Der VfL Bochum wird 70

Das verdrängte Jubiläum

Der VfL Bochum feiert Geburtstag – und will selbst doch nichts davon wissen. Schließlich war es Bochums Nazi-Oberbürgermeister Otto Piclum, der heute vor 70 Jahren dafür sorgte, dass sich der VfL Bochum in seiner jetzigen Form gründete. Der VfL Bochum wird 70Der Westen Die Zahl 1848 hat in Bochum derzeit Konjunktur. Auf T-Shirts oder der vereinseigenen Internetseite verkauft der VfL Bochum sein (vermeintliches) Gründungsjahr als neuestes Markenzeichen des Klubs. Dabei soll die Zahl 1848, dem unlängst verabschiedeten Leitbild des Vereins zufolge, die große Tradition des VfL Bochum symbolisieren.

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Ein anderes, in der Vereinshistorie mindestens ebenso wichtiges Datum, lässt der Klub dagegen bis heute konsequent unter den Tisch fallen: Die Entstehung des VfL Bochum in seiner heutigen Form vor 70 Jahren durch den NS-Oberbürgermeister Otto Piclum. Dieses Jubiläum scheint so gar nicht in die Marketingsstrategien des Vereins zu passen.

Bis heute hat der VfL Bochum daher, in seinem ihm eigenen Mix aus historischem Desinteresse und Scheu vor der eigenen Vergangenheit, keinerlei Versuche zur eigenen Geschichtsaufarbeitung begangen: Alle erschienen Vereinschroniken begnügen sich mit wenigen Sätzen, die zumeist nur dieselben Ungenauigkeiten wieder und wieder voneinander abschreiben. Die Offiziellen selbst begnügen sich mit dem Hinweis auf die angeblich extrem dünne Quellenlage – dabei liegen zentrale Dokumente der Überlieferung quasi im eigenen Haus.

»Sie erkennen kaum den Stellenwert ihrer eigenen Geschichte«


Fritz Hüttebräucker ist Leiter der VfL-Handballabteilung und Präsident des von den Fußballern seit langem abgekoppelten Gesamtvereins. Er ist im Besitz zahlreicher vereinshistorischer Fundstücke, die auch über die Entstehungsgeschichte des VfL heute vor 70 Jahren reiches Zeugnis geben: »Die Fußballabteilung hat sich für diese Dokumente nie interessiert«, erklärt Hüttebräucker, der Fußballvereinen generell ein weitgehendes Desinteresse an ihrer Vergangenheit unterstellt. »Sie beziehen sich zumeist nur auf das Tagesgeschäft und erkennen kaum den Stellenwert ihrer eigenen Geschichte.«  

Dabei würde gerade dem VfL Bochum eine offensivere Herangehensweise an seine eigene Vergangenheit gut zu Gesicht stehen. Sie könnte den Klub von dem latenten Vorwurf befreien, ein Verein ausschließlich »von Nazis Gnaden« zu sein. Denn tatsächlich zeugen bereits erste oberflächliche Recherchen, die im Zuge des 70-jährigen Geburtstages durchgeführt wurden, von einem sehr facettenreichen Bild aus den Gründungstagen des VfL.

Ihnen zufolge hatte es bereits lange vor der Machtübernahme der NSDAP wiederholt Überlegungen zu Fusionierungen in der damals zersplitterten Bochumer Vereinslandschaft gegeben. Seit 1933 hatten sich die Nazis jedoch in ihrer Sportpolitik jedoch einer »Konzentration der Kräfte« verschrieben, die sie in der Politik bereits durchgesetzt hatten. Sportvereine oder -verbände sollten sich zu möglichst großen Einheiten zusammenschließen, um auf diese Weise gesellschaftliche und konfessionelle Gräben zu überwinden. Die Idee der NS-Volksgemeinschaft, zu der Minderheiten wie Juden freilich keinen Zutritt hatten, sollte auch der Sport widerspiegeln. Gerade Vereine sollten als wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens vor Ort dabei helfen, die »Ausbreitung eines einheitlichen Geistes« zu erzwingen.

Die meisten Sportvereine, unter ihnen auch die Vorgänger des VfL, hatten sich dafür schon 1933 selbst auf Linie gebracht: Sie schlossen ihre jüdischen Vereinsmitglieder aus und wählten so genannte »Vereinsführer« an ihre Spitze, die in Bochum aus den vorherigen Präsidenten bestanden. Immerhin traten die Führer Karl Eisermann (Turnverein) und Constans Jersch (TuS) umgehend der NSDAP bei.

Für die geforderten Zusammenschlüsse ergriffen nun meist lokale Parteigrößen die Initiative, so auch in Bochum: NS-Oberbürgermeister Otto Piclum forderte Anfang 1938 die drei Vereine Turnverein 1848, TuS und Germania schriftlich zur Schaffung eines Schaffung eines »Großvereins für Leibesübungen« auf, wobei er zum Anreiz gleich mehrere Lockmittel aussetzte: Nach vollzogener Gründung versprach Piclum das Stadions an der Castroper Straße auszubauen, den künftigen Fußballtrainer bei der Stadt anzustellen und die Altschulden der drei Vereine zu tilgen.

Das Hauptinteresse des ehrgeizigen OBs bestand freilich darin, durch den städtischen Großverein auch sein eigenes Image zu stärken: So ließ Piclum, der sich umgehend zum Schirmherren des neuen Vereins wählen ließ, bereits die Gründungsversammlung des VfL und die wenig darauf stattfinden Feierlichkeiten zum 90-jährigen Jubiläum des Turnvereins als große städtische Propagandaveranstaltungen inszenieren: Hakenkreuze schmückten den Saal, als NS-Sportbrigadeführer Lorenz den VfL-Vereinsführer Karl Eisermann für seine besondere Treue mit einem Gau-Ehrenbrief auszeichnete. Dessen Stellvertreter Albert Stein bedankte sich derweil »bei den Blutzeugen der Bewegung« und stellte die Feierlichkeiten ganz in den Dienst am Führer des deutschen Reiches.

In den folgenden Jahren wurde der VfL nunmehr zum festen Teil des städtischen Propaganda-Apparates gemacht: Gleich für das erste große Spiel des Klubs vermittelte Piclum Anfang Mai 1938 ein Gastspiel von Ostmark, vormals Austria Wien, an der Castroper Straße. Der Auftritt der legendären Elf um Kapitän Matthias Sindelar stellte dabei nicht nur sportlich den »größten Fußballkampf« dar, »den je eine Bochumer Mannschaft ausgetragen hat«, sondern bedeutete wenige Wochen nach dem »Anschluss« Österreichs vor allem propagandistisch ein Großereignis für die NSDAP. Beispielhaft feierte der “Bochumer Anzeiger“ das Spiel »als Demonstration für die neue deutsche Ostmark«.

Tatsächlichen Zusammenhalt fand der VfL Bochum trotz aller Worthülsen in seinem Inneren dagegen kaum. Zu tief saßen vor allem die Gräben zwischen den proletarisch geprägten Germania- und den bürgerlichen TuS-Mitgliedern, so dass sich Germania-Mitglieder Ende 1938 schriftlich bei Piclum über ihre Vereinskollegen beschwerten. Es dauerte es noch Jahre, bis sich die Vereinsführer Otto Wüst (Germania) und Constans Jersch (TuS) gemeinsam an einen Tisch setzten.

Erst nach Ende des Weltkriegs nahm das Zusammenwachsen im Klub Gestalt an, als die zuvor so unterschiedlichen Funktionäre ein gemeinsames Ziel entwickelten: so weiterzuarbeiten, als ob nichts geschehen wäre. Beispielhaft übernahmen die NSDAP-Mitglieder Karl Eisermann und Constans Jersch, die nach Bestimmungen der Alliierten keine Führungsposition mehr einnehmen durften, kurzerhand die Ehrenmitgliedschaft – und blieben bis zu ihrem Tod allseits geschätzte Mitglieder des Vereins.

Seitdem hat sich der VfL Bochum wie so viele Teile der bundesdeutschen Gesellschaft über seine nationalsozialistische Vergangenheit konsequent ausgeschwiegen. In Zeiten, in denen sich heute immer mehr Unternehmen und sogar Fußballvereine offensiv ihrer eigenen Vergangenheit stellen, scheint dieses Verhalten jedoch längst nicht mehr zeitgemäß.

Zu welch erfreulichen Ergebnissen eine differenzierte Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit führen kann, hat unlängst ausgerechnet der in Bochum derzeit gern belächelte 1. FC Kaiserslautern vorgemacht: Für den Pfälzer Verein veröffentlichte der Historiker Markwart Herzog 2006 eine zurecht viel gelobte Studie, der die Haltung der späteren »Wunderelf« vom Betzenberg im Dritten Reich erstmals umfassend unter die Lupe nimmt.

Eine solche Untersuchung wäre auch dem VfL Bochum, der in letzter Zeit auf so vielen anderen Feldern Mut zur Innovation gezeigt hat, nunmehr endlich zu wünschen.