Die 11 des Spieltags (33)

Verbeugen bis zum Hexenschuss

Karim Onisiwo
Er wurde in Wien geboren. Wie David Alaba. Ihre Väter kannten sich schon, als sie noch in Lagos lebten, Nigeria. Sie hielten weiter Kontakt, nachdem beide nach Österreich gekommen und Väter geworden waren. Und so spielten sich der kleine Karim und der kleine David durch die Käfigplätze des Wiener Stadtteils Favoriten. Dann verloren sie sich aus den Augen. Alaba wechselte bald zu den Bayern und wurde zu einer der besten Allzweckwaffen des Weltfußballs.

Onisiwos Weg hingegen glich einem Alpenpass voller Serpentinen und Sackgassen. Ehe er in der Winterpause endlich wahr wurde, der Traum von der Bundesliga. Ein paar Wochen Eingewöhnung, eine Zehenverletzung später hat es der Flügelstürmer nun in Stuttgart zum zweiten Startelfeinsatz hintereinander gebracht. Und mal eben gezeigt, warum ihnen in Mainz Vorfreuden-Pipi in die Augen schießt, wenn sie von ihm reden. Bereitete ein Tor vor, erzielte eines selbst. Und wirbelte und ackerte auch sonst über den Platz, dass sie bei Porsche überlegen, ihren neuen SUV Onisiwo zu nennen.

Wenn das auch nur halbwegs das ist, was der Mann kann, dürfen sich die Rechtsverteidiger der Europameisterschaft auf einiges gefasst machen. Wenn es heißt: »Und heute dampfen sie über links ein – David Alaba und Karim Onisiwo. Made in Favoriten.«

Darmstadt 98
Die Mannschaft ist vermutlich weniger »wert« als der Fuhrpark an der Säbener Straße. Und doch weit mehr, da sie so vielen Menschen etwas bedeutet. Selbst denen, die eigentlich gar keine Lilien-Fans sind. Weil sie eines dieser Märchen geschrieben hat, von denen es heißt, dass es sie gar nicht mehr gibt. Weil sie all den (uns) Romantikern, Nostalgikern und Träumern Freude ins Gesicht gemeißelt hat.

Weil sie mit dem Klassenerhalt das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat. Wir hoffen, dass das irgendwann überhaupt nichts besonderes mehr und Darmstadt dann ein ganz normaler Bundesligist ist. Weil das bedeuten würde, dass sie noch ein paar Mal die Klasse gehalten hat. Und bis dahin verneigen wir uns tief – bis zum Hexenschuss.

Vladimir Darida
Wie wusste schon sein Quasi-Namensvetter und Philosoph Jaques Derrida: »Die Verantwortung beginnt genau dann, wenn man keine Gewissheit mehr hat.« Und die Gewissheit, dass dies eine wirklich überragende, und nicht einfach nur eine sehr gute Saison werden würde für die Hertha, war nach zuletzt drei Niederlagen in Folge ja merklich geschwunden.

Also ging Vladimir Darida voran, erzielte das 1:0 und spielte überhaupt eine Vorstellung ins Olympiastadion, die der Champions League locker würdig war. Reichte am Ende trotzdem nicht. Seine Mitspieler hatten sich en gros der Traum-Dekonstruktion verschrieben. Wie wusste schon Derrida, da ihm am 30. Februar 1972 auf einer Pariser Parkbank sitzend eine Taube das Blouson defäkierte: »Mist!«

André Schubert
Er hat einen besseren Punkteschnitt als Jupp Heynckes und Lucien Favre. Würden nur die 28 Spieltage seiner Amtszeit gelten, läge Gladbach auf Platz drei der Liga. Noch nie zuvor hat eine Mannschaft, die die ersten fünf Spieltage verlor, am Ende noch einen einstelligen Tabellenplatz, geschweige denn die Champions-League(-Qualifikation) erreicht. Und dennoch soll der Stuhl von André Schubert wackeln, wird Markus Weinzierl als Nachfolger ins (Boulevard-)Gespräch gebracht.

Vielleicht liegt es daran, dass Schubert wirkt, wie er nunmal wirkt. Immer etwas angespannt, aufgesetzt fast. Als wolle er ganz besonders locker, ganz besonders natürlich wirken. Doch wer Spiele wie gegen Leverkusen und diesen Platz vier mitverantwortet, dürfte zumindest nach dem Geschmack der meisten Gladbacher vermutlich sogar Kölner sein. 

Pep Guardiola
Er landete in der Bundesliga wie ein Außerirdischer. Zum Messias und Weltenretter des Fußballs verklärt. Nun verlässt er sie als dreifacher deutscher Meister. Und dennoch versuchen nun manche, ihm einen Makel ans Revers zu klöppeln, da er die Champions League nicht gewonnen habe. Er sei unvollendet, wissen demnach vor allem die, die ihn einst als vollendeten Trainer begrüßten. Die an beiden Enden der Extreme zugleich gemeldet sind.

Da passt es ins Bild, dass Guardiola ausgerechnet im Audi-Sportpark von Ingolstadt, diesem Wallfahrtsort für Gefühllose, zeigte, was er wohl am ehesten ist: Einfach ein offenbar ziemlich guter Trainer, der das Spiel so sehr liebt und lebt, dass es manchmal wehtut, ihm dabei zuzusehen. Und obendrein ein feiner Mensch. Der seine Titel mal eben mit seinem Vorgänger Jupp Heynckes geteilt wissen wollte, »eine richtige Legende«. So spricht kein Messias. So spricht einfach nur ein guter Typ.