Die Entdecker von Messi und Neymar

»Wir müssen sein Image für alles nutzen«

Es ist die alte Frage, die jetzt im Fußballland Brasilien überall wieder auftaucht: Wie macht man aus diesem riesigen Pool an Talenten große Spieler? Warum haben es die Franzosen vor 16 Jahren geschafft, danach die Spanier und jetzt die Deutschen? Warum schaffen es die Brasilianer nicht? Fragt man Betinho, sagt er, man brauche viel mehr Betinhos. Trainer, die sich individuell um Spieler kümmern und sie nicht nur zu großen Spielern formen, sondern zu stabilen Persönlichkeiten.

Einmal, als Neymar dabei war abzuheben, habe er ihm eine Lektion erteilt. »Sein Vater und er kamen an und verkündeten, er spiele jetzt nur noch links im Sturm. Ich sagte: nein. Du spielst auch mal rechts oder im Mittelfeld. So wie ich das sage. Du musst noch viel lernen. Neymar hat geweint, es aber akzeptiert. Später hat er sich entschuldigt.«

Fünf Jahre spielte Neymar für Betinhos Mannschaft, Portuguesa Santista aus Santos. Gemeinsam feierten sie einen Erfolg nach dem anderen. Betinho holt nun die Fotos hervor. Sie zeigen einen zierlichen Jungen, der damals noch etwas dunkler wirkte, die Haare nicht gegelt, die Spitzen nicht blondiert, aber er hatte schon das Grinsen und die Posen des späteren Popstars.

Väter werden plötzlich Manager

Als Neymar 13 wurde, zog sein Vater einen Manager hinzu, bald darauf auch einen Medientrainer und Vermarkter. Es ist das Alter, in dem sich in Brasilien Spielervermittler ihre Anteile an Talenten sichern und auf ihre Zukunft wetten wie Spekulanten auf Rohstoffpreise. So kommen bei vielen Spielern absurde Besitzanteile zustande wie 7,5 oder 12,75 Prozent. Es ist außerdem das Alter, in dem Väter plötzlich Manager werden, das gilt für Neymar genauso wie für Messi. Betinho sagt: »Wir haben Neymar früh darauf vorbereitet, ein Idol zu werden. Er hat es schnell verinnerlicht. Er wurde geboren, um anderen Freude zu bereiten. Er ist der Zirkusclown in der Manege. Ihr in Deutschland seid Philosophen. Wir sind Zirkusclowns. Wir müssen unser Volk glücklich machen.«

Betinho beschreibt da nichts anderes als die frühe Abrichtung eines Profifußballers. Oder eher eines Entertainers? Eines Popstars? Und in welcher Reihenfolge? Das ist die Frage bei Neymar.

2003 wechselten Trainer und Spieler gemeinsam zum FC Santos, dem Verein Pelés und Robinhos, Neymars Vorbilder. Da er ihn schon entdeckt, gehegt und gepflegt hat, wollte auch Betinho davon profitieren. Bei Santos bekam er eine Trainerstelle in der Jugendabteilung. Einen Anteil am späteren 250-Millionen-Dollar-Mann Neymar sicherte er sich jedoch nicht. Die Trainerstelle bei Santos hat er inzwischen verloren.

Einen neuen Neymar hat bislang noch nicht gefunden

Betinho sieht jetzt etwas traurig aus. Er schnappt sich einen Fußball und zeigt, war er noch drauf hat. Er ist 57. Neymar ist weit weg. Ab und zu telefonieren sie, aber es ist selten geworden. Betinho muss nun wieder neue Stars entdecken. Er muss Rechnungen bezahlen. Er hat sich Visitenkarten anfertigen lassen mit dem Aufdruck: »Betinho Talentos – Talente entdecken.« Er fährt an die Strände, er fährt durch die Favelas, aber ein neuer Neymar ist ihm bisher noch nicht untergekommen.

Manchmal fragt er sich, was geblieben ist von all seiner Arbeit. Dann sagt er sich: ein Fußballspieler, der Millionen Menschen glücklich macht. Das ist nicht das Schlechteste. 

Nur 20 Kilometer von Betinhos Haus entfernt, im Armenviertel Jardim Gloria in der Kleinstadt Praia Grande, hat sich der 22-jährige Neymar ein Denkmal errichtet. Es handelt sich um einen 8400 Quadratmeter großen Komplex, bestehend aus Fußballstadion, Schwimmbad, Turnhalle und einem fünfstöckigen Gebäude mit etwa 50 Räumen. Er trägt den Titel »Instituto Projeto Neymar Jr« (INJR). Es klingt wie ein Think Tank. Wie Institut Albert Einstein. Neymar ist der erste Weltstar, der mit 22 schon ein eigenes Institut hat.

»Er hatte immer nur Fußball im Kopf«

Im Institut arbeiten Neymars Verwandte, und wenn sie von der Entdeckung Neymars erzählen, kommt Betinho nicht vor. »Er brauchte keinen Entdecker«, sagt seine Cousine Patty. »Er brauchte nur sich. Er hatte immer nur Fußball im Kopf. Früher hat Neymar hier die Möbel kaputt geschossen, bis seine Mutter ihn rausschickte. Dann hat er die Türen der Nachbarn kaputt geschossen. Wenn er heute zu Besuch kommt, zieht er sich als erstes Bermudashorts an und kickt barfuß.« 

Patty führt durch jenes Armenviertel von Praia Grande, das Neymar sein Zuhause nennt. An den Eingängen enger Gassen wachen Vorposten der Drogengangs, am Ausgang wächst eine Mülldeponie zu einem gewaltigen Berg. Hier wuchs Neymar Junior auf, als Sohn eines Automechanikers, in einem kleinen Haus, in dem heute noch Verwandte wohnen.

Neymars Onkel Benicio ist der Leiter des Instituts. Die halbe Familie ist ins Unternehmen Neymar eingebunden, Benicio ist eine Art Spiritus Rector. »Das Institut ist größer als alles, was Neymar je gemacht hat«, schwärmt er. Es handele sich um eine Art Gemeindezentrum für 2000 Kinder und deren Familien. Es gibt Klassenräume, Krebsvorsorge, Englischkurse, einen Präsentationssaal der Sponsoren. Ab und zu spreche Neymar live zu den Menschen. 

Worüber, will man wissen.
»Alles Mögliche«, sagt Benicio. »Über Gott. Über Zahnhygiene.« 
Neymar spricht über Zahnhygiene?
»Wir müssen sein Image für alles nutzen«, sagt Benicio.
Besser kann man es nicht sagen.

Neymars Onkel kennt Betinho nicht

Onkel Benicio beschreibt Neymars Kindheit als arm, aber behütet. Er verlor Freunde an Drogen, fand aber Halt in der Familie und der Kirche. Betinho und die Zeit bei Portuguesa Santista erwähnt er nicht. 

Welche Rolle wird Betinho in der geplanten Neymar-Ausstellung spielen?
»Betinho?«, fragt Neymars Onkel.
Sein Entdecker. Der ihn fünf Jahre geprägt hat.
»Geprägt haben ihn sein Vater und seine Mutter«, antwortet Benicio. »Und die Liebe zu Jesus Christus.«

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