DFB-Pokal-Endspiel

Und immer wieder Luca Toni

Dank Luca Toni und Oliver Kahn hat der FC Bayern das DFB-Pokal-Finale gegen Borussia Dortmund mit 2:1 gewonnen. Doch die Bayern mussten länger zittern, als sie vorher dachten. Und Oliver Kahn musste wieder richtig zornig schauen. DFB-Pokal-Endspielimago images
Das Berliner Olympiastadion ist eine prima Fußballarena. Wie gemacht für ein großes Finale. Das geht schon vor der Tür los: eine große Wiese, so saftig und grasgrün, dass man sich harrypottermäßig eine Lederkugel herbeizaubern können mag, um sofort und auf der Stelle loszukicken. So kann man aber immerhin auf dem sattem Grün rumstehen und Pappbecherbier trinken. Sogar Falko Götz macht das.

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Drinnen im Stadion ist dann viel Platz. Für 74.000 Fans und für viele viele ihrer Plakate. In der schwarzgelben Abteilung am Marathontor sind da die »BVB-Fans Gelsenkirchen« (sic!) und das »Commando Remidemi«. Gegenüber im roten Block grüßt der »Hessenmob« und die »Ultras Antwerpen«. Und dann erst die Musik! Ein leibhaftiges Staatsmusik-Corps der Bundeswehr haben die da in Berlin, dazu noch große Leinwände mit dem richtigen Text für die Nationalhymne.

Akustik: 1a. Das demonstrieren dann die beiden Fan-Blocks. Nur beim Pokalfinale kommt es ja zum direkten Duell zweier Auswärtsmannschaften (oder kann sich noch jemand an ein Endspiel mit Berliner Beteiligung erinnern?) und somit auch zum Fan-Contest. Regelmäßig werden die ewigen Sieger vom FC Bayern dabei an die Wand gesungen: vor zwei Jahren von den Frankfurtern, diesmal von den Dortmundern. Aber das sind die Bayern-Fans ja schon gewöhnt, passiert ihn ja auch im eigenen Stadion. Logisch, dass sich die BVBler auch eine Banderole samt Sinnspruch dabei haben: »Träumt einer allein, ist es nur ein Traum. Träumen viele gemeinsam, ist es der Beginn von etwas Großem.« Große Prosa, tolles Setting, fehlt nur noch ein kitschiger Sonnenuntergang überm Stadiondach - und ein klasse Spiel.

Und schon sind wir beim 65. Finale des DFB-Pokals. Sehr bedächtig ging das los, ohne bayerischen Ehrgeiz, den frühen Torrausch vom vergangenen 5:0-Wochenende auch im tiefsten Preußen zu wiederholen. Nach fünf Minuten raffte sich Philipp Lahm zu einem ersten Fernschuss auf, den BVB-Keeper Ziegler noch locker vor der Magengruppe abfangen konnte. Doch schon in der Anfangsphase vermittelte der FC Bayern mit einer fast greifbaren Dominanz den Eindruck, dass der Führungstreffer hier nur eine Frage der Zeit ist. Und so dauerte es nur noch sechs weitere Minuten, bis die Journalisten wieder die Formulierung aus dem Stehsatz aktivieren konnten: »Luca Toni erzielt nach Vorarbeit von Franck Ribéry das 1:0 für den FC Bayern.«

In der zweiten Hälfte ein besseres Spiel

Akribische Schreiber erwähnen noch, dass er diesmal aus drei Metern Entfernung traf, die Flanke flach und von links kam und von der nicht zu Unrecht gefürchteten Innenverteidigung Wörns/Kovac niemand zu sehen war. Ein Treffer, der vor allem alle Siebenjährigen freute, die spätestens um halb neun ins Bett müssen. Auf mehr oder weniger neutrale Beobachter, die sich auf ein packendes Finale gefreut hatten, wirkte er dagegen wie ein allzu zeitig beendeter Liebesakt.

Ähnlich ermattet lief die Borussia über den Rasen, der FCB schaltete schon bald auf Energiesparmodus - schon am Mittwoch geht es bei der Triple-Jagd ja gegen die flinken Russen von Zenit St. Petersburg. Lediglich der stimmstarke Dortmunder Anhang und der Trainer riefen volle Leistung ab. Thomas Doll legte in der Coaching Zone weite Wege zurück, hampelte, zappelte und zuckte, dass man sich bisweilen Sorgen machte. Und lag es an ihm oder an der immer stärker zunehmenden Bayern-Laxheit: Die Borussia erwachte. Verließ tatsächlich todesmutig die eigene Hälfte und schaffte es sogar, Oliver Kahn zu Boden zu zwingen: Kringe schoss mal aufs Tor, einfach so. Da waren allerdings schon 31 Minuten gespielt.

Anscheinend gefiel ihm dieses Gefühl - und der anschließende Beifallorkan aus der schwarzgelben Ecke - so gut, dass er mehr wollte: Kringe schoss zehn Minuten später noch mal aufs Tor. Allmählich fassten auch die Kollegen Mut und bei Tingas gerade noch abgeblocktem Schuss kurz vor der Pause wird Ottmar Hitzfeld sicherlich ein paar Mikrometer Faltentiefe zugelegt haben.

Kahn musste wieder böse schauen


Nach der Pause geschah dann etwas Wunderbares: Es entwickelte sich ein richtiges Fußballspiel mit Chancen auf beiden Seiten. Halleluja! Schließlich hatte ja wirklich jeder vtagelang davon gesprochen: von dem Pokal und seinen eigenen Gesetzen und dass es immer bei nullnull losgeht und alls das. Es ging zwar eigentlich bei einsnull los, aber das war den Borussen jetzt auch egal. Vor allem Tinga trieb die bis dahin so zaghaften Dortmunder nach vorne, und dass die Bayern-Defensive unter Druck schon mal zu neinem veritablen Patzer fähig ist, hat man ja auch schon mehr als einmal erlebt. Oliver Kahn muss dem Gegner zunächst irgendwie dankbar gewesen sein: So gänzlich tatenlos wollte der Titan seinen Rekordsieg sicher nicht in Empfang nehmen. Allmählich bekam der Kapitän allerdings so viel Besuch in seinem Strafraum, dass er wieder laut werden und böse schauen musste.

Auch die Trainer wollten irgendwas tun: wechseln zumindest. Hitzfeld brachte Podolski für Klose und Sagnol für Schweinsteiger, Doll Klimowicz für Frei und Buckley für Ruckavina, Valdez für Kehl - was die Lage mäßig beeinflusste. Dortmund drückte, Bayern hatte aber die besseren Chancen. Und was soll man sagen: Genau so blieb es. Fast bis zum Schluss. Bis in der 90. Minute dieser Eckball in den Bayern-Strafraum segelte, gegen zig Bayern-Körperteile prallte und schließlich im Bayern-Netz landete. Ausgleich in der letzten Minute. Verlängerung. Jubelgesänge am Marathontor. Leider auch Böller und ein kleines Feuerchen.

In den letzten 30 Minuten gibt es dann keinen Favoriten und keinen Underdog mehr, sondern nur noch zwei Mannschaften, die verbissen um jeden Ball kämpfen. Einen Mark van Bommel, der mehrfach der Länge nach auf dem Feld liegt und sich am Kopf behandeln lassen muss. Einen Oli Kahn, der einen sagenhaften Gewaltschuss von Kringe in voller Streckung aus dem äußersten Eck fischt. Und - natürlich - einen Luca Toni, der das nächste Tor schießt. Eigentlich fälscht er nur einen Podolski-Schuss ab, aber wen interessiert das jetzt noch?

Und das Berliner Olympiastadion hat wieder alles richtig gemacht: gut ausgesehen, ein packendes Spiel geliefert und verlässlich wie immer einen Sieger produziert. Dass es fast immer der selbe Sieger ist? Das ist eine andere Geschichte.