Der SV Wilhelmshaven gegen die FIFA

»Wir lassen nicht mit uns Schlitten fahren«

Am Jadebusen ist man Stürme gewohnt. Und Harald Naraschewski, dessen Gesamterscheinung Appetit auf einen Teller Grünkohl macht, sieht nicht so aus, als würde er sich so leicht umwerfen lassen. »Wir wollen uns nicht streiten. Nicht mit den argentinischen Klubs, nicht mit dem DFB und auch nicht mit der FIFA. Wir würden uns nach wie vor lieber vernünftig einigen«, sagt er. »Aber wir lassen nicht mit uns Schlitten fahren, nur weil wir ein kleiner Verein sind. Wenn wir uns streiten, dann richtig!« Dass seine Drohung ernst gemeint ist, sollte mittlerweile in Frankfurt und Zürich angekommen sein. In den vergangenen Jahren wurde oft genug in Hinterzimmern verhandelt, vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS gestritten und Vergleiche angeboten. Doch alle Versuche, die Sache gütlich aus der Welt zu schaffen, blieben ohne Erfolg. Weil der Klub die Entscheidungen des CAS nicht befolgte und die geforderte Zahlung verweigerte, wurden dem Klub in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils sechs Punkte abgezogen. Als die Norddeutschen noch immer nicht einlenkten, beschloss die FIFA im Oktober 2012 den Zwangsabstieg des SVW aus der Regionalliga zum Ende der laufenden Saison. Umzusetzen durch den Norddeutschen Fußball-Verband (NFV).

Ein Abstieg wäre das Todesurteil

Bei den Verbänden kriegt man bei der bloßen Nennung des Vereinsnamens Zahnschmerzen. NFV-Präsident Eugen Gehlenborg, der auch als DFB-Vizepräsident fungiert, sagt: »Nach sieben Jahren schwindet auch bei uns die Kompromissfähigkeit.« Oft genug sei er beim Verein gewesen und habe sich als Vermittler versucht. Und jedes Mal fuhr er ohne Ergebnisse wieder nach Hause. Andere Vereine aus der Regionalliga fragen sich längst, warum der Verband überhaupt so viel Geduld mit dem SVW habe. Selbst die Fans sind ermüdet von den ständigen Negativschlagzeilen. Sie sehen Wilhelmshaven keinesfalls als gallisches Dorf. Statt zusammenzustehen, bleiben sie den Spielen fern. Ein weiterer Abstieg wäre wohl das Todesurteil für den Klub.

Die Kosten des gesamten Verfahrens werden auf über 300.000 Euro geschätzt. Teile der Mahngebühren hat der DFB bereits über ein Fernsehgeldkonto einbehalten. »Wir haben das Geld gar nicht«, gibt Naraschewski zu. Er muss es wissen, schließlich hat er bereits im Jahr 2001 eine Insolvenz des SVW verwaltet. »Aber das spielt in diesem Fall keine Rolle, denn die Entscheidungen der FIFA verstoßen gegen geltendes Recht. Das können wir nicht akzeptieren.« Mit dem Rücken zur Wand will der Klub den ultimativen Showdown vor dem Bundesgerichtshof.
Geht es nach Naraschewski, sollen dort nicht nur die Regeln für Ausbildungsvergütungen gekippt, sondern gleich auch die Autorität des DFB und der FIFA in Frage gestellt werden. Der Weltverband hat seinerseits angedroht, dass der DFB von allen zukünftigen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden könnte, sollte er die Entscheidung des Zwangsabstiegs nicht umsetzen können. Jogi Löw mit dem WM-Pokal – plötzlich verblasst dieser Traum vieler Fanmeilenbesucher.

»Die Drohung ist grober Unfug.«

Naraschewski bleibt gelassen: »Die Drohung ist grober Unfug.« Er lacht. »Wegen 160.000 Euro den größten Verband auszuschließen, der Sponsorengelder bringt? Das traue ich nicht mal der FIFA zu.« Wenn man seit Jahren nur mit E-Mail-Adressen und Faxnummern statt mit realen Menschen kommuniziert, ist Optimismus unverzichtbar. Beim DFB ist man da skeptischer. »Der WM-Ausschluss wäre 2014 aus zeitlichen Gründen kaum umsetzbar. Aber ich sehe das Thema perspektivisch auf uns zukommen, wenn Wilhelmshaven am Ende Recht bekommen sollte«, sagt Vize Gehlenborg.
Vor knapp einem Jahr sollen hochrangige DFB-Funktionäre zu Verhandlungen an den Jadebusen gereist sein. Dabei soll dem SVW finanzielle Unterstützung seitens des Verbandes zugesichert worden sein, falls man die offenen Rechnungen endlich begleiche. Der Verband verwehrte jedoch, diese Abmachung schriftlich zu fixieren. Zudem knüpfte der Klub eine Zustimmung an Bedingungen, die für den Verband offenbar nicht hinnehmbar waren. Der Deal platzte.