Der Weltfußballer gegen die deutsche Abwehr

Löws Maxime: Im Offensivspiel schon an die Defensive denken

De jure wird Jerome Boateng als Rechtsverteidiger die Beschattung des portugiesischen Linksaußen übernehmen, so wie es auch schon bei der EM vor zwei Jahren der Fall war. Damals erledigte der Münchner den Job zur allgemeinen Zufriedenheit: Von Ronaldo war wenig zu sehen. De facto aber handelt es sich um eine Aufgabe für die ganze Mannschaft. »Wenn Ronaldo im Tempo ist, mit dem Ball am Fuß, dann kann man ihn nicht gänzlich ausschalten«, sagt Joachim Löw. Also wird es darauf ankommen, dass Ronaldo nicht ins Tempo kommt oder – noch besser – gar nicht erst an den Ball. Einfach wird das nicht.

Der Bundestrainer hält die Portugiesen für einen harten Brocken. »Diese Mannschaft ist schon extrem gefährlich«, sagt er. Wie keine andere verstehe sie sich aufs Verteidigen – und bereite dabei schon den eigenen Angriff vor. Für Joachim Löw ist Portugal eine der besten Kontermannschaften der Welt. Zehn ihrer letzten zwölf Tore fielen nach schnellen Gegenstößen.

»Eine Sache der Aufmerksamkeit und Wachsamkeit«

So wie die Portugiesen beim Verteidigen bereits ihren kommenden Angriff vorbereiten, so werden die Deutschen in ihrem Offensivspiel immer schon die Defensive mitdenken müssen. Auch deshalb besetzt Löw die beiden Außenverteidigerpositionen mit den gelernten Innenverteidigern Höwedes und Boateng. Sie sollen ihren Offensivdrang weitgehend zügeln und nicht zu weit aufrücken – um den Portugiesen in ihrem Rücken keinen Raum anzubieten.

Denn genau darauf lauert Cristiano Ronaldo. Er hält sich »irgendwo im Niemandsland«, hat Joachim Löw bei der Gegnerbeobachtung festgestellt, doch ehe man sich versieht, ist Ronaldo plötzlich mitten im Geschehen. »Er macht mit die besten Laufwege«, sagt der Bundestrainer. Und man muss sich darauf einstellen, dass Ronaldo nicht nur läuft, wenn er eine Chance hat, den Ball zu bekommen. Bei jedem Konter sprintet er los – und zwingt seinen Gegenspieler damit zu einer Reaktion.

Auf Jerome Boateng kommt heute eine besondere Herausforderung zu – weil er sich zu einem gewissen Grad von alten Gewohnheiten lösen muss: weil er den Ball ruhig mal aus den Blick lassen kann, um sich ausschließlich auf Ronaldo zu fokussieren. »Man darf ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus den Augen lassen«, sagt der Bundestrainer. Die Portugiesen wissen, wo Ronaldo hinläuft, die Pässe auf ihn respektive in seinen Laufweg werden quasi blind gespielt. »Es ist eine Sache der Aufmerksamkeit und Wachsamkeit«, sagt Joachim Löw. »Der Spieler, der gegen ihn spielt, muss sehen: Was macht Ronaldo? Wo ist Ronaldo?« Damit es am Ende wieder heißt: Wer war noch mal Ronaldo?