Die Christoph Metzelder-Kolumne

»Schalke! Riesenverein!«

Christoph Metzelder engagiert sich seit einiger Zeit für seinen Heimatverein TuS Haltern. In seiner 11FREUNDE-Kolumne spricht er diese Woche über Jugendförderung, seinen ersten Vertrag bei Schalke 04 und Stammtischthesen. Die Christoph Metzelder-Kolumneimago images
Ich habe bereits seit der E-Jugend in den verschiedenen Auswahlmannschaften auf Kreis- und Landesebene gespielt. Das war damals so etwas wie eine Talentschau. Zu den Kreisauswahlspielen kamen auch immer wieder Scouts von den umliegenden Profi-Klubs. Eines Tages rief dann Schalke 04 an und lud mich zum Probetraining ein. Ich konnte das gar nicht glauben. Schalke 04! Dieser Riesenverein. Meine Eltern gaben ihr Okay und kurz danach waren Sergio Pinto, der damals auch beim TuS Haltern spielte, und ich auf dem Weg in die »Glückaufkampfbahn«. Alles war natürlich total aufregend. Wir haben überzeugt und der FC Schalke wollte uns haben. Damals war ich 14 Jahre alt und der Übergang von der C- Jugend zur B-Jugend der Zeitpunkt, an dem viele Spieler zu den Jugendmannschaften der Bundesligisten gingen.

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Mit der zunehmenden Professionalisierung des Jugendfußballs und den steigenden Ablösesummern im Profifußball setzte aber eine neue Entwicklung ein: Die europäischen Vereine versuchen immer früher und damit kostengünstiger an die herausragenden Talente zu kommen. Wer könnte der neue Lionel Messi werden? Wer ist der kommende Cesc Fabregas? Das sind zwei Beispiele von Fußballern, die früh von zuhause auszogen und mittlerweile zu Weltklassefußballern herangereift sind. Dabei wird vergessen, dass das nur zwei positive Beispiele von Millionen sind. Über die vielen, zum Teil auch deutschen Jugendnationalspieler, die im Ausland ihr Glück versuchten, aber an den Erwartungen, dem Druck und der ungewohnten Umgebung gescheitert sind, redet niemand.

Betrachten wir mal die Situation in Deutschland: Auch hier suchen die deutschen Bundesligisten den nächsten Manuel Neuer, der alle Jugendmannschaften bei Schalke 04 durchlaufen hat und heute Profi ist. Deswegen veranstalten Profiklubs schon Sichtungstage für die ganz Kleinen, bei denen die Kinder und deren Eltern mit der Aussicht gelockt werden, eines Tages »nebenan« bei den Profis zu spielen. Aber wie viele Kinder müssen nach kurzer Zeit schon wieder gehen und ihren Lieblingsverein verlassen, weil sie den Qualitätsansprüchen nicht genügen? Viele kehren desillusioniert in ihren Heimatverein zurück oder hören ganz auf Fußball zu spielen.

In der C-Jugend beginnt der Leistungsbereich

 
Oft fragen mich Eltern, wann denn der richtige Zeitpunkt für ihr Kind sei, zu einem großen Verein zu wechseln. Darauf gibt es keine Standardwantwort! Es gibt herausragende Talente, die schon relativ früh wissen, was sie wollen und auch in der Lage sind, sich bei einem großen Verein dem harten Konkurrenzkampf zu stellen. Dennoch lautet meine Antwort immer: Zur C- Jugend, also der heutigen U14. In diesem Alter beginnt der Leistungsbereich. Und das ist für mich das Alter, wo sich herauskristallisiert, wer Fußball nur als Hobby sieht oder wer alles aus seinem Talent herausholen möchte.

Nach dem schlechten Abschneiden bei der Europameisterschaft 2000 hat der DFB seine Nachwuchsförderung neu strukturiert. Profifußballvereine der ersten und zweiten Bundesliga mussten verpflichtend sogenannte Nachwuchsleistungszentren einrichten. Auch dort geht es dann ab der U14 los. Kinder und Jugendliche durchlaufen unter optimalen fußballerischen Bedingungen die »Ausbildung zum Fußballprofi«. Doch auch für die Spitzentalentförderung gilt: Die bestmögliche Ausbildung garantiert noch lange keine Profilaufbahn!!

Mit dem vom DFB damals parallel eingerichtetem Talentförderprogramm sollen aber auch Talente von Amateurvereinen, die nicht die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten durchlaufen (wobei das in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat!) im Blickfeld bleiben und immer noch die Chance haben Profifußballer zu werden. Es gibt eben doch einige »Metzelders« und »Friedrichs«, die über Amateurvereine wie etwa Preußen Münster oder den SC Verl bei Profivereinen landen. Und das widerlegt heute auch die oft bemühte »Stammtischthese«, die man von fast jedem ehemaligen Kicker hört: »Wenn ich früher entdeckt worden wäre, dann...«

In Deutschland bleibt mittlerweile kein Talent unentdeckt. Mit den 365 flächendeckenden und deutschlandweit verteilten DFB-Stützpunkten bekommen talentierte Kinder und Jugendliche von kleineren Vereinen die Möglichkeit, wöchentlich eine Zusatzeinheit unter professioneller Anleitung und Sichtung zu absolvieren. Weiterhin haben selbst Ober- und Regionalligisten schon ein so engmaschiges Sichtungsnetzwerk, das kaum ein Fußball- und Bewegungstalent unentdeckt lässt.

Und so kommen wir zu einem für mich sehr entscheidenden Punkt, in dem auch mein Engagement beim TuS Haltern begründet ist: Wir brauchen diese »Exzellenzinitiativen« im Fußball. Das heißt: die besten Talente müssen gefunden und bestmöglich gefördert werden! Aber der deutsche Fußball muss gerade in seiner Breite und Tiefe noch besser werden. Dazu gehört meiner Meinung nach, dass wir unsere Kinder fußballerisch viel besser ausbilden müssen. Und dies beginnt etwa bei einem Bezirksligisten wie dem TuS Haltern, der dabei stellvertretend für die Vielzahl von Amateurvereinen in Deutschland steht.

Wie können wir Kindern und Jugendlichen in kleinen Vereinen ganzjährig ein altersgerechtes und modernes Fußballtraining anbieten? Und wie können wir möglichst viele Talente schon zu Beginn so fördern und fordern, dass sie irgendwann von ganz allein den logischen nächsten Schritt machen?

Lionel Messi beim TuS Haltern?

Dazu muss den Verantwortlichen der kleinen Amateurvereine die Angst genommen werden, dass man ihnen ihre Spieler »wegnimmt«. Vereine wie der TuS Haltern waren, sind und werden immer Ausbildungsvereine bleiben. Diese Vereine ermöglichen eine fußballerische Grundausbildung in gewohnter Umgebung. Jeder Spieler, der dann irgendwann einmal den Sprung in eine Profimannschaft schafft, ist aber doch gerade eine Bestätigung für die geleistete Basisarbeit.

Kinder und Eltern müssen aber auch darüber aufgeklärt werden, dass nicht schon im Alter von sechs Jahren der »Zug« in Richtung Profifußball abgefahren ist. Kinder sollen zu aller Erst den Spaß am Fußball vermittelt bekommen und dann gemeinsam mit ihren Freunden und Schulkollegen Spielfreude entwickeln. Denn eins ist doch ganz sicher: Die großen Talente werden früher oder später den Sprung in den Profifußball schaffen! Ein Lionel Messi würde heute sicher nicht beim TuS Haltern in der Bezirksliga spielen!