Die 11 des Spieltags (33)

Abschied ist ein scharfes Schwert

Julian Draxler
Als wir 20 waren, hatten wir so eben die letzten Ausläufer der Pubertät überstanden, das »Bravo«-Abo just gekündigt und die »Masters«-Figuren eher widerwillig auf den Dachboden geräumt. Julian Draxler absolvierte am Samstag im selben Alter derweil sein 100. Bundesligaspiel und löste damit Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel als jüngster Spieler im Hunderter-Club der Liga ab. Glückwunsch. Ob Draxler auch die 602 Bundesligaspiele von Körbel erreichen wird, bleibt indes fraglich, schließlich waren bereits in der Vergangenheit sämtliche europäische Topklubs ohne mit der Wimper zu zucken bereit, Draxler für eine Transfersumme ins Ausland zu locken, mit der sich auch der griechischen Staatshaushalt ausgleichen ließe. Ob nun auf Schalke oder im Ausland – lange wird es wahrscheinlich nicht mehr dauern, bis Draxler endgültig in den Rang eines internationalen Topspielers aufsteigt. Glückwunsch auch dazu. Wir sind derweil mal auf dem Dachboden, traurig ein wenig »Masters« spielen.

Aaron Hunt
Glaubt man den weisen Worten von Midtempo-Legende, Bart-Vorbild und Schunkel-Philosoph Roger Whittaker – und natürlich tun wir das, denn der Mann ist so etwas wie eine Vaterfigur für uns – dann kann ein Abschied durchaus ein scharfes Schwert sein. Für Aaron Hunt wäre das zum Beispiel der Fall gewesen, wenn er seine Abschiedssaison in Bremen mit einem Abstieg abgeschlossen hätte. Aber der Mann scheint zu wissen, was sich gehört und wie man einen Abschied nach 14 Jahren Vereinszugehörigkeit gebührlich feiert. Mit seiner Klasse und seinen Toren war Hunt entscheidend am Klassenerhalt der Bremer beteiligt, in seinem letzten Heimspiel für Werder gegen Hertha erzielte er zudem gleich zwei Tore und läutete damit eine sicherlich emotionale Abschiedsparty ein. Ob auf der Feier auch Roger Whittaker gespielt wurde, wissen wir nicht, hoffen es aber natürlich sehr.

Marwin Hitz
Dass Braunschweig am Samstag gegen Augsburg haarscharf am Befreiungsschlag vorbeischrammte, lag vor allem auch an FCA-Keeper Marwin Hitz. In der 89. Minute stand der eingewechselte Salim Khelifi frei vor Hitz und brauchte nur einzuschieben. Die Braunschweiger Fans hielten den Atem an, Torsten Lieberknecht lockerte kurz den Würgegriff am Halse des Vierten Offiziellen, im Vereinsheim kippte scheinbar grundlos ein Jägermeister um und irgendwo in München setzte ein Friseur gedankenverloren die Schere von Paul Breitners Minipli ab. Es wäre der Sprung auf den Relegationsplatz gewesen, Hitz aber parierte den Schuss mit einem Reflex, der selbst Neo aus »The Matrix« eifersüchtig ein paar Löffel hätte biegen lassen. Schade drum. Augsburg erhält sich mit dem 1:0-Sieg übrigens weiterhin die Chance auf den Europacup. Der FC Augsburg. Im Europacup. Willkommen in der Matrix.

Raul Bobadilla
Für die Braunschweiger mag Raul Bobadillas Siegtreffer ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, für uns Lupfertoroholiker war sein butterzarter Heber in der 94 Minute das vielleicht schönste Erlebnis seit dem Räumungsverkauf im Wurst-Sonderpostenmarkt. Eine eher unfreiwillige Hackenablage von André Hahn chippte Bobadilla nämlich mit derart viel Gefühl über die Braunschweiger Defensive hinweg in die Maschen, dass wir überzeugt sind, dass demnächst schmalzig-romantische Groschenromane über dieses Tor geschrieben werden. Die wir übrigens völlig ironiefrei lesen würden.

Christian Gentner
In Sachen Traumtore lobend erwähnen wollen wir an dieser Stelle auch Stuttgarts Christian Gentner, dessen Tor zum 1:1 aus rein ergebnistechnischen Gründen zwar unbedeutend war, das uns Fußballästheten aber salzige Freudentränen auf unsere zu engen Retrotrikots weinen ließ. Insbesondere die Ballannahme mit der Hacke über seinen Gegenspieler hinweg war ein ganz besonders feines Schmankerl und derart gefühlvoll, dass irgendwo in Paris Zlatan Ibrahimovic seine Hacke zärtlich mit Bodylotion einseifte, bevor er die Tube per Fallrückzieher wieder in den Schrank schoss. Einzig Gentners verweigerter Torjubel nach seiner sexy Hackenannahmen-Gewaltschuss-Kombo schmälerte unseren Traumtor-Genuss. Wenn man ein derart wichtiges Tor schießt, das es zu dem Zeitpunkt ja noch war, darf man sich ruhig ein wenig freuen. Auch wenn es gegen den Ex-Klub geht.