Die Karriere des Oliver Kahn

Wie Oliver Kahn wahre Größe bewies

Öffentlich gab sich Kahn wie immer unbeirrt. Dennoch änderte er sich seine Diktion in Interviews ein wenig. Hatte er früher stets angegeben, das Adrenalin und den Druck, dem er ausgesetzt sei, zu brauchen und in vollen Zügen zu genießen, so begann er nun, diese Begriffe öffentlich zu reflektieren. Er, der Besessene, hatte versucht, Perfektion zu erreichen und gemerkt, dass dies nicht möglich war. Nun machte er sich Gedanken darüber, doch selbst die Reflektion wirkte bei ihm zwanghaft.

Sympathischer machte ihn das zunächst nicht, denn zwar war er nun mitunter ansatzweise in der Lage, eigene Fehler einzugestehen, gleichzeitig aber versäumte er nie, darauf hin zu weisen, dass er seine Schlüsse daraus gezogen habe und mit dem Druck und allen anderen Begleiterscheinungen viel besser umgehen könne als sämtliche Kollegen.

Beklemmende Ironie

Noch heute wünscht man sich manchmal ein Interview mit Oliver Kahn, in dem das Wort Druck nicht vorkommt. Bislang gab es davon kein einziges. Schlimm wurde es aber erst dann, wenn Kahn versuchte, ironisch zu sein, etwa, wenn er nach dem Spiel kritisch nach seiner Leistung befragt wurde. »Das ist mir scheißegal, hehehe!« war noch die harmlosere Variante. Regelrecht beklemmend wurde es, wenn Kahn bekannt gab, sich über Kritik an seiner Person demnächst noch »totzulachen«, während er über den Fragenden hinweg in die Ferne blickte, die Gesichtszüge versteinert - Lachen sieht anders aus.

Überhaupt ist fraglich, wie oft man Oliver Kahn wirklich hat lachen sehen. In all den Spielen gab es wohl nur eine solche Szene, und dies ausgerechnet nach einem Platzverweis. 2001 hatte er sich bei einer Niederlage in Rostock in der Endphase an den Sturmversuchen seiner Kollegen beteiligt und den Ball schließlich auch im gegnerischen Gehäuse untergebracht – indem er beide Fäuste dazu benutzte. Dafür hatte es die gelb-rote Karte gegeben, und Oliver Kahn hatte einmal nicht anders gekonnt, als sich vor Lachen zu schütteln. »Ich dachte, der Torwart darf im Strafraum die Hände benutzen«, lautete sein Kommentar nach dem Spiel.Doch sein Ruf, prinzipiell ein humorloser Zeitgenosse zu sein, der nur auf Erfolg und seine eigene Person fixiert sei, blieb an ihm haften.

Keine Hintertür als Ausgang

Als der Nationaltrainer Jürgen Klinsmann schließlich verkündete, auch auf der Torwartposition herrsche Konkurrenzkampf und das Pendel immer deutlicher in Richtung Jens Lehmann ausschlug, nahm der Druck auf Kahn noch einmal zu. Plötzlich versuchte auch er, dessen Stärken immer auf der Linie und in 1:1-Situationen gelegen hatten, jede Flanke zu erreichen, was ihm nicht immer gelang. Kurz vor der WM im eigenen Land entschied sich Klinsmann für Lehmann als neue Nummer eins.

Kaum jemand und am wenigsten wohl das Trainergespann der Nationalmannschaft, hatte mit dem gerechnet, was nun folgte. Kahn gab nicht, wie allseits erwartet, seinen Rücktritt bekannt, sondern entschied sich, auch als Nummer zwei zur WM mitzukommen. Später sagte er dazu, er habe »nicht einfach durch die Hintertür« verschwinden wollen, nicht nach 85 Länderspielen, davon 49 als Kapitän.

Größe in der Niederlage

Vielleicht war dies die beste Entscheidung seines Sportlerlebens, denn mit einem Mal zeigte sich, dass Kahn auch mit Anstand verlieren konnte. Er konnte die Entscheidung nicht nachvollziehen, das konnten viele nicht, aber er hatte gelernt, sie zu akzeptieren. Plötzlich zeigte sich, dass er das Trauma von Barcelona, seine Besessenheit, sein Burn-Out-Syndrom und die WM-Niederlage von 2002 wirklich hinter sich gelassen hatte. Er hatte schon vorher gesagt, dass ihm Rückschläge nicht mehr so viel anhaben könnten, er viel lockerer geworden sei, doch in der Art und Weise, wie er es gesagt hatte, hatte ihm niemand geglaubt. Nun zeigte er in der Niederlage Größe und wurde plötzlich anders wahrgenommen.