Die dubiose Welttorhüter-Wahl

»90 Prozent wissen doch gar nicht, wen wir ehren«

Womöglich ist es kein Zufall, dass er sich konsequent allen deutschen Interviewanfragen verweigert. Auch nach welchen Kriterien er die besten Fußballer der Welt ermittelt, will er der deutschen Öffentlichkeit partout nicht erklären. »Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht«, teilt er mit. An der Arbeit der deutschen Fußballjournalisten lässt er kein gutes Haar. »90 Prozent wissen doch gar nicht, wen wir ehren. Die haben keine Ahnung, was in der Welt passiert.« Das Niveau in der Sportberichterstattung etwa in Holland oder Spanien sei viel höher.

»Wir haben keinerlei Interesse an PR«

Auch die Leser von 11FREUNDE, einem Magazin, von dem der Fußballexperte vor dem Telefonat noch nie gehört hatte, will er nicht in die Arkana des internationalen Fußballs einweihen. »Wir haben keinerlei Interesse an PR«, sagt er, »in keiner Form«.

Dr. Alfredo W. Pöge ist ein Phantom. Er meidet die Öffentlichkeit wie ein Vampir das Tageslicht. Einer, der aus dem Hintergrund die Fäden spinnt, beinahe so etwas wie der Werner Mauss des internationalen Fußballs. Etwas mehr über die IFFHS und ihren Präsidenten erfährt man auf der Homepage der Gesellschaft. Dort heißt es, dass die IFFHS über rund 200 Mitglieder in 120 Ländern verfügt, die sich »um eine chronologische Dokumentation des internationalen Fußballs auf wissenschaftlicher Basis sowie um die authentischen Weltrekorde in allen Belangen des Fußballs« bemühen.

Eine Persona non grata in der DDR

Die Website gibt auch Aufschluss darüber, dass Pöge, als er die IFFHS am 27. März 1984 in Leipzig gründete, mit dieser Entscheidung nebenbei auch die geballte sozialistische Staatsmacht herausforderte. Die Wahl von Pöge zum IFFHS-Präsidenten führte in der DDR angeblich zu gewaltigen Turbulenzen. So soll Pöge als »Abteilungsleiter einer großen Universitätsklinik und anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Laboratoriumsdiagnostik und klinischen Chemie« von der Universität und Stadt Leipzig Rückendeckung für seine Unternehmung erhalten haben.

Die logische Folge – so die IFFHS-Eigendarstellung im WWW: »Nach dramatischen Auseinandersetzungen mit dem Ostberliner Regime (Sportführung und Staatssicherheit) wurde Dr. Alfredo Pöge vom damaligen Staatschef der DDR, Erich Honecker, zur ,Persona non grata‘ erklärt.« Dies wiederum führte im Juni 1985 zur Umsiedlung seiner Familie und der IFFHS von Leipzig nach Wiesbaden. Seinen bescheidenen Beitrag hat der Fußballstatistiker Pöge offensichtlich auch zum Fall der Mauer beigetragen. Keine Frage: Papier ist geduldig, das Internet geduldiger.

Er strebt nach Perfektionismus, lehnt unlogische Aktionen radikal ab...

Überhaupt geht es auf der Homepage der IFFHS viel um den moralischen Anspruch und die hehren Motive ihres Gründers: Pöge zeige »Verständnis für den unterschiedlichen Entwicklungsstand in den einzelnen Regionen der Welt. (...) Er strebt nach Perfektionismus, lehnt unlogische Aktionen radikal ab und hält an dem Grundsatz fest, je tiefer man in die Materie eindringt, desto weniger weiß man. Er sieht sich, obgleich er der Ideengeber war und ist, nur als einen Teil der IFFHS und lehnt jeglichen Personenkult ab. (...) Nicht wenige betrachten ‚Dr. Don Alfredo‘ als Europas letzten Idealisten, doch unter seiner organisatorischen und fachlichen Führung hat sich die IFFHS zu dem entwickelt, was sie heute ist.«

Eine interessante Selbsteinschätzung von einem, der dem Personenkult den Kampf angesagt haben will. So skurril und verschroben das Vokabular auf der IFFHS-Homepage, so seltsam finden viele in Bonn das, was der »letzte Idealist Europas« so treibt. »Diese IFFHS ist etwas völlig Obskures«, meint Karl Lennartz, Universitätsprofessor und Fachmann für die Geschichte der Olympischen Fußballturniere.