Der vergessene Held Arthur Wharton

Schwarze Faust

Arthur Wharton war nicht nur berühmt für seine Faustabschläge, sondern auch der erste farbige englische Fußballprofi. Ganz nebenbei lief er noch Weltrekord über 100 Yards. Wir erinnern an einen beispiellosen Sportsmann. Der vergessene Held Arthur WhartonImago Das nationale Fußballmuseum liegt nicht in der Hauptstadt von England, auch nicht in Liverpool oder Manchester, sondern in einer vergessenen kleinen Hafenstadt an der Nordwestküste. Preston ist eines der zwölf Gründungsmitglieder der englischen Fußballliga, ein Verein mit einer Tradition, die weit ins 19. Jahrhundert zurückgeht. 1888/89, in der ersten Saison der Liga, schaffte der Klub das Double und gewann dabei die Meisterschaft, ohne ein Spiel zu verlieren, und den Pokal, ohne ein einziges Tor zu kassieren. Viele große Namen haben für Preston gespielt – Bill Shankly, Tom Finney, sogar ein David Beckham in jungen Jahren. Den Namen von Arthur Wharton aber kennen nur die wenigsten Fußballfans. Geboren in Accra an der Goldküste Ghanas, war Arthur ein Ausnahmetalent in Leichtathletik, Cricket und Fußball – und vermutlich der erste schwarze englische Profikicker. Lediglich in Schottland gab es einen gewissen Andrew Watson, der bereits einige Jahre früher im Trikot des Queens Park Football Club auflief und später als Schriftführer der erste Farbige im Vorstand eines britischen Klubs war.

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Die meisten Besucher des Fußballmuseums bleiben beim Endspielball von 1966 stehen, bei den ersten Fußballschuhen der Welt, die Kinder eilen zum Elfmeterschieß-Automaten. Doch wer die frühen Mannschaftsfotos von Preston studiert, könnte das Gesicht von Arthur Wharton entdecken. Preston war 1886 der in allen Belangen professionellste Verein Englands. Präsident William Sudell war ähnlich ambitioniert wie Roman Abramowitsch heute und hielt ständig Ausschau nach Verstärkungen für seine Mannschaft. Viele Importe kamen aus Schottland – dort herrschte eine technisch überlegene Spielweise, die Grundlage für Prestons schnelles Passspiel. Wharton kam nicht aus Schottland, er war seinerzeit die bekannteste Figur des Darlington Cricket and Football Club. Damals ließen es die Regeln noch zu, dass ein Spieler für mehrere Teams antreten konnte, vorausgesetzt, dass sie nicht im selben Wettbewerb gegeneinander antraten. Sudell verpflichtete den Torhüter als Amateur für Pokalspiele (mit großzügigen Spesen), nachdem Wharton für Newcastle & District gegen Preston eine grandiose Leistung gezeigt hatte. Noch im gleichen Jahr stand er für das große Preston im Pokalhalbfinale zwischen den Pfosten.

Arthur Wharton, den viele Zuschauer und Sportreporter für den großartigsten Torwart des Landes hielten, passte gut zum »besten Team der Welt«. Denn er war nicht nur ein exzellenter Fußballer, sondern eine in vielerlei Beziehung außergewöhnliche Persönlichkeit, ein fantastischer Athlet. Im Juli 1886 rannte er im Stamford-Bridge-Stadion von Chelsea die 100 Yards in zehn Sekunden und stellte damit einen neuen Weltrekord auf.

Blitzartig wie eine Katze

Seine Schnelligkeit kam auch beim Fußball zur Geltung, da der Torwart bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überall in seiner eigenen Hälfte den Ball in die Hand nehmen durfte. Whartons Spezialität aber war es, in einer Ecke seines Tores zu lauern, um in allerletzter Sekunde blitzartig wie eine Katze loszuspringen und das Leder wegzuboxen. Damals musste ein Torwart sein Territorium mit allen Mitteln verteidigen, weil die Stürmer ihn mit und ohne Ball angreifen durften – dass der Keeper einen Freistoß bekommt, wenn man ihn nur böse anschaut, ist eine Innovation der letzten 20 Jahre. Wharton war darüber hinaus für seine prodigious punches, seine ungeheuren Faustabschläge, berühmt.

Obwohl seine Hautfarbe mit Sicherheit ein Grund dafür war, dass er nie für England gespielt hat, war er kein devotes Opfer von Rassismus, sondern ein Held der nordenglischen Arbeiterklasse (und ein gewaltiger Frauenheld dazu), ein Mann, der sich für seine Mannschaftskollegen einsetzte, wenn es darum ging, eine faire oder überhaupt irgendeine Bezahlung zu bekommen. Er inspirierte seine Mitmenschen, war stolz, ohne arrogant zu sein, passioniert aber nicht unüberlegt. Wenn er woanders bessere Chancen sah, wechselte er den Verein.

Arthur Wharton kam 1882 nach England, um Theologie zu studieren, doch seine Leidenschaft galt dem Sport, sei es als Sprinter, Cricketspieler oder Fußballer. Einmal gewann er sogar das Radrennen von Preston nach Blackburn in Rekordzeit! Außer für Preston spielte Wharton als Profi für Darlington, Rotherham, Sheffield United, Stalybridge und Stockport County, wo er 1902 im Alter von 36 Jahren seine Karriere beendete. Er frönte zwar weiterhin dem Cricket, doch blieb ihm des Geldes wegen nichts anderes übrig, als in den Kohlebergwerken von Yorkshire zu arbeiten, wo er überdies eine Zeitlang zwei Kneipen betrieb. Der Generalstreik von 1926 machte auch ihm zu schaffen, und er starb mittellos vier Jahre danach.

Längst vergessen, lag er jahrelang in einem anonymen Grab, bis durch die Initiative der Organisation Football Unites – Racism Divides (FURD) 67 Jahre nach seinem Tod ein Grabstein aufgestellt werden konnte – in Gedenken an einen Typen, über den der Reporter des »Sheffield Telegraph and Independent Newspaper« einmal schrieb: »In einem Spiel am Olive Grove sah ich, wie Wharton hochsprang, sich an der Latte festhielt, den Ball zwischen den Beinen fing und drei Stürmer so irritierte, dass sie ins Netz hineinfielen. Solch eine Parade habe ich in 50 Jahren als Fußballzuschauer nie wieder erlebt.«