Die Erkenntnisse des Fan-Gipfels in Berlin

Die Erkenntnis eines ertragreichen Tages

In der Mittagspause wird im Stadionimbiss Gulaschsuppe ausgeteilt. Der Platzwart werkelt am Rande des Spielfelds, es regnet, es ist kalt und zugig, Lärm weht von einer Baustelle ins Stadion. Ein Traum für Fußballromantiker. Fans der unterschiedlichsten Vereine stehen gemeinsam in der Schlange und diskutieren, quatschen, lachen. Schalker und Hamburger, Frankfurter und Heidenheimer, ein angegrauter Mann in Hoffenheim-Sweater macht Witze über sich und seinen Verein. Vertreter von 49 Vereinen aus den ersten vier Ligen sind der Einladung von Union Berlin gefolgt. Die Stimmung ist friedlich, man begegnet sich mit Respekt und tut das, was so oft gefordert wird: Man diskutiert sachlich und auf Augenhöhe. 

Dass die Fans bei der Konzeption von »Sicheres Stadionerlebnis« derart umgangen wurden, war sicherlich ein dicker Bock der DFL.

Dass die Fans aber nicht nur zahlende Kunden sind, die es zu melken gilt, sondern durchaus eine Stimme haben, zeigt das Medienaufkommen im Zelt. Auch, dass man sie ernst nehmen muss. Das weiß auch Andreas Rettig. Der designierte DFL-Geschäftsführer ist vor Ort und bereits weit vor seinem Amtsantritt sichtlich um den Dialog bemüht. »Fuß vom Gas«, raunt er in eine Runde Mikrofone, und meint damit wohl alle Beteiligten, die der Debatte um Stadionsicherheit eine unnötige Schärfe verliehen haben. Rettig wirkt angenehm nahbar, ohne anbiedernd zu sein. Er nimmt die Fans in die Pflicht, empfiehlt aber auch der Politik, »verbal abzurüsten«. Auch an Selbstkritik mangelt es nicht: »Es wurden Fehler gemacht, man hätte die Fans einbinden müssen. Wir wollen jetzt unseren Beitrag leisten und die Fans mitnehmen«, sagt er. Er wird sich an solchen Worten messen lassen müssen, wenn er tatsächlich in Amt und Würden steht.



Vielleicht sind die Fanvertreter ein besserer Verband, als der Verband selbst



Der Regen trommelt sonor auf das Zeltdach, dicke gelbe Schläuche füllen den Raum mit warmer Luft, junge Damen in Union-Outfit verteilen Kuchen an die Gäste. Sven Brux vom FC. St. Pauli spricht charmant über die Selbstreflexion der Fans. Man glaubt ihm, was er sagt, er ist ein Mann der Praxis und das merkt man. Der Unioner Thomas Matscheroth bearbeitet das undankbare, dröge Thema der Verantwortlichkeiten im deutschen Vereinsfußball. In der Kaffeepause bitten Fans Andreas Rettig um ein Foto, während die Veranstalter auf verschiedenfarbigen Kärtchen Denkanstöße und Vorschläge zur Thematik sammeln. 

Schließlich ergreift Moderator Christian Arbeit wieder das Wort. Wie so etwas wie Basisdemokratie im Fußball tatsächlich funktionieren kann, zeigt die abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse und vor allem deren Bearbeitung. Unter gemeinschaftlicher Diskussion werden die sechs Punkte, in die die Diskussionsergebnisse unterteilt sind, so bearbeitet, dass alle Fans und Fanvertreter zumindest im Großen und Ganzen einverstanden sind. Unbürokratisch und pragmatisch moderiert sich Arbeit durch die Punkte, Verbesserungsvorschläge werden gehört, auf Gegenstimmen wird eingegangen. Fast scheint es, die Fanvertreter könnten ein viel besserer Verband sein als es der Verband selbst ist. 



Hier geht es zur offiziellen Abschlusserklärung des Fan-Gipfels >>>

Die Reihen lichten sich nach und nach, die Mehrheit der Anwesenden macht einen zufriedenen Eindruck, ein konstruktiver Tag neigt sich dem Ende. Erste Online-Schlagzeilen resümieren den Fan-Gipfel, noch während auf den Tischen im Zelt der Kaffee dampft. Arbeit fragt ins Publikum, ob Interesse daran besteht, den Dialog aufrechtzuerhalten und sich erneut in einem ähnlichen Rahmen zu treffen. Viele der Anwesenden bejahen das. Es ist klar, dass dieses Treffen nur der Auftakt zu einigen weiteren Treffen gewesen sein kann. Aber immerhin könnte der Fan-Gipfel tatsächlich einen ernsthaften Dialog zwischen Fans und Verband in Gang gebracht haben. Ein sachlicher Dialog, unaufgeregt und fernab der Hysterie, die das Thema Stadionsicherheit so oft beherrscht. Denn »letztlich«, murmelt ein müde aussehender Fan in sein Stück Kuchen, »sitzen doch alle im selben Boot!«