Die Bayern in der Einzelkritik

Mia san atemberaubend

Boateng würde selbst die Mafia stoppen, Thiago macht die Superlativen frisch und gegen Thomas Müller hatte der FC Porto ohnehin keine Chance – die Bayern in der Einzelkritik.

imago

Manuel Neuer
Früher wünschte sich der Autor dieser Zeilen einen Silberrücken zum besten Freund. Warum? Nun, er stellte sich das so vor: Mal wieder vor dem Club eine zu dicke Lippe riskiert, den Unmut und sogar die Wut der stiernackigen Türsteher provozierend – doch bevor es im letzten Moment Mische gibt, taucht im Hintergrund besagter Silberrücken auf, schaut den Türstehern tief in die Augen und die Situation ist mal wieder zu Gunsten des Autors geklärt. Die Bayern haben auch so einen Gorilla, der ihnen den Rücken freihält, wenn es mal wieder richtig brenzlig wird und der Rest der Mannschaft Scheiße gebaut hat: Manuel Neuer. Der hatte die beste Szene des gestrigen Abends paradoxerweise in der 57. Minute des Hinspiels. Da parierte Neuer beim Stand von 1:2 einen dieser Bälle aus kurzer Distanz, die außer ihm höchstens noch diese Katze über die Latte gelenkt hätte. Und verhinderte so den totalen Zusammenbruch. Ein 1:4 oder gar ein 1:5, das nach diesem frühen dritten Tor möglicherweise gedroht hätte, wäre auch für den FC Bayern zu viel gewesen. So aber endete das Hinspiel »nur« mit 1:3, offenbar nicht mehr als ein wenig Niespulver für den gewaltigen Rekordmeister. Der schüttelte sich kurz und sprengte dann beim nächsten Stammtisch dem forschen Gast aus Portugal beim Fingerhakeln die Gelenke. Und unser Silberrücken? Der schaute sich das gestern vergnügt über 90 Minuten an und musste nicht weiter eingreifen. Er hatte ja seinen Job schon im Hinspiel erledigt.

Rafinha
Ach, Typen wie Rafinha muss man einfach ins Herz schließen. Wenn man nicht gerade sein Gegenspieler ist. Denn der Brasilianer ist einer von diesen Stinkstiefeln, die man lieber in seinen eigenen Reihen weiß. Andernfalls würde man auch wahnsinnig werden, ob der Hartnäckigkeit, mit der einem dieser Rafinha auf Teufel komm raus einen Scheißtag bescheren möchte. Ihm gibt man vor dem Spiel sportlich-fair die Hand, wünscht ein gutes Spiel und bekommt dafür mit den Stollen auf den großen Zeh getreten, Haifischgrinsen inklusive. »Giftzwerg« nennt das der Volksmund, »Tasmanischer Teufel mit ordentlich Verve in den Beinen« nennen wir das. Gegen die im Hinspiel so hinreißend giftigen Portugiesen war Rafinha das passende Gegengift. Ein Gegengift, von dem man noch einen Tag danach Brechdurchfall bekommt.

Jerome Boateng
Wenn wir mal irgendwann einmal durch Zufall in der Mittagspause Zeuge davon werden sollten, wie ein hochrangiges Mitglied der Mafia, der Europa-Chef der Hells Angels und ein Auftragskiller des russischen Geheimdienstes gemeinsam Steuern hinterziehen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen und detaillierte Pläne zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten studieren, und deshalb später vor Gericht aussagen und nun Schutzhaft in Anspruch nehmen müssen – dann wünschen wir uns bitte Jerome Boateng als einzigen Verteidiger. Der würde vermutlich den Profikiller elegant ablaufen, die heranrückenden Motorradrocker abblocken und die Mafia mit spektakulärem Defensivfußball zur Beendigung sämtlicher krummer Geschäfte zwingen. So sicher stand Boateng gegen den FC Porto, dass die im Hinspiel noch so gefeierte Offensivreihe der Gäste nach etwa 30 Minuten auch mit weißen Fahnen statt Trikots durch die Allianz-Arena hätte laufen können. Aufgegeben hatten sie da eh schon längst.

Holger Badstuber
Wer es noch nicht weiß: Holger Badstuber pflegt privat einen sehr lässigen Kleidungsstil, der manchmal gar zu arg von der HipHop-Kultur beeinflusst ist. Dann sieht man Badstuber, den man sich rein optisch eher beim Lederhosentragen, Gegenseitig-auf-die- Schulter-Klopfen am Stammtisch der Oberfilztaler Hinterwald-Buam« vorstellen kann, mit »New Era«-Snapback und Hoody beim Basketball sitzen. Man denkt: Macht hier auf cooler Typ, jederzeit bereit für die nächste Cypher, dabei hat er doch eigentlich dieses Lederhosentragende gegenseitig auf die Schulter klopfende am Stammtisch der Oberfilztaler Hinterwald-Buam sitzende Holger-Badstuber-Gesicht. Wie man sich doch täuschen kann. Der gestrige Auftritt gegen Porto war vielleicht der letzte Beweis dafür, dass dieser Badstuber über einen Coolness-Faktor verfügt, für den ihn Snoop Dogg heimlich beneidet und der Andrea Pirlo zu einer anerkennend hochgezogenen Augenbraue verleitet. Während sein Ersatz Dante im Hinspiel so wenig lässig über den Platz taumelte wie ein junger AfDler bei »Rap am Mittwoch«, verkniff Holger Badstuber die Augen zu seinem üblichen Wettkampf-Blick und dominierte seine Gegenspieler wie Tupac Bernd Lucke beim Open Mic im ICE-Bordbistro.