Deutschland vs. Italien: Die schlimmsten Niederlagen

Eigentlich ein Scheiß-Spiel

Deutschland hat noch nie bei einem großen Turnier gegen Italien gewonnen. Die Bilanz ist erschütternd: Acht Spiele, vier Unentschieden, vier Niederlagen. Wir erinnern an die vier Pleiten. Augen zu und durch.

WM-Halbfinale 1970
3:4 nach Verlängerung
Große Spiele verdienen große Namen. Das WM-Finale 1954 zwischen Deutschland und Ungarn wird auf ewig als »Wunder von Bern« in Erinnerung bleiben. Weil es ein Wunder war und eben in Bern stattfand. Das WM-Halbfinale 1970 zwischen Deutschland und Italien werden noch unsere Enkelkinder das »Jahrhundertspiel« nennen. Weil es ein Jahrhundertspiel war? Nicht ganz. »Die ersten 90 Minuten«, erinnerte sich 36 Jahre später Karl-Heinz Schnellinger, »war es ganz einfach ein Scheiß-Spiel.«

Eine »Jahrhundertverlängerung« war es aber dann allemal, das wird auch Schnellinger zugeben müssen, der vielleicht auch deshalb so kritisch über dieses Semifinale urteilt, weil »mich der deutsche Fußball inzwischen einfach vergessen hat«. Damals aber, vor mehr als 100.000 Zuschauern im überfüllten Azteken-Stadion von Mexiko-Stadt, war Schnellinger in aller Munde. Weil er es war, der doch seine Lire beim AC Mailand verdiente (damals noch eine Ausnahme), der Sekunden vor dem Abpfiff das 1:1 erzielte. Kommentator Ernst Huberty sorgte dafür, dass auch wirklich allen Zuschauern klar wurde, wer dieses Tor geschossen hatte. O-Ton Huberty: »Schnellinger! Nein, nein, nein, nein! Schnellinger. 1:1. (Pause) Tor durch Schnellinger. (Pause) Unglaublich. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen. Ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben.« Ausgerechnet Schnellinger hatte diesem »Scheiß-Spiel« zu einer Verlängerung verholfen. Und Ernst Huberty zum vielleicht berühmtesten Zitat seiner langen Karriere am Mikrophon.

Huberty musste sich die Krawatte ins freie Ohr stecken

Fünfmal Schnellinger in einer Ansage. Vielleicht musste sich Huberty auch nur selbst vom richtigen Torschützen überzeugen. Der Deutsche saß im Riesenkessel Aztekenstadion quasi unter dem Dach und hatte »einen Blick wie aus dem Hubschrauber. Die Spieler sahen aus wie Schachfiguren, die sich von Zauberhand verschoben.« Weil der Kollege aus Brasilien sich schon vor dem Anpfiff in Rage geschrien hatte, verfolgte Huberty das Spiel mit seiner Krawatte im freien Ohr. Bescheuerter dürfte nur 42 Jahre später Belá Rethy unter seinem Regencape ausgesehen haben.



Diese Verlängerung! 2:1 Gerd Müller (Huberty: »Meine Damen und Herren, wenn sie jemals ein echten Gerd-Müller-Tor gesehen haben, dann jetzt.«), 2:2 Tarcisio Burgnich, 2:3 Luigi Riva, 3:3 Gerd Müller, 3:4 Gianni Rivera. Fünf Tore in 30 Minuten. Fast die Hälfte der insgesamt 57 (!) Torschüsse feuerten die von Hitze und gegenseitigem Getrete erschöpften Spieler in der Verlängerung ab. Eine ungeheure Energieleistung auf 2.300 Metern Höhe. Gerd Müller allein soll während des Spiels sieben Kilo Gewicht verloren haben. Siegtorschütze Rivera meinte sich viele Jahre später ob der vielen Kettenraucher auf dem Platz an ein »Konzert der rasselnden Lungen« zu erinnern.

So oder so. Deutschland gegen Italien 1970 bleibt das »Jahrhundertspiel« der Fußball-Geschichte. Trotz des 90-minütigen Scheiß-Spiels. Man könnte auch sagen: Trotz Schnellinger.