Der »Vielleicht-Bewacher-Chef«

Mit Barzagli in der Psycho-Reha

Andrea Barzagli war Italiens große EM-Hoffnung. Doch nach dem 0:3 gegen die Niederlande wurde der Wolfsburger aussortiert, dann verletzte er sich. Felix Magath wird ihn streicheln müssen – Berzagli soll sich schließlich wohl fühlen in der Autostadt. Der »Vielleicht-Bewacher-Chef«imago images
Für Andrea Barzagli war die Europameisterschaft eigentlich schon nach dem ersten Spiel gegen die Niederlande beendet. Oranje hatte mit der italienischen Abwehr getanzt und nach dem Schlusspfiff waren die azurblauen Verteidiger mit einem unangenehmen Schwindelgefühl auf dem Rasen zusammen gesunken. In Andrea Barzaglis Gesichtszügen spiegelte sich der ganze Hohn der Anzeigetafel: 0:3 digitalte es dort in den Nachthimmel von Bern. Barzagli zog sein Trikot aus und verschwand in den Katakomben des Wankdorf-Stadions. Er hat es danach nicht wieder anziehen dürfen. Italiens jetzt nicht mehr Trainer Donadoni ersetzte den Innenverteidiger Barzagli durch Giorgio Chiellini, einen allenfalls durchschnittlichen Außenverteidiger von Juventus Turin. Dabei galt der 27-Jährige noch vor dem Holland-Spiel als Italiens letzte Hoffnung für die Defensive. Nachdem sich Kapitän Cannavaro bereits vor dem ersten Gruppenspiel auf Krücken von der EM verabschieden musste, sollte Wolfsburgs Neuzugang ein italienisches Heiligtum bewahren: Den Catenaccio.

Barzaglis Spiel: Ein arrogantes Lächeln

Es kam anders. Ohne Barzagli, aber mit Chiellini besiegten die Italiener die Franzosen und standen hinten wieder so selbstverständlich sicher wie 2006, als ihr Defensivspiel meist ein arrogantes Lächeln war, das aus der Überzeugung entstanden war, sowieso unbezwingbar zu sein. Barzagli saß auch in diesem Spiel nur auf der Bank, wenig überzeugt und mit einem bitteren Lächeln im Gesicht. Vielleicht hätte er sich noch zurück spielen können in die italienische Viererkette. So ein Turnier ist schließlich ein langer Abnutzungskampf. Doch dann riss sein Innenmeniskus im linken Knie und auch Barzagli verabschiedete sich auf Krücken von dem Turnier. Und konnte nur von draußen dabei zusehen, wie seine Mannschaft nach 120 Minuten Verweigerungsfußball im Slowmotion-Modus gegen den späteren Europameister Spanien ausschied. Es war eben nicht sein Turnier. Barzaglis azurblaues Lächeln war einem weinerlichen Gesichtsausdruck gewichen. Felix Magath wird all das genauestens verfolgt haben. Denn eben dieser Barzagli soll in der kommenden Saison immerhin Wolfsburgs neuer Abwehrchef werden. 13 Millionen Euro hat Magath dafür an den US Palermo überwiesen. Für einen italienischen Verteidiger von internationaler Klasse, der gerade eine überragende Saison in Palermo gespielt hatte und dessen Spiel ein arrogantes Lächeln war.

Doch jetzt bekommt er einen degradierten Abwehrspieler, der erst einmal wieder aufgebaut werden muss. Barzagli wird einige Wochen brauchen für seine ganz persönliche Reha, für das körperliche aber noch mehr für das seelische Aufbautraining. Magath wird alles daran setzen, Barzagli die italienische Arroganz zurückzugeben. Dieses Selbstverständnis, das einen großen Verteidiger ausmacht. Denn in Magaths Masterplan spielt der 1,86 Meter große Italiener eine wichtige Rolle, die weit über das Sportliche hinausgeht: Mit Barzagli hat Magath nicht einfach nur einen Abwehrspieler geholt, sondern seinem Verein ein Image gekauft, ein Gesicht für Europa. Dazu soll Barzagli nebenbei auch noch aus den 6000 Italienern des VW-Werks glühende VfL-Anhänger machen. Doch das geht eben nur, wenn er überzeugend ist.