Die Entdeckung des Emanuele Giaccherini

Azurblaues Herz

Emanuele Giaccherini ist der Regisseur einer italienischen Nobody-Offensive. Jetzt steht er vor seinem Durchbruch. Das wurde aber auch Zeit. Er ist schon 31.

imago images

Es war ein bizarrer Moment am Montagabend in den Katakomben von St. Denis, als Emanuele Giaccherini im Kreise seiner Mitspieler stand. 1,67 Meter inmitten von gestandenen Spielern wie Leonardo Bonucci oder Giorgio Chiellieni und dem ewigen Gigi Buffon. Da hielt Giaccherini auf Anweisung seines Trainers Antonio Conte die letzte Ansprache vor dem Spiel.

»Ich habe ihnen gesagt, dass man mit Taktik nur bis zu einem bestimmten Punkt kommt. Wir aber brauchen Herz«, erzählte der Italiener. Eine halbe Stunde später fand sein Freistoß von halblinks Chiellini und machte damit den Weg frei zum 2:0-Sieg gegen Spanien. Herz siegte über Taktik.

Viel Herz, keine Milz

Dass Giaccherini derzeit in Frankreich auf dem Platz steht, gleicht einem Wunder. Dass er überhaupt noch kickt auch. Mit 15 Jahren stieß er, damals vermutlich schon so groß wie heute, in Bibbiena unglücklich mit einem gegnerischen Torwart zusammen. Unter Lebensgefahr musste ihm anschließend die Milz entfernt werden. Giaccherini spielte weiter – und musste feststellen, dass sich dafür eigentlich niemand interessierte.



Im Trikot von AS Cesena spielte der 19-Jährige in der dritten Liga. Und nicht einmal das: Auf Leihbasis tingelte er über die italienische Provinz. Spielte mal beim Forlí FC, dann beim AC Bellaria Igea Marina. Ausgestattet mit einem Zweitvertrag in der örtlichen Fabrik, um über die Runden zu kommen. Herzlichen Glückwunsch, willkommen ganz unten.

Wie Danny de Vito in Woody-Allen-Filmen

Erst in der Saison 2008 sollte es etwas aufwärtsgehen, während sich Giaccherini am Steuer eines Ford Fiesta (Stand: 300.000 km) zurück auf den Weg nach Cesena machte. Immerhin: Sein Berater, Furio Valcareggi, Sohn des italienischen Europameisterschafts-Trainers von 1968, glaubte noch an ihn und auch der neue Trainer Pierpaolo Bisoli.

»Ich war ein wenig wie Danny de Vito in diesem alten Woody-Allen-Filmen, war der Agent für nur einen einzigen Mann«, erinnerte sich Valcareggi.

Und es ging vorwärts: Cesena und Giaccherini stiegen auf in die Serie B. Kurz danach in die Serie A. Das Urteil lautete in jedem Jahr für Verein und Spieler gleich: »Nach meinem ersten Jahr sagten sie: Ja, gut gemacht, aber in der Serie B setzt du dich nicht durch. Nach dem zweiten Jahr: Ja, aber nicht in der Serie A.«

Nach der Anpassung seines Vertrags kaufte ihm Valcareggi erst einmal einen neuen Audi.