, zahlt seine Steuern und alle sind glücklich. Warum muss man da nachhaken und so eine Geschichte daraus machen? Es gibt ganz andere Geschichten, die zehnmal wichtiger wären.«


Was zählt mehr?


Leider, so könnte man entgegnen, lassen sich Gesetze nicht nachträglich und individuell aussetzen, nur weil der Einzelfall es hergeben würde. Und so kritisch man den Recherchen der »Bild«-Zeitungsgruppe grundsätzlich gegenüberstehen mag, könnte man hinzufügen, so richtig ist im Kern der journalistische Instinkt: Hinweisen auf den Grund zu gehen und so Versäumnisse und Missstände aufzudecken. Zumal bei Personen öffentlichen Interesses. Nur sollte die Recherche handwerklich sauber geschehen und einer kritischen Prüfung standhalten. Die bisherigen Veröffentlichungen der »Bild«-Gruppe zum Thema erfüllen allerdings eher den Tatbestand der Mutmaßung und führen ins Nirgendwo, außer dass sie das Leben eines Menschen belasten. 



Und vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob der HSV-Stürmer mit der Rückennummer 18 nun Jatta oder Daffeh mit Nachnamen heißt. Weil niemand weiß, unter welchen Umständen er einst die Flucht aus seinem Heimatland antrat, weil niemand weiß, was er erleben musste, weil niemand weiß, ob er nicht einfach auch mit einem erfolgreichen Asylantrag in Deutschland hätte leben und arbeiten können. Vielleicht ist es wichtiger, anzuerkennen, was für eine Lebensleistung hinter dieser Biographie steckt, wichtiger, dass da jemand für den HSV aufläuft, weil er es sich sportlich verdient hat. Dort, wo es zählt im Fußball, auf dem Rasen, hätte Jatta selbst dann, wenn er Daffeh hieße, niemanden benachteiligt. 

Dass es grundsätzlich egal ist, woher jemand kommt oder wie alt er ist, dass es stattdessen nur darum geht, wie gut jemand ist, gilt nur leider nicht einmal für den Fußball. Dabei wäre es so schön einfach.