Die Karriere des Kahn (2)

Das Lächeln am Fuße der Leiter

Oliver Kahn ist ein Halbgott in Handschuhen. Doch dieser Status hat seinen Preis. Anlässlich seines Karriereendes blicken wir zurück auf seine Triumphe, Krisen und wie er sich – typisch Titan – in die Normalität zurückkämpfte. Die Karriere des Kahn (2)Imago Seit der Weltmeisterschaft 2002 ist Oliver Kahn in Asien ein Superstar. Das hat nicht nur mit seinen Leistungen während des Turniers zu tun, sondern vor allem damit, wie er mit der Finalniederlage nach seinem einzigen Patzer umgegangen war. Nach einem Moment der Einkehr war er aufgestanden, hatte dem Gegner gratuliert, seine Medaille entgegen genommen und sich von den Fans verabschiedet. Es waren keine Tränen geflossen, auch keine Eckfahnen malträtiert worden - nichts dergleichen: Kahn hatte sein Gesicht gewahrt und dafür Bewunderung geerntet.

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Fünf Jahre später bekannte er im Interview mit 11Freunde: »Ich wünschte, ich hätte weinen können«. Er meinte damit jedoch nicht dieses WM-Finale, sondern das Champions League Endspiel von 1999 gegen Manchester United. Dieses Spiel sei die »Endstation eines Systems« gewesen, »das nur auf Erfolg und Disziplin beruhte«. Rund anderthalb Jahre habe er sich wie gelähmt gefühlt, geistig und körperlich völlig leer, um nach dem Erfolg von 2001 zu merken, dass ihn dieser »in letzter Konsequenz nicht viel glücklicher« gemacht hatte.

In seinem mittlerweile zweiten Buch, das dieser Tage erscheint, schildert Kahn diese Erlebnisse als Symptome eines klassischen Burn-Out-Syndroms. Die Passagen lesen sich wie ein Horrorszenario. Dinge, Menschen oder Erlebnisse, die Kahn Freude bereitet hätten, scheint es damals nicht gegeben zu haben.

Doch weder die Mannschaftskollegen, noch die Öffentlichkeit bekamen davon etwas mit. Der Torwart Kahn funktionierte nach wie vor. Vielleicht wäre es dabei geblieben, wäre ihm einer seiner wenigen Fehler in diesen Jahren eben nicht ausgerechnet in einem WM-Finale unterlaufen. So aber fragte sich ganz Deutschland, wie es denn nun in Kahn aussehen müsse, und Kahn stellte fest, dass »irgendetwas an meinem Weg nicht in Ordnung war«, wie er nun gegenüber dem Sportinformationsdienst einräumte.

Gin-Tonic in der VIP-Disco

Es fiel auf, dass Kahn sich änderte. Er, der früher stets nur wie ein Wahnsinniger trainiert hatte, wurde nun immer öfter in Münchens Edeldiskotheken gesichtet, vor denen er seinen Ferrari auf dem Bürgersteig parkte. Selbst die »Süddeutsche Zeitung« interessierte sich plötzlich dafür, dass Kahn Gin Tonic trank und dort in der Halböffentlichkeit der VIP-Räume Zigaretten rauchte. Kahn verließ seine hochschwangere Frau und bandelte mit der blutjungen Verena Kerth an.

Auf dem Platz wurden seine Leistungen schlechter, was im Fall von Oliver Kahn bedeutete, dass er zwar immer noch sehr gut war, die Zahl der Unhaltbaren sich aber minderte, während vermeintliche Fehler sich häuften. Vermeintlich deshalb, weil nun jedes Gegentor, das er bekam, von einer Heerschar sogenannter Experten bis ins letzte Detail seziert und oft nach Betrachtung der dritten Superzeitlupe festgestellt wurde, dass Kahn zu spät reagiert habe und in früheren Jahren sicherlich noch an den Ball gekommen wäre. Das hatte er nun von den Maßstäben, die er selbst gesetzt hatte.

Zudem verhielt sich nicht immer geschickt. Als ihm im Champions League-Achtelfinale 2004 ein Freistoß von Roberto Carlos zum 1:1 unter dem Körper durchrutschte und Kahn damit eine ansonsten hervorragende Mannschaftsleistung zunichte gemacht hatte, erklärte er trotzig, dann werde er »das Rückspiel eben alleine gewinnen«. Die Kollegen, die ihren Torwart zunächst noch öffentlich in Schutz genommen hatten, reagierten darauf äußerst verstimmt. Kahn als Einzelkämpfer wirkte wie ein Fremdkörper in der Mannschaft, Bayern schied im Rückspiel nach einer 0:1 Niederlage aus.

Kahn stand unter Druck wie noch nie zuvor in seiner Karriere. Prompt meldete Jens Lehmann Ansprüche auf den Posten im Nationaltor an. Noch nie schienen dessen Chancen so gut zu sein wie zu dieser Zeit.

Öffentlich gab sich Kahn wie immer unbeirrt. Dennoch änderte er sich seine Diktion in Interviews ein wenig. Hatte er früher stets angegeben, das Adrenalin und den Druck, dem er ausgesetzt sei, zu brauchen und in vollen Zügen zu genießen, so begann er nun, diese Begriffe öffentlich zu reflektieren. Er, der Besessene, hatte versucht, Perfektion zu erreichen und gemerkt, dass dies nicht möglich war. Nun machte er sich Gedanken darüber, doch selbst die Reflektion wirkte bei ihm zwanghaft.

Druck, Druck und Druck


Sympathischer machte ihn das zunächst nicht, denn zwar war er nun mitunter ansatzweise in der Lage, eigene Fehler einzugestehen, gleichzeitig aber versäumte er nie, darauf hin zu weisen, dass er seine Schlüsse daraus gezogen habe und mit dem Druck und allen anderen Begleiterscheinungen viel besser umgehen könne als sämtliche Kollegen.

Noch heute wünscht man sich manchmal ein Interview mit Oliver Kahn, in dem das Wort Druck nicht vorkommt. Bislang gab es davon kein einziges. Schlimm wurde es aber erst dann, wenn Kahn versuchte, ironisch zu sein, etwa, wenn er nach dem Spiel kritisch nach seiner Leistung befragt wurde. »Das ist mir scheißegal, hehehe!« war noch die harmlosere Variante. Regelrecht beklemmend wurde es, wenn Kahn bekannt gab, sich über Kritik an seiner Person demnächst noch »totzulachen«, während er über den Fragenden hinweg in die Ferne blickte, die Gesichtszüge versteinert - Lachen sieht anders aus.

Überhaupt ist fraglich, wie oft man Oliver Kahn wirklich hat lachen sehen. In all den Spielen gab es wohl nur eine solche Szene, und dies ausgerechnet nach einem Platzverweis. 2001 hatte er sich bei einer Niederlage in Rostock in der Endphase an den Sturmversuchen seiner Kollegen beteiligt und den Ball schließlich auch im gegnerischen Gehäuse untergebracht – indem er beide Fäuste dazu benutzte. Dafür hatte es die gelb-rote Karte gegeben, und Oliver Kahn hatte einmal nicht anders gekonnt, als sich vor Lachen zu schütteln. »Ich dachte, der Torwart darf im Strafraum die Hände benutzen«, lautete sein Kommentar nach dem Spiel.
Doch sein Ruf, prinzipiell ein humorloser Zeitgenosse zu sein, der nur auf Erfolg und seine eigene Person fixiert sei, blieb an ihm haften.

Als der Nationaltrainer Jürgen Klinsmann schließlich verkündete, auch auf der Torwartposition herrsche Konkurrenzkampf und das Pendel immer deutlicher in Richtung Jens Lehmann ausschlug, nahm der Druck auf Kahn noch einmal zu. Plötzlich versuchte auch er, dessen Stärken immer auf der Linie und in 1:1-Situationen gelegen hatten, jede Flanke zu erreichen, was ihm nicht immer gelang. Kurz vor der WM im eigenen Land entschied sich Klinsmann für Lehmann als neue Nummer eins.

Kaum jemand und am wenigsten wohl das Trainergespann der Nationalmannschaft, hatte mit dem gerechnet, was nun folgte. Kahn gab nicht, wie allseits erwartet, seinen Rücktritt bekannt, sondern entschied sich, auch als Nummer zwei zur WM mitzukommen. Später sagte er dazu, er habe »nicht einfach durch die Hintertür« verschwinden wollen, nicht nach 85 Länderspielen, davon 49 als Kapitän.

Vielleicht war dies die beste Entscheidung seines Sportlerlebens, denn mit einem Mal zeigte sich, dass Kahn auch mit Anstand verlieren konnte. Er konnte die Entscheidung nicht nachvollziehen, das konnten viele nicht, aber er hatte gelernt, sie zu akzeptieren. Plötzlich zeigte sich, dass er das Trauma von Barcelona, seine Besessenheit, sein Burn-Out-Syndrom und die WM-Niederlage von 2002 wirklich hinter sich gelassen hatte. Er hatte schon vorher gesagt, dass ihm Rückschläge nicht mehr so viel anhaben könnten, er viel lockerer geworden sei, doch in der Art und Weise, wie er es gesagt hatte, hatte ihm niemand geglaubt. Nun zeigte er in der Niederlage Größe und wurde plötzlich anders wahrgenommen.

»Titan, Titan, ohne Abwehr ist nichts mit Titan«

Dass er dem alten Kontrahenten Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien die Hand gab und ihm Glück wünschte, war im Endeffekt zwar nur eine Randnotiz, aber sie sorgte dafür, wenngleich gewaltig aufgebauscht, dass Kahn zum ersten Mal in seiner Karriere beliebt war. Der Einzelgänger war wieder Teil einer Mannschaft. Noch vor der WM und der Entscheidung der T-Frage hatte ein in Zeitlupe hechtender Kahn in einem Werbespot quäken müssen »Titan, Titan, ohne Abwehr ist nichts mit Titan«, was zwar zu vielen Lachern, nicht aber zu der Annahme geführt hatte, Kahn sei plötzlich ein Teamplayer. Nun hatte er sich wieder eingegliedert. Dass er dabei keineswegs glücklich aussah, tat seiner neuen Popularität keinen Abbruch.

So konnte er nach seinem letzten Länderspiel im kleinen Finale gegen Portugal, bei dem er noch einmal großartig hielt und die Kapitänsbinde trug, auf dem Höhepunkt seiner Karriere zurücktreten - nicht in sportlicher, sondern in menschlicher Hinsicht.

An diesem Samstag wird nun sein 557. und letztes Bundesligaspiel folgen, Rekord für einen Torhüter und Platz drei in der ewigen Bestenliste. Er wurde acht Mal Deutscher Meister und sechs Mal DFB-Pokalsieger. Auch dies Rekorde.

In der abgelaufenen Saison bekam Kahn nicht allzu viel zu tun, doch wenn er gebraucht wurde, war er zur Stelle. Noch einmal zeigte er einige unfassbare Paraden, zum Beispiel, als er es im Spiel gegen Leverkusen noch schaffte, an einen abgefälschten Ball noch im Flug die Fußspitze zu bekommen und ihn neben das Gehäuse zu lenken.

Noch einmal erlebte er einen dieser magischen Momente des Fußballs, als die Bayern in Getafe ein schon mehrfach verlorenes Spiel doch noch drehten und ins Halbfinale des Uefa-Cups einzogen. Dieses Mal hat sich Kahn nicht alleine gefreut, sondern im Kreise seiner Mitspieler, und auch wenn er dabei Mark van Bommel einen rechten Haken auf die Nase verpasste, sah es dieses Mal auch wirklich nach Freude aus und nicht nach manischer Ersatzhandlung.

Oliver Kahn hat spät gelernt, dass ihn Erfolge allein nicht glücklich machen und dass er auch einen Ausgleich braucht für den, da ist das Wort ein letztes Mal, Druck, der all die Jahre auf ihm lastete und an dem er beinahe zerbrochen wäre.

Inzwischen glaubt man ihm, wenn er sagt, das Aus im Uefa-Cup gegen St. Petersburg habe ihm nicht so viel bedeutet. Dieser Pokal war ohnehin kein großer Ansporn mehr für jenen Mann, der außer dem Weltmeistertitel alles gewonnen hat, was es im Fußball zu gewinnen gibt, auch die EM, 1996 mit Jürgen Klinsmann. Doch über jene Nacht von Getafe freut er sich noch immer, und wenn er darüber spricht, dann lacht er. Aus vollem Hals.