Deutschlands erster schwuler Fußballklub

»Es hört dort auf, wo es eigentlich erst losgehen sollte«

Nils und Patrick sehen deshalb auch die Verbände in der Verantwortung. 2013 unterschrieb der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach die sogenannte »Berliner Erklärung«, eine Selbstverpflichtung der Initiative »Fußball für Vielfalt«. Damit verpflichtete sich der DFB, sich aktiv für die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu engagieren. 2014 veröffentliche der Verband die Informationsbroschüre »Fußball und Homosexualität«. Patrick geht das nicht weit genug: »Das ist doch pseudomäßig, es muss auch gelebt werden.« Und tatsächlich lassen größere, öffentliche Aktionen bisher auf sich warten.

Eine die weiß, wie die Mühlen innerhalb des Verbandes mahlen, ist die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens. Sie war Mitglied in der DFB Kommission für Nachhaltigkeit, bis diese nach dem Wechsel von Theo Zwanziger zu Wolfgang Niersbach aufgelöst wurde. Walther-Ahrens ist lesbisch und setzt sich seit Jahren gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball ein. Sie sagt: »Es hört dort auf, wo es eigentlich erst losgehen sollte. Die Broschüre ist ein erster Schritt, aber dann müssten eben noch 20 andere Schritte kommen.«

Eckfahnen in Regenbogenfarben

Patrick würde sich einen deutschlandweiten Aktionsspieltag wünschen. So wie ihn in der vergangenen Saison Borussia Dortmund, in Zusammenarbeit mit der Faninitiative »ballspiel.vereint!«, beim Heimspiel gegen Frankfurt durchführte. Beim Einlaufen stiegen bunte Luftballons in den Himmel, die Eckfahnen waren in Regenbogenfarben gehalten und auf der Videowall war »Gemeinsam gegen Homophobie« zu lesen.

Eine Woche nach dem Gespräch im »Café Nil« steht das erste Vorbereitungsspiel der Saison an. In der Kabine geht es zu, wie es in der unteren Kreisliga nun mal zugeht. Die Trikots sind über die Sommerpause etwas eingegangen. Die Stutzen werden unter größten Anstrengungen über die Waden gezogen. Einer knallt sich noch eben einen Energy-Drink rein. Die Kabinenansprache – wie aus dem Lehrbuch. »Es ist ein Vorbereitungsspiel, da können wir auch mal was ausprobieren«, sagt Roland, einer der älteren Spieler, der den fehlender Trainer heute vertritt. Es folgt ein taktischer Exkurs an der Magnettafel, »die Grundfunktion steht«, es soll versucht werden »konsequent zu verschieben«. Das mit dem Verschieben klappt auch hervorragend, bis zum ersten Angriff des Gegners. 0:1, nach gut fünf Minuten. Nicht nur die Spieler sind gefrustet, auch ein älterer Zuschauer: »Die Wirtschaft hat noch gar nicht auf, Kruzifix.« Es ist kurz nach elf.

»Wir wollen hier eine Anlaufstation schaffen.«

Zum Vorsitzenden des Bayrischen Fußballverbands im Kreis München, Bernhard Slawinski, haben die Streetboys einen guten Draht. Slawinski sitzt am Seitenrand und erklärt: »Wir wollen hier eine Anlaufstation schaffen.« Gemeinsam soll ein Aufklärungskonzept erarbeitet werden. Aber Slawinski weiß, dass noch viel zu tun ist: »Viele sagen sie hätten nichts gegen Schwule, aber wenn dann der eigene Sohn von einem schwulen Trainer trainiert wird, ist es manchen plötzlich doch nicht mehr so recht.«

Zur Halbzeit steht es 1:4. In der Kabine hängen die roten, schwitzenden Köpfe nach unten. Trinkflaschen machen die Runde. In der zweiten Hälfte läuft es besser, das Spiel wird aber nicht mehr gedreht. Immerhin hat die Wirtschaft mittlerweile geöffnet. Die ersten Hellen gehen über die Theke – sehr zur Freude des Rentners. Auf dem Feld rennen derweil 22 Spieler dem Ball hinterher. Viele von ihnen lieben Männer. Keiner scheint ein Problem damit zu haben. Eine Ausnahme? Oder wäre das auch in anderen Städten möglich? Oder in einer anderen Spielklasse; zum Beispiel in der Bundesliga?