Der VfB Lübeck und 15 Spiele in sechs Wochen

So weit die Füße tragen

Heute trifft der VfB Lübeck im Derby auf Holstein Kiel II. Eine gewaltige Aufgabe, aber kein Vergleich zur vergangenen Saison. Da trug der Regionalligist 15 Spiele in sechs Wochen aus. Ein Team am Rande der Erschöpfung.

Norman Hoppenheit
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Als schon fast alles vorüber ist, geht der ganzen Stadt der Saft aus. Stromausfall im Großraum Lübeck wegen eines technischen Defekts. Die Geschäfte in der Innenstadt sind abgesperrt, die Belegschaft sonnt sich vor den Türen. Am McDonald’s-Drive-in unweit des Stadions an der Lohmühle reicht ein Mitarbeiter Gummibärchentüten in einbiegende Autos und ruft: „Bidde weiterfahren!“ Im Bundesdurchschnitt dauern Blackouts 12,8 Minuten, in der Hansestadt geht am Tag des letzten Saisonspiels ganze vier Stunden nichts mehr. Das Regionalligajahr 2017/18 ist offiziell seit drei Tagen vorbei, doch der VfB Lübeck muss an diesem warmen Maimittwoch noch zu einem Nachholspiel gegen die Reserve des VfL Wolfsburg ran. Das Match wurde bereits zum zweiten Mal neu angesetzt. Immer wieder machte das Wetter den Teams einen Strich durch die Rechnung. Und jetzt, da endlich die Sonne scheint, kommt in der Hansestadt zu guter Letzt das gesamte zivile Leben zum Erliegen.

Für ein Vierteljahr arbeitslos

Die Pointe auf die merkwürdigste Saison in der fast 100-jährigen Geschichte der Grün-Weißen. Seit dem 15. November 2017 beutelt eine Serie obskurer Spielausfälle den Klub und sorgt dafür, dass der VfB bis zum 23. Februar 2018 komplett aus dem Ligabetrieb genommen wird. Klirrende Kälte, Schnee, der Bindfadenregen und die provisorischen Umstände auf vielen Plätzen der Regionalliga Nord machen die Lübecker für mehr als ein Vierteljahr arbeitslos. Als das Team endlich wieder in den Spielbetrieb einsteigt, hinkt die Elf von Coach Rolf Landerl der Konkurrenz bis zu sechs Spiele hinterher und die Tabelle liest sich eher wie eine Speisekarte denn als realistischer Leistungsabgleich. Vom Aufstieg bis zum Status quo als graue Maus bieten sich den Hanseaten wegen des amtlichen Nachholprogramms noch alle Optionen. Doch je näher das Saisonende rückt, desto enger ballen sich nun die Ansetzungen. Als 11 FREUNDE Anfang April in die Recherchen einsteigt, liegt ein Marathon von 15 Spielen in sechs Wochen vor dem Team. Zwischenzeitlich absolviert der VfB – je nach Lesart – acht Partien in 17 Tagen oder fünf in elf Tagen.

Wie werden die Männer die Strapazen verkraften? Vorstand Thomas Schikorra hat zaghaft bei Coach Landerl vorgefühlt, ob es nicht besser sei, sich von vornherein von den Aufstiegsüberlegungen zu verabschieden und die Serie ohne übergroßen Druck zu Ende zu spielen, um die Gesundheit der Spieler nicht aufs Spiel zu setzen. Doch für den ehemaligen österreichischen Nationalspieler, der seit zwei Jahren in Lübeck trainiert, käme das einer Kapitulation gleich. Landerl will zurück in den Profifußball – und er will: gewinnen! Aber auch er weiß, dass mit der wachsenden Erschöpfung auch die Gefahr von Stockfehlern, Koordinationsproblemen, ergo: die Verletzungsanfälligkeit, steigt.

Anfang April ist völlig offen, ob Tabellenführer Weiche Flensburg 08 überhaupt die Lizenz für die Dritte Liga bekommt. Verfolger HSV II will wegen seiner schwächelnden Profis gar nicht aufsteigen. Wenn für den VfB alles perfekt läuft, könnte es im Nachholspiel gegen den aktuell Drittplatzierten VfL Wolfsburg II drei Tage nach Saisonende zum Showdown kommen. Landerl hat seinen Männern für die kommenden sechs Wochen deswegen ein Playoff-Szenario skizziert: Jeder Sieg, den die Mannschaft einfährt, ist ein Schritt in Richtung dieses theoretischen Endspiels.

Videostudium oder Minutenschlaf?

Die Regionalliga Nord aber ist keine Spielklasse, in der sich Fußballer frei von Nebengeräuschen tiefenkonzentriert auf Spiele vorbereiten oder sich nach Gutdünken der Regeneration widmen. Etliche VfB-Spieler arbeiten in Vollzeit. Stefan Richter etwa, der durchsetzungsstarke Torjäger, ist abseits des Rasens als Erzieher von Problemjugendlichen tätig. Innenverteidiger Moritz »Lui« Marheineke, der seit zehn Jahren für den Klub aufläuft, bereist als Key Accounter für einen Großlieferanten den norddeutschen Raum. An manchen Tagen kommt der 33-Jährige nach zehn Stunden direkt von der Autobahn und hetzt auf den Trainingsplatz. Mitunter fährt er für einen Termin an einem Tag von Lübeck nach Dortmund und zurück. Öfter kommt es vor, dass ihn der Teambus an irgendeiner Autobahnraststätte aufpickt, damit er es rechtzeitig zum Spiel schafft. Gemeinsam mit Daniel Halke bildet Marheineke das Bollwerk in der Abwehr. Auch Halke arbeitet 40 Wochenstunden als Einkäufer bei einem Möbelbetrieb. »Mr. Zuverlässig« (O-Ton Landerl) sitzt jeden Morgen um 6.30 Uhr im Büro am Rechner. Einmal erwischt ihn der Trainer, wie er sich beim Videostudium im abgedunkelten Raum eine Mütze Minutenschlaf nimmt. Woraufhin Landerl ihn nicht bestraft, sondern dazu übergeht, die Gegneranalyse fortan bei grellem Deckenlicht durchzuführen und am Saisonende nur noch zentrale Szenen in die Whats-App-Gruppe der Mannschaft zu stellen.

»Die Spieler sollen’s selbst entscheiden«, sagt der Trainer, »ob sie’s anschauen mögen.« Wenn ein Team pausenlos unter Wettbewerbsbedingungen funktionieren muss, helfen eben keine dezidierten Trainingspläne. Dann hängt der Erfolg von der Eigenverantwortung des Einzelnen ab. »Diesmal ist es definitiv keine Floskel«, sagt Landerl: »Jetzt wird jeder gebraucht.«