Der sonderbare WM-Spielort Saransk

Da geht was

Kein Erstligist in der Region, kaum Fußballfans in der Stadt, dafür Gerard Depardieu, Geher und Gulags. Warum findet die WM in Saransk statt?

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In Saransk geht man gerne zu Fuß. Zum ersten sind die Entfernungen hier nicht so riesig wie in anderen russischen Städten. Vom einzigen McDonald’s der Stadt zur WM-Arena sind es gerade mal eineinhalb Kilometer, vom Hauptbahnhof zum Zoo zwei. Zum zweiten ist Saransk so etwas wie die Welthauptstadt der Geher, 2012 fand hier die Weltmeisterschaft im Gehen statt, zahlreiche Olympiamedaillengewinner stammen aus der Stadt. Brent Vallance, ein ehemaliger Profi-Geher und langjähriger Trainer in Saransk, sagte mal: »Als Geher ist man in Saransk ein echter Rockstar. Junge Menschen träumen davon, Geher zu werden.«

Aber wer träumt in Saransk davon, Fußballer zu werden?

Saransk, 300.000 Einwohner, 700 Kilometer östlich von Moskau, beheimatet mit dem FK Mordowia Saransk einen unterklassigen Klub, der außer zwei Zweitligameisterschaften nie etwas gewonnen hat. Die Heimspiele trägt das Team im Start-Stadion aus, eine 11.500 Zuschauer fassende Betonschönheit mit Tartanbahn und formvollendeten Flutlichtmasten. Zuschauerschnitt: unter 3000. Umrahmt wird das Stadion von Plattenbauten. Keine Effekte, keine Deko, dafür ehrliche Sowjetästhetik.

Sonst gibt es nicht viel über den Verein zu berichten, außer vielleicht, dass Frank Greiner, the one and only, 2013 hier als Co-Trainer tätig war. Der ehemalige Mittelfeldspieler des 1. FC Köln entfachte einen kleinen Hype um die Stadt, denn in jenem Jahr meldete sogar Gerard Depardieu einen Wohnsitz in Saransk an. Na gut, später kam raus, dass der Umzug des Schauspielers andere Gründe hatte. Jedenfalls fand Depardieu, dass es in Mordwinien »warm und überwältigend« sei.

Japan und Panama in Saransk

Dass die WM in Saransk stattfindet, hat trotzdem viele Menschen in Russland irritiert. Man ging davon aus, im fußballverrückten Krasnodar oder in Jaroslawl ein paar Spiele zu sehen. Beim FK Krasnodar baute der Präsident sogar auf eigene Kosten eine neue Arena. Aber nein, keine Chance, das Fifa-Raumschiff sollte in Saransk landen, dafür errichtete die Stadt eine Raumstation für 45.000 Zuschauer. Die Kosten für die Saransk-Arena belaufen sich auf etwa 270 Millionen Euro. 270 Millionen Euro für sage und schreibe vier Spiele, die selbst Fußballallesgucker nur bedingt in Partystimmung versetzen: Panama gegen Tunesien, Japan gegen Kolumbien, Dänemark gegen Peru und Iran gegen Portugal. Was nach dem Turnier mit dem Megabauwerk geschehen soll? Na klar, Mordowia Saransk soll hier gegen den FC Baltika Kaliningrad oder Wolgar Astrachan für eine volle Hütte sorgen. Immerhin wird das Fassungsvermögen dann auf 30.000 reduziert.

Natürlich hat die Saransk-Entscheidung auch mit Politik zu tun. Zumindest ganz unbefangen dürften die Entscheider nicht gewesen sein. Seit vielen Jahren sitzt die Familie Merkuschkin in Mordwiniens Regierung. Nikolai Merkuschkin war einst Präsident der Republik, sein Sohn Alexej ist aktuell Vizepräsident, beide sind Putin-Freunde und Putin-Versteher. Putin-Fans gibt es in der Region sowieso zuhauf. Bei den Wahlen 2012 stimmten in Mordwinien 87 Prozent für den Präsidenten. Zwei Jahre später, 2014, wurden die Spielorte für die WM bekannt gegeben.

So weit, so Russland-Klischee. Oder?

Man kann die WM-Geschichte von Saransk aber auch anders erzählen. Jedes große Fußballturnier braucht nämlich nicht nur bei den Mannschaften, sondern auch bei den Spielorten einen Underdog. Einen Ort, der im Schatten der glitzernden Megametropolen ursprünglich und authentisch wirkt. In diesem Fall ein mythischer Ort, der vom alten Russland erzählt.

»Kiefern mit langen Baumstämmen. Der Boden ist schwarz und ein wenig steinig. Der schöne Sura Fluss und der beste Stör aller Zeiten«, schrieb Leo Tolstoi Anfang des 20. Jahrhunderts über Saransk. Eine Legende besagt, dass die Bräutigame früher vor der Hochzeit im Wald auf Bärenjagd gingen, um zu beweisen, dass sie echte Männer sind. Als Trophäe brachten sie eine Bärentatze mit, die am Hochzeitstisch verspeist wurde. (Heute stehen Bären in Mordwinien unter Schutz, das Gericht »Medweschja Lapa« wird mit anderen Zutaten zubereitet.)