Die 11 des Spieltags (30)

Wagner-Festspiele

Jogi Löw hat Nivea auf den Augen, Kevin Kampl verdient einen Special-Effects-Preis und Hoffenheim hat bald eine neue Rechtschreibung.

Imago

Sandro Wagner
Der Vorteil des Eremiten ist ja, dass er voller Inbrunst behaupten darf, der geilste Typ zu sein, dem er in letzter Zeit begegnet ist. Der Einzige, der da gesichtsverlustfrei mithalten kann: Sandro Wagner. Weil: 14 Torbeteiligungen in den vergangenen 14 Spielen! Wenn Jogi Löw nicht zumindest darüber nachdenkt, Darmstadts Stürmer in das Vorbereitungs-Trainingslager auf die EM in Frankreich mitzunehmen, hat er Nivea auf den Augen. Denn wer hat 2009 (U21 hin oder her) mit drei Toren den letzten EM-Titel der DFB-Geschichte sichergestellt? Eben! Zumal Wagner inzwischen sogar Doppelpässe spielt. Doppelpässe! Wagner! Übrigens: Wenn die Bayreuther Festspiele in der kommenden Saison den Siegfried nicht in Sandro umbenennen, ist die Oper für uns auch gestorben.

Kevin Kampl
Der Preis für den besten Kurzarbeiter des Spieltags geht diese Woche an Leverkusens Kevin Kampl. Eingewechselt in der 70. Minute, brauchte er exakt eine Ballberührung, um das bis dahin so tapfere Frankfurter Bollwerk in Adlerasche zu legen. Beteiligte sich anschließend auch noch am 2:0. Dabei war Kampl noch vor seinem ersten Ballkontakt ein Preis unbestritten gewiss – der für die besten Special Effects des Wochenendes. Er selbst nennt es übrigens einfach nur Frisur.

Robert Lewandowski
Seit 300-irgendwas Minuten hatte Robert Lewandowski nicht mehr ins Tor getroffen. Gut, andere Stürmer treffen überhaupt nur alle 300-irgendwas Minuten. Aber für Bayerns SuperSuperÜberÜber-Stürmer ist der Torjubel vermutlich tatsächlich so essenziell wie einem 11FREUNDE-Redakteur die Dusche – einmal die Woche muss schon. Und weil Zweifel oft verzweifeln lassen, soll der Pole ja sogar Blechschäden verursacht haben. Einfach, um überhaupt mal wieder irgendwas zu treffen. Gut, dass Lewandowski am Samstag gleich einen Doppelpack schnürte. Münchens Autofahrer hupen erleichtert auf.

Waldemar Anton
Was dem Ruhrgebiet die »Trinkhalle«, dem Rheinland das »Büdchen« und den Berliner der »Späti« ist, ist dem Hannoveraner der »Kiosk«. Und wie stolz sie auf ihre ausgeprägte Kiosk-Landschaft sind in Niedersachsens Landeshauptstadt! Eine eigene App haben sie den Alleskönnern des Einzelhandels gewidmet. Stolz führen sie ihre Gäste von Gral zu Gral. Jeder der Besitzer mindestens Legende: »Machete«, »Lausen« oder »Schotti«. Bezeichnend, dass sie pünktlich zum Vereinsjubiläum in Richtung Glück geschossen wurden von einem, der ziemlich genau so heißt, wie Hannover dann ohne Verklärung tatsächlich aussieht: Waldemar. Und der beim 1:0-Führungstreffer alles zeigte, was einen guten Kiosk auszeichnet: Da sein, wenn es drauf ankommt. Weitermachen.

Daniel Stendel
Was denn der größte Unterschied zwischen der U19 und der Bundesliga sei, wurde Hannovers Interimstrainer Daniel Stendel vergangene Woche gefragt. »Die Lautstärke«, antwortete der. Und kurz war man geneigt zu rätseln, ob der gute Mann denn nun einfach nur meint, dass die schiere Mehrzahl an Zuschauern ihm das Verstehen erschwere (und wie so etwas in Kindestan sein kann?). Oder ob er damit nicht auch ein subtiles Fanal gegen die Überhöhung des Bundesliga-Zirkus' verargumentierte. Doch dann betrachtete man diesen durch und durch sympathisch anmutenden Menschen, der ob der Größe der neuen Bühne nicht einmal recht den Augenkontakt zu seiner Gesprächspartnerin halten konnte, und meinte zu wissen: Es ist einfach alles noch ein bisschen viel und neu für ihn.

Ehe er nach seinem Debüt-Punkt beim Tabellendritten aus Berlin nun auch noch den ersten Hannoveraner Heimsieg seit Doris Köpf gegen Hillu Schröder holte. Mithin mit einer Leistung, die Hannover vor noch zwei Wochen nur zutraute, wer auch sonst keine Freunde hat. Und die Gründe genug lieferte, bei Daniel Stendel in Zukunft etwas genauer zuzuhören.

Fin Bartels
Das Leben ist kompliziert. Zum Glück gibt es einige unumstößliche Wahrheiten, die uns wie Leitplanken durch das Chaos leiten. Mit Musik ist alles besser. Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Und Menschen die Fin heißen, sind niemals Arschlöcher. Gilt natürlich auch für Werders Fin Bartels, den man selbst dann irgendwie mag, wenn man Bremen so sympathisch findet wie den neuen Freund der Ex-Frau. Der sie neulich mit diesem britischen Sportwagen vom Scheidungsrichter abgeholt hat. Den man sich nicht einmal im Maßstab 1:Träumchen leisten kann. Ganz zu schweigen davon, dass er aussieht, wie man immer aussehen wollte, als man mit Foto zum Friseur ist, ganz heimlich, da man ja eigentlich immer behauptet, nur »kürzer« zu wünschen.

Aber wir driften ab. Fin Bartels also. Traf erst den Pfosten, war dann am Entstehen des Elfmeters beteiligt und wemmste schließlich selbst ein Tor ins Glück. Wirkte dabei mal wieder wie einer von uns, einer, mit dem man gern ein Bierchen trinken und über den Freund der Ex-Frau ablästern würde. Aber Wolfsburg besiegen reicht für's Erste auch.