Die Gründe für das erneute HSV-Versagen

Mit Anlauf ins Verderben

Nach dem 1:4 in Paderborn ist klar: Auch im kommenden Jahr wird der Hamburger SV in der Zweiten Liga spielen. Fünf Gründe, warum der HSV den Aufstieg verpasst hat.

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Am 12. Mai 2018 war der erste Abstieg des Hamburger SV nach 55 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit besiegelt. Auf den Tag genau ein Jahr später war klar: Der Hamburger SV wird nicht direkt in das Oberhaus zurückkehren. Nach der 1:4-Niederlage beim Konkurrenten SC Paderborn hat der HSV keine Chance mehr auf den Aufstieg. Fünf Gründe, warum die Hamburger auch im kommenden Jahr in der Zweiten Liga antreten müssen.

1. Sie spielen eine desolate Rückrunde
Nach der Hinrunde sah noch alles gut aus für den HSV. Mit 37 Punkten führte der Klub die Tabelle an. Gerade nach dem Trainerwechsel von Christian Titz zu Hannes Wolf hatte  eine Trendwende eingesetzt.

Dann kam jedoch die Rückrunde – und mit ihr der Niedergang in der Tabelle. Gerade einmal 16 Punkte holte der HSV in 16 Rückrunden-Spielen, nur Greuther Fürth und Absteiger MSV Duisburg holten weniger.

Woran lag das? Zu Beginn seiner Amtszeit baute Wolf auf dem Fundament von Titz auf. Er übernahm das gut funktionierende Ballbesitzspiel und erweiterte es um eine verbesserte Absicherung gegen Konter. Zuletzt aber griff diese Formel nicht mehr. Wolf bot keine adäquate Weiterentwicklung an. Die Folge: Gerade einmal 18 Tore schoss der HSV in der Rückrunde.

2. Im letzten Drittel gingen dem HSV die Ideen aus
HSV-Spiele folgten einem wiederkehrenden Schema. Der HSV dominierte das Geschehen, sammelte viel Ballbesitz. Zu Torchancen kam er jedoch nur selten. Die Verteidiger ließen den Ball laufen, schoben ihn zusammen mit den einrückenden Außenverteidigern hin und her.

Im letzten Drittel fehlte jedoch ein Anspielpunkt; ein Spieler, der Bälle weiterverteilt oder einfach Flanken verwertet. Gerade in den vergangenen Partien biss sich der HSV häufig im Mittelfeld fest, ohne eine Idee zu haben, wie man den Ball ins letzte Drittel tragen soll.

Hier zeigt sich auch die Fehlplanung im Kader: Pierre-Michel Lasogga (13 Saisontore) war der einzige Torjäger des Klubs. Der aus Salzburg geliehene Hee-Chan Hwang (zwei Saisontore) erfüllte nie die Erwartungen. Lasogga ist jedoch ein Verwerter, kein mitspielender Stürmer – und schon gar niemand, der Bälle hält. Ohne Fixpunkt im Angriff rieb sich das HSV-Spiel im Mittelfeld auf.

Es gab keinen Neuanfang nach dem Aufstieg

3. Die Abwehrfehler häuften sich
In seiner Analyse nach dem Spiel gegen Paderborn räumte Wolf die Schwächen in der Offensive selbst ein. »Die defensive Stabilität ist der einzige Grund, warum wir lange oben standen. Das haben wir irgendwann verloren.«

In der Tat: Gerade zu Beginn von Wolfs Amtszeit gelang es dem HSV, fast alle gegnerischen Konter abzuwürgen. Die Außenverteidiger rückten hierzu ins Zentrum ein, somit hatte der HSV hohen Zugriff in der Spielfeldmitte. Zuletzt rückte Wolf von diesem taktischen Mittel ab. Systematisch stand der HSV somit wesentlich offener.

Aber auch die individuellen Fehler häuften sich: ein unerzwungener Fehlpass im Mittelfeld hier, ein zu weites Aufrücken des Außenverteidigers dort – und schon lag der HSV 0:1 hinten. Bei Rückstand traten wiederum die offensiven Probleme zum Tragen. Aus diesem Teufelskreis konnte sich der HSV nicht befreien.

4. Wolf verzettelte sich in System- und Personalrochaden
Um den Abwärtstrend zu stoppen, testete Wolf Vieles aus. Woche für Woche schickte er eine andere Startformation auf das Feld, die taktische Formation wechselte er stets mit. Keine seiner Änderungen fruchtete.

Zuletzt hatten seine Systemwechsel fast schon etwas Aktionistisches. Man muss sich nur die Aufstellung gegen Paderborn anschauen: Wolf schickte eine Dreierkette auf das Feld, die in dieser Form noch nie zusammengespielt hat. Kapitän Gotoku Sakai durfte auf der Linksverteidiger-Position ran, die er erst einmal in dieser Saison gespielt hat. Und Douglas Santos, der wohl begabteste Fußballer im HSV-Kader, lief plötzlich als Zehner auf – eine Rolle, die er im Dress des HSV noch nie gespielt hat. Kein Wunder, dass gegen Paderborn jegliche Automatismen im HSV-Spiel fehlten.

5. Es gab keinen Neuanfang nach dem Aufstieg
Viele Fans hofften, dass ein Abstieg dem Hamburger SV zu mehr Stabilität führen würde. Niemand könne nun die Fehler ignorieren, die in den vergangenen Jahren zum Absturz geführt hatten. Doch die HSV-Spitze tat genau das: Sie machte dieselben Fehler wie in den Jahren zuvor.

Ein paar Kostproben? Die Klubverantwortlichen gingen mit einem Trainer in die Saison, von dem sie nie überzeugt waren, nur um ihn bei der erstbesten Gelegenheit abzusägen. Außerhalb des Feldes mischte sich Investor Klaus-Michael Kühne in die Geschäfte ein. Auf dem Feld sollten Spieler die Kohlen aus dem Feuer holen, die beim HSV längst abgeschrieben waren – und am Ende wunderten sich die Hamburger Verantwortlichen, dass diese Spieler nicht alles gaben.

Nein, der Abstieg hat dem Verein nicht gut getan. Bis jetzt zumindest nicht. Der HSV hat nun ein Jahr Zeit, sich neu zu erfinden. Mal wieder. Fortsetzung folgt.