Die Berliner Ultras antworten dem DFB

Wir haben keine Angst

Wenige Tage nach der öffentlichen Erklärung des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, antworten die Ultragruppen von Hertha BSC in einer gemeinsamen Erklärung. 

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Die Ultragruppen von Hertha BSC verteilen zur Stunde vor dem Berliner Olympiastadion gemeinsam ein Antwortschreiben auf den öffentlichen Brief von Reinhard Grindel. Darin hatte der DFB-Präsident allen Fans ein Gesprächsangebot gemacht und sich für eine Aussetzung von Kollektivstrafen ausgesprochen.

Die Berliner Ultras geben an, dass sie die Äußerungen positiv aufgenommen hätten. Da der DFB in den vergangenen Jahren nie an einem, wie es heißt, echten Dialog interessiert gewesen sei, traue man nun den Lippenbekenntnissen des Verbandes nicht über den Weg. Welche Probleme die Ultras zurzeit mit dem DFB hätten, begründen sie im nachfolgenden Brief im Wortlaut: 

»Wir sind die Faszination Fußball

Fußball ist das Größte! Woche für Woche strömen wir in die Stadien – deutschlandweit, ob auswärts oder daheim. Wir Fans tragen die Stimmung in die Stadien und füllen diese mit Leben. Die Atmosphäre, die wir erzeugen, ist einzigartig. Doch die Entwicklungen im deutschen Fußball bereiten uns Sorgen. Es ist mittlerweile unbestreitbar, dass sich die Führung des DFB von der Basis weit entfernt hat. Was wir damit meinen?

- Sanktionen für Spruchbänder und Gesänge; ein Verbot der freien Meinungsäußerung Ein Sportgericht, das intransparent und nach Kalkül sanktioniert und sich zudem über rechtsstaatliche Errungenschaften hinwegsetzt

- Bundesweite Stadionverbote durch den DFB auf Verdacht

- China U20 in der Regionalliga Südwest

- Ein Relegationsmodus, der Clubs für eine erfolgreiche sportliche Saison die gerechte Belohnung vorenthält

- Die immer weiter voranschreitende Zerstückelung des Spieltags auf Anstoßzeiten von Freitag- bis Montagabend

- Ein Pokalfinale im Stile des amerikanischen Super Bowl inklusive Halbzeit Show-Act

- Fehlende Konsequenz im Umgang mit Clubs wie RB Leipzig, die die 50+1-Regelung untergraben, jedoch öffentlich von den Verbänden hofiert werden

- Eine gekaufte WM 2006, deren vollständige und ehrliche Aufarbeitung vom DFB weiterhin verweigert wird

- Überlegungen hinsichtlich der Einführung des „Englischen Modells“ bzw. Abschaffung der Stehplätze


Es ist offensichtlich: DFB und DFL vermarkten mit unserer Stimmung das „Produkt“ Fußball. Im Gegenzug drangsalieren sie uns Stadiongänger in einer Art, die nicht mehr akzeptabel ist. Es geht uns nicht um Pyrotechnik oder vermeintlich andere „Ultra-Angelegenheiten“. Die oben angeführten Punkte betreffen jeden einzelnen Fußballfan und könnten noch endlos weitergeführt werden.


Positiv nahmen wir die am Mittwoch, durch den DFB in Person von Reinhard Grindel, getätigten Äußerungen auf, man wolle in Zukunft auf Kollektivstrafen verzichten und stünde für einen Dialog bereit. Doch wieso geht unser Protest nun weiter bzw. jetzt erst richtig los? Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Verbände nie an einem echten Dialog auf Augenhöhe interessiert waren. Gelegenheiten gab es dafür genug. Allein bei den zwei großen Fankongressen in Berlin oder den unzähligen Treffen bei verschiedenen Arbeitsgruppen des DFB, an denen mit „ProFans“ eine Organisation teilnahm, in der neben uns auch viele weitere Ultragruppen organisiert sind. Diese Chance wurde seitens der Verbände verpasst! Sämtliche Dialoge zwischen Fanvertretern und Verbänden verliefen im Nichts und führten in den letzten Jahren sogar zum Austritt von z.B. „ProFans“ aus Dialogrunden des DFB. Daher trauen wir den aktuellen Lippenbekenntnissen des DFB nicht über den Weg. Und solange dies der Fall ist, werden wir unseren Protest in die Stadien tragen!

Wir sind uns bewusst: Der DFB wird weiterhin versuchen unsere Stimme klein zu halten und uns Stadiongänger als Minderheit von geringerer Bedeutung zu bezeichnen. Dieses tut der Verband nicht nur um von sich und seinen Fehlern abzulenken, sondern vor allem weil der Bezug zu den Fankurven und großen Teilen der Fußballfans in Deutschland nahezu vollständig abhanden gekommen ist. Mit welchen Mitteln er das tut, sehen wir aktuell an der Kampagne einer Boulevardzeitung, deren einziges Ziel es ist, die Kurven zu spalten.


Davor jedoch haben wir keine Angst. Im Gegenteil: Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und sind nach jahrelangen Repressionen erst recht gewillt dem DFB und seinen Verantwortlichen die Zähne zu zeigen. Wir sind zu weit gekommen, um aufzugeben. Dieser Wille vereint bereits zehntausende Menschen und deren Zahl wird weiter wachsen. Denn eins darf der Fußball nie werden: Das Produkt eines Verbandes der sich mittlerweile von der Kurve so weit entfernt hat, wie der Lohnzettel des einfachen Stadiongängers von den Bezügen eines Fußballprofis.

Hertha BSC Ultras im August 2017
(Harlekins Berlin, Hauptstadtmafia, Dynamic Supporters Berlin)«.