Die Holger Obermann Kolumne (4)

Königsmord im Himalaja

Sein erstes Langzeitprojekt führte Entwicklungstrainer Holger Obermann nach Nepal. Der ehemalige Moderator erzählt in seiner Kolumne von kickenden Mönchen, Triumphen und einer königlichen Familientragödie. Die Holger Obermann Kolumne (4) Ein Anruf vom Auswärtigen Amt, damals noch in Bonn, riss mich fast vom Stuhl in meinem SDR-Büro in Stuttgart: »Hätten Sie nicht Lust, nach so vielen Kurzzeiteinsätzen einmal für längere Zeit ins Ausland zu gehen?« »Wohin«, fragte ich. »Nach Nepal, wo der Fußball nach dem blutigen Unruhen und dem Streben nach Demokratie fast völlig zusammengebrochen ist.« Das war im Sommer 1990 und führte zu etlichen Gesprächen mit den Verantwortlichen meines Senders.

[ad]

Ich hatte ja alles, war Chef vom Dienst im Sport, ARD-Sportschau-Moderator für etliche Jahre und hatte viermal an Fußball-Weltmeisterschaften als Kommentator teilgenommen. Sollte ich diese Privilegien für ein Abenteuer im Land des Himalajas vorerst aufgeben? Ich verbrachte einige unruhige Nächte, ehe die Entscheidung in gemeinsamer Abstimmung mit meiner Frau Barbara für die Annahme des Angebotes aus Bonn gefallen war.

Sportschau oder Himalaja?


Damals wusste ich aber noch nicht, dass dies eine totale Wende in unserem Leben bedeuten sollte. Nach Nepal folgten weitere Einsätze in Krisenländern wie Pakistan (Kaschmir), Afghanistan oder Sri Lanka. Ich muss zugeben: diesen Schritt habe ich bis heute nie bereut. Es war ganz einfach eine total neue Herausforderung, die oft sehr beschwerlich war, mir aber doch immer das Gefühl vermittelte, etwas für jene Menschen zu tun, die trotz Not und Armut am Fußball ihre Freude hatten und daraus neuen Lebensmut schöpfen konnten. Und: meine Arbeit war in erster Linie der Jugend gewidmet.

So auch in Nepal, denn der Aufbau sollte genau dort wieder beginnen: an der Basis. Großartigen Menschen bin ich im Land zu Füßen der Achttausender begegnet, einer davon war Sunil Tuladhar. Er ist heute ein junger Mann von 35 Jahren und stolzer Vater eines einjährigen Jungen. Sunil spielte 25 Mal für sein Land und reiste mit der Nationalmannschaft durch alle Länder Südasiens, von Buthan bis runter nach Sri Lanka.

Doch der Weg der Talente in Nepal, einem der ärmsten Länder der Welt, ist immer ein steiniger gewesen. »Ich habe eigentlich nur für die Ehre meines Landes und die Freude am Fußball gespielt«, resümiert Sunil. Der Verband tut nicht viel, um den ehemaligen Spielern ein zusätzliches Salär während und nach Beendigung ihrer Laufbahn zukommen zu lassen. So muss er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, wie viele andere auch, zu denen ich den Kontakt nie habe abreißen lassen.

Der größte Sieg gegen Indien

Sunil Tuladhar stand im Kader jener legendären Elf Nepals, die 1993 in Dhaka (Bangladesch) die Südasiatische Meisterschaft (siehe Foto) gewann. Eine Sensation, denn der große Rivale und Nachbar Indien konnte im Elfmeterschiessen mit 5:4 bezwungen werden. »Das war der größte Tag unserer Laufbahn«, erinnert sich Sunil Tuladhar. Hervorgegangen sind die meisten Spieler aus dem deutschen Fußballprojekt, und wenn ich heute zurückblicke, zählen die vier Jahre im Land der Achttausender zu den schönsten Erinnerungen meiner langen Trainerlaufbahn.

In Nepal herrschte zu Beginn meines Projektes im Jahr 1990 noch die Monarchie. Und vom damaligen König Birendra Bikram Shah wurde ich über all die Jahre mehrfach in den Königspalast eingeladen. »Sie haben soviel für die Jugend unseres Landes getan«, sagte er im Verlauf der Audienz und fuhr fort: »Dafür sollen sie Ende des Jahres mit der Ehrenmedaille des Landes ausgezeichnet werden. Diese wurde mir auch überreicht und nimmt heute einen Ehrenplatz in meinem Erinnerungsschrank ein. Allerdings, die Tragik war mit im Spiel. Der König und beinahe seine komplette Sippe wurden kurz vorher im Juni 2001 in einer bis heute nicht aufgeklärten Familientragödie erschossen. Später stieg sein Bruder Gyanendra Shahauf auf den Königsthron. Also nahm ich aus seiner Hand die Medaille entgegen.

Bei aller Begeisterung für den Fußball in Nepal – sogar die zahlreichen buddhistischen Mönche spielen während der Regenzeit auf den  schlammigen Plätzen der Hauptstadt Kathmandu: den großen Sprung an die Spitze der südasiatischen Föderation hat Nepal bisher nicht geschafft. Die Infrastruktur ließ es einfach nicht zu von einem gut organisierten Fußballbetrieb zu sprechen. Das Geld dafür fehlte an allen Ecken und Enden.

Testspiele gegen Kassel und Fürth

Dabei steht beispielsweise die Trainerausbildung hoch im Kurs und der Nachwuchs hat in der südasiatischen Region viele beachtliche Erfolge erzielt, wie etwa die U18 Nationalmannschaft, mein „Lieblingsprojekt“ während der Jahre in Nepal. Aus ihr ging die Mehrzahl der Nationalspieler hervor, und Sunil Tuladhar war das absolute Aushängeschild mit seinem athletischen Spiel, seiner Laufbereitschaft, seinem Kopfballspiel und seiner Ausdauer. Die ist übrigens bei allen nepalesischen Spielern überdurchschnittlich groß, weil die Höhenlage mehr Hämoglobin (roter Blutfarbstoff, der für den Transport von Sauerstoff zuständig ist) im Blut produziert.

Gern erinnert sich die damalige U18, die in ihrer zwischenmenschlichen Geschlossenheit noch heute besteht und von Vereinen und Sponsoren aus Deutschland regelmäßig »Lebenshilfe« erhält, an diese Zeit.  Sie machte im Jahr 2004 unter Regie des DFB, des NOK und unter meiner Leitung als Teammanager eine Reise durch Deutschland und verbuchte in 12 Spielen acht Siege, darunter beim VfL Kassel, der damaligen SpVgg Fürth und einer Hessenauswahl. Die Grenze zwischen Ost und West war zwar schon Jahre vorher niedergerissen worden, doch als wichtigstes Utensil des damaligen Aufenthaltes an der ehemaligen nordhessischen Zonengrenze nahmen die Spieler kleine Reste des sogenannten »Todesstreifens« mit in die Heimat.

Inzwischen rüstet Nepal sich für die »South Games« im benachbarten Bangladesch. Die Mannschaft ist altersmäßig die jüngste des Turniers, in ihr spielen jene Jungs, die aus dem U12 Programm des deutschen Projektes hervorgegangen sind. Fehlende internationale Erfahrung und die finanzielle Situation im Land werden aber nicht reichen, um ganz vorne mitzuspielen.

Nach Ende der Monarchie herrschte Chaos

Unser Land ist nach dem Ende der Monarchie in ein Chaos versunken«, sagt Sunil heute. Und in der Tat: es gibt nur wenige Stunden pro Tag Strom, das Wasser hat eine verheerende Qualität und führt auch bei den zahlreichen, noch immer rege anreisenden Touristen sehr schnell zu Magen- und Darmbeschwerden. Die Interimsregierung mit den Maoisten im Parlament – sie waren zwischenzeitlich wieder ausgetreten und hatten sich selbstständig gemacht – bekommt die schwierige politische und wirtschaftliche Lage momentan nur schwer in den Griff.

Ein Glück, dass der Tourismus – der ja schließlich Devisen bringt – nach wie vor boomt, trotz der Unzulänglichkeiten auf fast allen Gebieten. Sunil Tuladhar, der ein Verehrer des deutschen Fußballs ist, versucht sich hin und wieder als Touristenführer. »Das bringt wenigstens ein paar Rupien und weckt Erinnerungen an unsere Deutschland-Reise vor vielen Jahren, denn deutsche Touristen sind immer zahlreich in den Reisegruppen vertreten.« Ein Trikot der DFB-Nationalmannschaft hängt unübersehbar in seiner kleinen Wohnstube ohne fließend Wasser und Heizung.

Und wenn es in den Wintermonaten bitterkalt und unangenehm nass wird, widmet sich Sunil seinem Sohn und seiner Frau.Das ist noch wichtiger als Fußball«, sagt er. Und sendet Grüsse an alle Freunde in Deutschland, einem Land, das er spätestens seit seiner damaligen Reise in sein großes Herz geschlossen hat.