Die Entstehung des Borussia-Parks

Ein steiniger Weg

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab Donnerstag im Handel) findet Ihr ein Poster vom Gladbacher Borussia-Park. Auf 11freunde.de vollziehen wir noch einmal die Entstehung des Prestigeobjekts nach. Imago Der Borussia-Park befindet sich in seiner dritten Spielzeit - nichts im Vergleich zur 85-jährigen Geschichte des urigen Bökelberg. Ungeachtet dessen ist rund um Mönchengladbach viel Liebe für die nicht mehr ganz so neue Heimstätte des VfL zu spüren. Kein Wunder, die Ränge sind genauso steil wie auf dem Bökelberg und die Fan-Gesänge prasseln lauter denn je auf den Rasen nieder.

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So schwer es dem gesamten Umfeld auch fiel, sich vom Bökelberg zu trennen,  notwendig war es allemal. Schließlich war das Stadion baufällig und der Verein wirtschaftlich längst nicht mehr konkurrenzfähig. Das haben die Fans eingesehen - manche mehr, andere weniger. Immerhin konnten sich die Fohlen-Freunde lange Zeit darauf einstellen, in eine neues Domizil umzuziehen: Nicht weniger als 15 Jahre hat es gedauert, bis der Neubau unter Dach und Fach war. Von den anfangs ehrgeizigen Plänen wurde ein vergleichsweise bescheidener realisiert: In rund zweijähriger Bauzeit entstand für etwa 87 Millionen Euro ein Paradebeispiel in punkto Wirtschaftlichkeit - entgegen dem Streben nach Größe und Superlativen unter Manager Rolf Rüssmann. Der hatte abenteuerliche Visionen: Geplant war ein wandelbares Dach, ein mobiler Rasen und sogar eine verschiebbare Tribüne. Immer wieder kursierte das viel versprechende Wort Multifunktionsarena rund um die Bökelstraße. Fußballfremde Events wie Rock-Konzerte, Box-Kämpfe, Tennis-Turniere und Messen sollten das Rund künftig füllen. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass der linke Niederrhein dafür nicht die richtige Region ist: Großveranstaltungen dieser Art gehen seit Jahr und Tag in Düsseldorf und Köln über die Bühne – da kann das beschauliche Mönchengladbach nicht mithalten. Letztlich wurde es eine vernünftige und realisierbare Lösung: den Zuschauern stehen 54.019 Plätze, 42 Logen und 1.700 Business-Seats zur Auswahl.

Doch bis zum Endprodukt war es ein weiter, mitunter steiniger Weg: Nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965 keimten erstmals Pläne für einen Neubau auf. Doch dazu kam es nicht, stattdessen wurde der Bökelberg modernisiert. Und bis 1990 ruhten weitere Vorhaben, den mittlerweile im Mittelmaß versunkenen Fohlen eine neue Heimat zu bescheren – und das, obschon den Borussen bereits seit der WM 1974 die Konkurrenz unter finanziellen Gesichtspunkten enteilt ist.

Von steinigen Wegen und Nägeln mit Köpfen

Doch dann trat Rolf Rüssmann auf den Plan: Er nahm die Gespräche mit der Stadt auf, die jedoch bis 1992 erfolglos anhielten. Letztlich ließ sich kein geeignetes Gelände für ein großes Stadion finden. Zwei Jahre danach der Wendepunkt: Die britische Regierung kündigte an, ihre Truppen in Deutschland deutlich zu reduzieren. Und das betraf auch den linken Niederrhein, nämlich Mönchengladbachs Stadtteile Hehn, Holt und Rheindahlen. Seitens der Briten wurde im Frühjahr 1996 ein rund 160 Hektar großes Gelände geräumt - die Chance für Rüssmann und den VfL. Nun schaltete sich die Stadt ein und kaufte dem Bundesvermögensamt das Gründstück ab, um es anschließend der Borussia spottbilig zu vermachen. Und nach unzähligen Bauplänen, die den jeweiligen Präsidenten Karl-Heinz Drygalski und Wilfried Jacobs vorgelegt wurden, erhielt IBM den Zuschlag für ein 300 Millionen Mark teures Projekt. Eine prachtvolle Multifunktionsarena für 53.000 Zuschauer, zweifelsohne ein ehrgeiziges Vorhaben. Langsam aber sicher nahm das Phantom Gestalt an. Jedoch sollte es nicht reibungslos weitergehen: Plötzlich gab es Unklarheiten wegen der Finanzierungszusage seitens der Deutschen Bank. Und auch das von der Stadt Mönchengladbach zugesagte Darlehen stand auf wackeligen Füßen.

Zu allem Überfluss geschah dann auch noch der sportliche Super-Gau: Das Team stieg 1999 erstmalig aus der Bundesliga ab - ein Schock für alle Beteiligten, auch für  potenzielle Stadion-Investoren. Grund genug für einen Neuanfang. Daher hat sich die Führungsriege der Borussia neu zusammengesetzt, Rolf Rüssmann war passé: Der inzwischen verstorbene Ex-Präsident Dr. Adalbert Jordan, Siegried Söllner und der heutige Präsident Rolf Königs stoppten das Bauvorhaben und stellten die Konsolidierung des mittlerweile verschuldeten Klubs in den Vordergrund. Erst 2000 wurden die Planungen für einen Neubau wieder aufgenommen. Und Jordan distanzierte sich von „träumerisch angelegten Visionen von Großveranstaltungen“. Etwas solider sollte es zugehen, ohne dabei jedoch die überregionale Bedeutung des Stadions außer Acht zu lassen. Im Juni 2001 fand die Gladbacher Vereinsführung mit Hochtief den richtigen Partner. Das sah auch das Land Nordrhein-Westfalen nicht anders und bewilligte eine Bürgschaft über 80 Prozent des Fremdkapitals. Nunmehr herrschte finanzielle Sicherheit. Daher konnten im Januar 2002 die Verträge unterzeichnet werden, um zwei Monate später den ersten Spatenstich erfolgen zu lassen.

Endlich wurde das Stadion unwiderruflich gebaut, so schien es zumindest. Doch diese Phase sollte durch die Insolvenz der Kirch-Gruppe kurz, aber jäh unterbrochen werden: Aufgrund von fehlenden TV-Einnahmen mussten die Business-Pläne und das Finanzierungskonzept seitens des VfL nachgebessert werden. Das jedoch erwies sich lediglich als kleines Störfeuer und der Bau konnte im November 2004 fertiggestellt werden – ein wenig zeitverzögert zum Bundesliga-Start. Dennoch konnten die ersten Bundesliga-Spieltage ohne große Probleme durchgeführt werden – abgesehen von einer chaotischen Parksituation rund um das Stadion. Bereits im August jedoch zelebrierten zahlreiche Fans in bester Karnevals-Manier den Umzug in den Borussia-Park: Unzählige trafen sich, gehüllt in Trikot Schal und Kutte, um vom Bökelberg aus erstmals den Weg ins neue Wohnzimmer zu begehen. Anlass dafür war das Einweihungsturnier mit dem FC Bayern München und dem AS Monaco als Gästen.



Nostalgie macht Platz für die Moderne

Und was die Fans erblickten, war etwas vollkommen Neues: Nicht nur das Stadion als solches, auch die Umgebung des Geländes hatten nichts mehr mit der alten Stadtteil-Romantik zu tun. Denn ein besonderer Charme des Bökelberg war seine Umgebung: Mitten im Wohngebiet für gut betuchte Niederrheiner stand dieses brüchige alte Stadion mit den steilsten Rängen, die die Bundesliga je gesehen hat. Pragmatisch eingebettet ins Stadtbild, unweit vom Zentrum. An Spieltagen war es undenkbar, im Stadtteil Eicken einen Parkplatz zu ergattern. Jeder noch so kleine Fleck, der ein Auto aufnehmen konnte, wurde genutzt – von der Verkehrsinsel über den grünen Mittelstreifen der zweispurigen Straße bis hin zum Bordstein. Ein herrlicher Anblick - die Stadt war Borussia, Borussia war die Stadt.

Heute sieht das anders aus: Die Arena befindet sich außerhalb des Stadtkerns,  Shuttle-Busse kutschieren die Fans aufs riesige Gelände, vorbei an Deutschlands größter Hockey-Arena und an betonierten Parkplätzen für gefühlte 800.000 Autos. Dennoch kommt rund um die Hennes-Weisweiler-Allee die Vermutung auf, dass es sich um weitaus mehr als eine tumbe Zweckbeziehung handelt. Ja, der Niederrhein hat ihn ins Herz geschlossen, den Borussia-Park.

Nicht zuletzt gilt Rolf Rüssmann als Wegbereiter, der Stadion-Vater ist hingegen der mittlerweile verstorbene Präsident Adalbert Jordan: Unter seiner Ägide wurde der Verein konsolidiert und der Borussia-Park umgesetzt. Die neue Bleibe der Fohlen ist trotz der Sparversion in der Lage, Events auf die Beine zu stellen – ganz nach Rüssmanns Geschmack. Die bisherigen Höhepunkte waren dabei das Konzert von Sir Elton John sowie Länderspiele der Nationalmannschaft gegen Russland und Kolumbien – eine  Wiedergutmachung für die fehlgeschlagene Bewerbung als WM-Austragungsort. Im Rahmen einer Länderspiel-Übertragung hat das ZDF den Borussia-Park im Übrigen als ebenso vorbildlich wie die Allianz-Arena eingestuft – hier gibt es die komfortabelsten Kamerapositionen Deutschlands. Ebenso hoch gelobt ist die Infrastruktur des Nordparks, dem Vereinsgelände: Auf 210.000 Quadratmeter verteilen sich sieben Trainingsfelder, diverse Umkleidekabinen für Profis, Amateure und Jugend, ein Jugendinternat, die Geschäftsstelle, ein Museum und Fanshop, eine Sports-Bar und Parkplätze und das bereits erwähnte Hockey-Stadion.

Neue Ufer, alte Mythen

Der Bökelberg hingegen wurde abgerissen. Und das, obwohl der Stadt zahlreiche Vorschläge unterbreitet wurden, was aus der Kultstätte des deutschen Fußballs hätte werden können: Manche wollten die Nordkurve stehen lassen, andere die Katakomben und den Spielertunnel, alles eingebettet in eine Wohnsiedlung. Doch daraus wurde nichts. Und dieser Tage werden Grundstücke auf der Bökelstraße verkauft. Vielleicht findet sich ja zumindest der eine oder andere Borussen-Freund, der es sich auf Höhe des Anstoßkreises gemütlich macht. An die Borussia wird an dieser Stelle lediglich nur noch eine Gedenktafel erinnern.  

Allem Herzblut und aller Nostalgie zum Trotz ist die Gladbacher-Wohngemeinschaft  mit dem Umzug in den Borussia-Park immens gewachsen: Seither pilgern jährlich rund 800.000 Menschen zu den Heimspielen der Borussen. Das entspricht einem Zuschauerschnitt von rund 46.000 und bildet den fünftbesten Liga-Wert. Zum Vergleich: Der Bökelberg konnte nur rund 35.000 Gäste beherbergen. Nur logisch, dass sich mit einer größeren Kapazität auch eine neue Fan-Struktur bildet. Und nicht alle der neu zugezogenen sind geduldige Anhänger:  Nicht erst seit dieser Spielzeit zeigen sich die Fans frühzeitig in Motz- und Mecker-Laune – das war nicht immer so in Mönchengladbach. Aber seit der wirtschaftlichen Gesundung des Vereins dürsten die Fans nach mehr, Abstiegskampf oder graues Mittelmaß reicht nicht aus. Bislang gab es jedoch wenige Glanzlichter im neuen Stadion – noch kein Heimspiel im DFB-Pokal, geschweige denn ein Europapokalspiel. Das ereignisreichste Match war das 4:3 gegen Frankfurt am 17. 12. 2005. Der VfL lag rasch mit 0:2 zurück, ehe das Spiel noch gedreht werden konnte. Das Stadion stand Kopf. Und da war sie zu spüren, die Gänsehaut-Akustik vor 47.6000 Zuschauern.

Sehr lange ist sie her, die erfolgreiche Zeit der Borussia. Die gute alte Wohnstube Bökelberg hat sie miterlebt, das Designer-Wohnzimmer Borussia-Park kennt jene Mythen und Legenden rund um die Fohlen nur aus Überlieferungen. Aber so viel ist sicher: Der Park ist lauschig genug eingerichtet, um beseelt zu werden. Hoffentlich gehen dafür nicht 85 Jahre ins Land.

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Das Poster vom Borussia-Park findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft (ab Donnerstag im Handel).

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