Die 11 der Saison

Hoeneß' tiefer Fall

Matthias Sammer
Stundenlang wurde getagt, denn wir konnten uns einfach nicht auf einen Spieler der Bayern einigen, an dem sich die unglaubliche Souveränität des Rekordmeisters festmachen ließ.  Der schnellste Mensch der Welt, Franck Ribéry? Frisurenwunder Dante? Everybody’s Darling Thomas Müller? Dominastian Chefsteiger? Jeder Einzelne hätte sich angeboten. Dass wir uns letztlich Matthias Sammer als Symbol der Münchner Dominanz herausgepickt haben, liegt erstens daran, dass wir ein bisschen Angst vor ihm haben. Und zweitens denken wir, dass Sammers Dauergemotze der ausschlaggebende Punkt für die 34 Spieltage währenden Bayern-Festspiele war. Denn während die Bayern den Spielbetrieb in Grund und Boden dominierten, wurde Sammer nicht müde, Konzentration anzumahnen. Selbst nach der gewonnenen Meisterschaft mahnte Sammer weiter und erlaubte den Spielern angesichts des anstehenden Champions-League-Halbfinals genau einen Kasten Bier – und wahrscheinlich auch den nur zähneknirschend. Bei der offiziellen Meisterfeier durften die Spieler dann zünftig feiern und auch Sammer wirkte gelöst. Aber wehe, das Champions-League-Finale geht in die Hose. Dann werden den Bayernspielern von Sammer die Haare gestutzt. Per Fluggrätsche.

Ilkay Gündogan
Niemand konnte erwarten, dass die Borussia aus Dortmund die letzten beiden Sahnejahre wiederholen würde. Was sie dann ja, zumindest in der Liga, auch nicht tat. In der Champions League hingegen lief es diese Saison ganz ausgezeichnet und der BVB ist für einige denkwürdige Partien verantwortlich, darunter das Lehrstück in Dramatik gegen Malaga. Am deutlichsten überrascht hat uns beim BVB Ilkay Gündogan, der vor nicht allzu langer Zeit von nicht allzu wenigen Leuten bereits als Fehleinkauf abgestempelt war. Und sich dann unerwartet zu einem der besten Sechser der Liga mauserte. Sogar Barcelona soll bereits angeklopft haben, Gündogan verlängerte aber seinen Vertrag. Warum sollte er auch wechseln? Die Champions League gewinnen kann er auch in Dortmund. Vielleicht, zumindest.

Stefan Kießling
Stefan Kießling und die Nationalmannschaft, das ist die bitterste Geschichte seit, nun ja, Martin Max und der Nationalmannschaft. Trotz 110 Toren und 49 Assists in 278 Bundesligaspielen, darf »Kieß« seit geraumer Zeit nicht mehr mit zu Länderspielen fahren. Und durfte das, wenn man ehrlich ist, auch noch nie so richtig. Warum das so ist, weiß kein Mensch, vielleicht sollte er sich die Haare scheren und »Jancker« aufs Trikot pflocken lassen. Aber wahrscheinlich lieber nicht. Jetzt hat Kießling eine Mitleidsnominierung für die USA-Reise der Nationalelf dankend abgelehnt. Als Nummer Acht in den Kader bemitleidet zu werden, wäre bei Kießlings Fähigkeiten doch ein arg bitteres Gnadenbrot gewesen. Da poliert er lieber seine Torjägerkanone, überlässt die Nationalmannschaftsreise den Nicolai Müllers dieser Welt und bereitet sich ordentlich auf eine weitere Saison vor, in der er wieder knipst wie am Fließband. Und wahrscheinlich trotzdem nicht nominiert wird.

Uli Hoeneß
Der Aufreger der Fußballsaison und höchstwahrscheinlich auch das persönliche Highlight einiger Steuerbeamter vom Finanzamt München ist der Fall des Uli Hoeneß. In über 40 Jahren als Spieler, Manager und Präsident des FC Bayern München hat Hoeneß nicht nur seinen Verein auf eine ganz andere Ebene als die nationale Konkurrenz gehievt; er hat sich dabei auch stets als wertekonservativer, hemdsärmeliger Mahner und Macher geriert, der sich auch über Dinge abseits des Fußballs äußerte und der dadurch irgendwann eine quasi-politische Aura  hatte. Dann aber der Skandal: Hoeneß zeigte sich selber wegen Steuerhinterziehung an, er hatte über Jahre die Gewinne seiner Börsenzockerei auf einem schweizerischen Konto geparkt und unversteuert gelassen. Einen Fall von solcher Tiefe hatte der deutsche Fußball seit der Causa Daum nicht mehr gesehen. Ausgerechnet Hoeneß, könnte man unken, wenn es nicht so traurig wäre, denn selbst eine Gefängnisstrafe ist nicht auszuschließen.

Sascha Mölders
Wie sehr sich Redaktionsliebling Sascha Mölders in unsere Herzen geackert hat, lässt sich am Besten daran erkennen, dass wir ihm ein eigenes Verb gewidmet haben: »möldern«. Jemand möldert, wenn er oder sie wie ein Wahnsinniger für eine Sache schuftet. Und wir benutzen es tatsächlich. »Der neue Praktikant möldert ganz schön«, heißt es beispielsweise lobend von den Chefs, oder tadelnd: »Bald ist Redaktionsschluss, also möldert mal ein bisschen«. Wir werden ab jetzt jeden Tag dafür möldern, dass dieses Wort Eingang in den Duden findet. Mindestens so sehr, wie Sascha Mölders seinen FC Augsburg zum sensationellen Klassenerhalt gemöldert hat. Glückwunsch dazu.

Heung-Min Son
Es ist uns eine Ehre, den Titel »Launische Diva« aus Frankfurt zu entführen, um ihn feierlich dem HSV zu erreichen. Denn was die Hamburger in dieser Saison an Inkonstanz an den Tag legten, war schon wirklich bewundernswert. Auf Siege gegen Dortmund folgten Niederlagen gegen Augsburg, irgendwann gab es mal ein historisches 2:9 in München, eine Woche später wurde dann trotzdem wieder von der Champions League geträumt. Erfreulich an dieser Saison war in Hamburg eigentlich nur die Entwicklung von Heung-Min Son, dessen Stern in dieser Spielzeit endgültig aufging. Blöd allerdings, dass es Son allem Anschein nach wegzieht, zumal der äußerst klamme HSV das Geld für den Jungstar gut gebrauchen könnte. Unbestätigten Medienberichten zufolge soll bei einem Wechsel Sons im Gegenzug Peter Zwegat an die Elbe wechseln. Wir sind gespannt.