Derby della Capitale: Lazio vs. AS Rom

Zahn um Zahn

Massenschlägereien, Spott und Spektakel prägen bis heute das Derby zwischen AS Rom und Lazio Rom. Heute treffen beide Teams zum 143. Mal in der Serie A aufeinander.

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Spezial 08

Edy Reja hat ein Gesicht wie ein Cowboy. Er trägt Stoppelbart, tiefe Falten haben sich in seine Wangen gegraben. Wenn er den Mund aufmacht, ist es, als vibriere die Stimme des Marlboro-Mannes. Reja sieht aus wie jemand, der Unterwürfigkeit nicht kennt. Als der Fußballtrainer im März 2011 aber auch sein viertes römisches Derby in Folge verloren hatte, da mutierte er endgültig zum Greenhorn. »Ja, ich fühle mich schuldig«, gestand Reja, damals 65 Jahre alt. Der alte Fuchs stand da wie ein Anfänger.

Reja ist schon lange nicht mehr Trainer von Lazio Rom, aber er ist einer derjenigen Männer, die die schwindelerregenden Zentrifugalkräfte des Stadtduells zwischen Lazio und AS Rom zu spüren bekommen haben. Reja ist ein guter Trainer, Lazio Rom schloss unter seiner Ägide seit 2010 kontinuierlich zu den Spitzenmannschaften der Serie A auf, aber die Tifosi forderten seine Entlassung. Wenn einer viermal in Folge auf der ganzen Linie versagt, den Kern der Existenz des Fußballs in der Ewigen Stadt fahrlässig ignoriert und zum Garanten für den Spott der verhassten Cousins vom AS Rom wird, dann hat er in der Hauptstadt nichts zu suchen.

Als der in Derby-Angelegenheiten besonders vorlaute Roma-Kapitän und Derby-Rekordhalter Francesco Totti (42 Spiele) vor dem nächsten Duell gefragt wurde, wer in seinen Augen der kommende Derby-Held sein würde, antwortete er »Reja«. Der habe der Roma schließlich schon viermal Glück gebracht. Voller Frust aber mit viel Sinn für die Realität bezeichnete der verspottete Coach das römische Ambiente als »verfault«.

Fäulniserscheinungen im italienischen Fußball sind etwa so neu wie Tempotaschentücher. Der Mief einer ganzen Stadt, die das Zeug zur Weltmetropole hat, aber regelmäßig an ihrer Selbstüberschätzung scheitert, erfasst genauso regelmäßig auch das Spiel zwischen den Klubs. Zum halbjährlichen Kleinkrieg wirken die Straßen der Capitale leerer als sonst, vor dem Stadion kommt es immer wieder zu Messerstechereien, in den Bars gibt es zuvor kaum ein anderes Gespräch, und noch weitaus intensiver als die Euphorie über einen Sieg ist die Schadenfreude ausgeprägt, dem Erzfeind wieder mal eins ausgewischt zu haben.

»Nirgends ist es so intensiv wie in Rom«

Das ist der Kern des römischen Derbys: Es geht in den Köpfen der Tifosi nicht darum, über die Rivalen zu triumphieren. Es geht um die Demütigung des Nachbarn, Onkels oder Bürokollegen mit allen Mitteln. Der frühere Lazio-Spieler Jaap Stam, der das Derby in Manchester kennengelernt hatte, mutmaßte, dass wohl nur in Rom Taxifahrer die Akteure zu einer vorsätzlichen Verletzung des Gegenspielers animieren würden. So war es ihm selbst geschehen. »Ich habe Derbys in Mailand, Madrid und London gespielt«, sagt der ehemalige Roma-Verteidiger Christian Panucci. »Aber nirgends ist es so intensiv wie in Rom.«

Die Intensität lässt sich unter anderem an dem über das ganze Jahr verteilten Spott messen. Im Mai 2013 entschied der weitgehend unbekannte Bosniake Senad Lulic das italienische Pokalfinale. Lazio Rom und AS Rom standen sich erstmals zu diesem Anlass gegenüber, zu Hause im römischen Olympiastadion. Lulic erzielte in der 71. Minute das einzige Tor, das weniger Lazio den Pokalsieg bescherte, als die finale Demütigung der Romanisti bedeutete. Seither, und es sind mehr als zwei Jahre vergangen, ist die Stadt mit subtilen, aber nicht zu übersehenden Hinweisen auf das gegnerische Versagen gepflastert. Regelmäßig erneuern die Lazio-Anhänger den nur Eingeweihten verständlichen, meist auf Ampeln, Verkehrsschilder oder Mauern gekritzelten Code »Lulic 71«.