Deutschland gegen die Ukraine 2001

Weltuntergang jetzt!

November 2001: Die DFB-Elf muss zum WM-Playoff-Spiel nach Kiew. Verliert sie, wird ganz Deutschland und vielleicht auch der Rest der Welt untergehen.

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Ende 2001 stand der deutsche Fußball mal wieder am Rande des Abgrunds. Die letzten Turniere waren desaströs verlaufen, 1998 schied das Team im Viertelfinale gegen Kroatien aus, 2000, bei der EM in Belgien und den Niederlanden, kam es noch schlimmer: Die DFB-Elf strich nach zwei Niederlagen und einem Unentschieden schon nach der Vorrunde die Segel.
 
In Qualifikation zur WM 2002 lief nicht alles schlecht, aber das meiste auch nicht sonderlich gut. Gegen Finnland spielte Rudi Völlers Team zweimal nur Unentschieden. Beim 0:0 im Rückspiel verlor das ZDF in der Halbzeitpause über eine Million Zuschauer, so unansehnlich war der Kick. Und dann war da ja noch die historische 1:5-Pleite gegen England.
 
Deutschland, das seit 1954 an jeder WM teilgenommen hatte, das sogar noch nie in einer Qualifikation zu einem großen Turnier gescheitert war, drohte nun eine Katastrophe monumentalen Ausmaßes. So der Tenor im Boulevard. Übersetzt hieß das: Deutschland musste zwei WM-Playoff-Spiele bestreiten. Gegen die Ukraine.

»Der Horror hat einen Namen«
 
Allerorten legte sich eine bleierne Schwere über das Land. Man fürchtete sich vor den kantigen Betonmischern der ukrainischen Defensive. Und man bekam zittrige Knie, wenn man nur den Namen ihres Starstürmers aussprach. So titelte die »Hamburger Morgenpost« wenige Tage vor dem Hinspiel in Kiew: »Der Horror hat einen Namen: Schewtschenko«.
 
In der »Bild« schrieb derweil Kolumnist Franz Beckenbauer angesichts der mittelmäßigen Qualifikationsspiele: »So haben wir gegen die Ukraine keine Chance!« Und stellte sich selbst die Frage: »Was tun?  Die ganze Mannschaft auswechseln? Schmarrn! Wir haben leider keine Besseren – und schon gar keine Weltklasse-Spieler.« Sein Fazit: Ein Aus in den Playoffs sei zwar »unvorstellbar«, aber »realistisch«.
 
Wo war all die Leichtigkeit hin, der Optimismus? Was war nur seit 1990 passiert, als eben jener Franz Beckenbauer verkündet, dass Deutschland auf Jahre unschlagbar sei?

Karl-Heinz Rummenigge kam als »Psycho-Doktor« mit
 
Die Tage vor dem ersten Spiel in Kiew glichen einem Psychokampf. Von allen Seiten prasselten Ratschläge auf Rudi Völler ein. An einem Tag hieß es, der Bundestrainer müsse dringend Oliver Kahn zum Kapitän ernennen. Am nächsten Tag rieten Experten, dass ein schneller Stürmer wie Alexander Zickler unbedingt gegen die Ukraine spielen müsse.
 
Um die volle Tragweite und Hysterie jener Tage zu begreifen, muss man eigentlich nur wissen, dass Karl-Heinz Rummenigge, damals Vizepräsident des FC Bayern, als »Psycho-Doktor« (»Bild«) mit nach Kiew flog. Es sei, so verkündete der DFB, »psychologisch einiges zu tun«, und der Bayern-Mann der ideale Mann dafür.
 
In Kiew, am 10. November 2001, kam es zunächst tatsächlich so, wie es die notorischen Pessimisten und Weltuntergangsfans prophezeit hatten. Die Ukraine ging durch Gennadiy Zubov in Führung, und in jener 18. Minute bebte das Olimpiyskyi so stark, dass man sicher sein konnte: Sollte Deutschland nach einer Niederlage nicht untergehen, würde zumindest Kiew bei einem Sieg komplett explodieren.