Die Karriere des Oliver Kahn

Auf dem Gipfel zum tragischsten Moment

Auf diese Weise erreichte das Team ein Jahr später das Finale in Mailand gegen Valencia. Nach einer insgesamt schwachen Partie ging es ins Elfmeterschießen. Paolo Sergio setzte gleich den ersten Versuch über die Latte, sofort war Bayern im Hintertreffen. Doch Oliver Kahn war zur Stelle. Auch von einem erneuten Rückstand völlig unbeeindruckt parierte er insgesamt drei Strafstöße, und den zweiten davon so spektakulär, dass er damit bereits für eine Vorentscheidung sorgte. Wieder war es die rechte Hand, die herausschnellte und den Ball noch an die Latte lenkte, während der Rest von Oliver Kahn schon auf dem Weg in die andere Ecke war. Und wieder ballte er die Fäuste und schrie. Wer so einen Schuss hält, ist an diesem Tag nicht zu bezwingen, zumindest nicht in einem Elfmeterschießen. Bei der entscheidenden Parade brüllte Kommentator Marcel Reif nur: »KAHN! DIE BAYERN!«, und genau so war es.

Geboren war damit auch endgültig der Mythos von King Kahn, dem unbezwingbaren Titan, der die Gegner in den »Kahnsinn« treibt, und was es an Wortspielchen nicht noch alles gab. Nach außen hin schien jener Mann, der im Laufe der Jahre immer wieder gezeigt hatte, dass er auch zu sehr absonderlichen Momenten in der Lage ist, seinen Ruf zu festigen, ihn sogar zu genießen.

Kahn gegen die Welt

Oliver Kahn hatte schon 1996 seinen eigenen Teamkollegen Andreas Herzog am Kragen gepackt und durchgeschüttelt, drei Jahre später den heraneilenden Stephan Chapuisat mit einem Kung Fu-Tritt nur knapp verpasst und noch im selben Spiel Heiko Herrlich ins Ohr gebissen. Nur wenige Tage vor dem Finale in Mailand riss er aus Freude über den Last-Minute-Treffer zur Deutschen Meisterschaft in Hamburg die Eckfahne aus dem Boden, um sie wie ein Berserker zu schütteln. Doch nach Freude sah er dabei nicht für jeden aus, bei manchen entstand auch der Eindruck, hier habe man es mit einem komplett Verrückten zu tun.

Derlei Aktionen sorgten dafür, dass Kahn von den Bayernfans verehrt und von beinahe allen gegnerischen Fans abgrundtief gehasst wurde. Es war nicht mehr nur der Verein, der polarisierte, sondern vor allem eine einzige Figur: Oliver Kahn. Er war der FC Bayern und wurde, wo er auch hinkam, mit Urwaldlauten und fliegenden Bananen begrüßt. Ausgerechnet im sonst so friedlichen Freiburg traf ihn ein Golfball an der Schläfe, doch Kahn spielte mit Platzwunde weiter und gab sich ungerührt. In einem Spiel »ganz Deutschland« gegen sich zu haben sei doch nichts Schlechtes, tönte der Titan: »Etwas Schöneres gibt es doch gar nicht«.

Noch ein Jahr schaffte es der Torwart, seinen Ruf und seine Leistungen auf diesem Niveau zu halten, bis zur Weltmeisterschaft 2002 in Asien. Dort lieferte Kahn am Fließband Leistungen ab, die mit normalen Maßstäben nicht zu fassen waren. Er hielt einen unhaltbaren Ball nach dem anderen und brachte Deutschland damit bis ins Finale, vor dem er bereits nicht nur zum besten Torhüter, sondern als erster Schlussmann auch zum besten Spieler des Turniers gekürt wurde. Auch den Anhängern anderer Vereine als dem FC Bayern blieb nichts anderes übrig, als seine Leistungen anzuerkennen. Doch geliebt wurde er deswegen noch lange nicht.

Still am Pfosten

Das Turnier war jedoch noch nicht zu Ende, es fehlte noch das Finale und das Aufeinandertreffen mit dem anderen großen Protagonisten dieser Weltmeisterschaft: Ronaldo. Was heute oft vergessen wird: Kahn hielt auch in diesem Spiel zunächst phantastisch und wehrte einige Bälle ab, einen davon im 1:1 gegen eben jenen Ronaldo, der zu dieser Zeit im Grunde keine 1:1-Situation gegen einen Torwart vergab. Doch als er auf Kahn zulief, schien er ins Nachdenken zu geraten und Kahn, der wie immer lange stehen geblieben war, parierte.

Wieder schien zuzutreffen, was der ehemalige Trainer Kameruns und Entdecker Kahns, Winnie Schäfer, kürzlich in einem Interview wie folgt beschrieb: »Olembe ist 1,70 Meter groß. Aber als er im Vorrundenspiel gegen Deutschland alleine auf den Olli zulief, war er auf 1,40 Meter geschrumpft. Olembe bekam Angst und scheiterte an diesem phantastischen Torhüter«. Es wirkt wie ein ironischer Wink des Schicksals, dass Kahn in der zweiten Halbzeit ausgerechnet in jenem Spiel ein einziger Fehler unterlief, in dem die ansonsten keineswegs überzeugende deutsche Mannschaft eine gute spielerische Leistung ablieferte. Einen einzigen Schuss von Rivaldo konnte er nicht festhalten und Ronaldo staubte zum Führungstreffer ab, dem schließlich noch ein zweiter folgte.

Minutenlang saß Kahn nach dem Schlusspfiff an der Posten gelehnt da und starrte ins Leere. In diesem Moment rächte es sich, dass er zu lange zu große Teile Deutschlands gegen sich gehabt hatte.