Der schwierige Spagat des Luka Modric

Kann »El pony« auch den Paragraphen davonreiten?

Im Spiel gegen Argentinien, Kroatien gewinnt mit 3:0, Modric erzielt ein Traumtor zum vorentscheidenden 2:0, ist es eine Millisekunde nur, die das ganze Können dieses Spielverstehers auf den Punkt bringt. Ein Zweikampf im Mittelfeld, ein Kroate und ein Argentinier ringen hölzern um den Ball, ehe er mehr durch Zufall zu Modric prallt. Er hat kaum Zeit, die Situation zu erfassen, einen Augenaufschlag vielleicht, und als Zuschauer wird man erst viel später realisieren, wie besonders ist, was bei ihm so natürlich scheint.

Außenristpass über 40 Meter, hinaus auf den rechten Flügel und in den Lauf, nein, in die Bewegung des großen Zehs von Kroatiens Stürmer Ante Rebic. Ein Spielzug, der vielen Profis in dieser Präzision selbst mit Vorlauf nur schwerlich gelingen würde - Modric wählte und realisierte ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die sich mancher für die alltäglichsten Dinge wünschen würde. Und nicht etwa, um etwas Besonderes zu erschaffen, sondern weil es schlicht die beste Wahl schien.

Die Gelassenheit des Könners



Es ist die große Kunst großer Spieler, auf dem Platz niemals in Stress zu geraten, immer einer Lösung parat zu haben. Luka Modric hat dieses Prinzip zur Perfektion getrieben und die beglückenden Fähigkeiten, immer auch Lösungen präsentieren zu können, die anderen Geniestreiche wären. Modric hofft nicht darauf, dass eine seiner Ideen Wirklichkeit wird, er wählt sie aus, weil er darauf vertrauen kann, dass sie funktionieren.

Wo andere ins Risiko gehen müssen, herrscht bei ihm die Gelassenheit des Könners. Das ist es, was ihn zu einem der besten Spieler der Welt macht, auch wenn das angesichts der auf Tor-Highlights beschränkten Berichterstattung oftmals untergeht. Modric ist der vielleicht größte Superstar dieses Sports, der kein Superstar ist.

 Wohl auch, weil ihm Allüren fremd sind. Keine Boulevard-Geschichten, keine Instagram-Stories aus dem Privatleben.

Nur nicht nachlassen

Würde sich auch kaum lohnen, es geht eher gemächlich zu im Hause Modric: »Eigentlich bin ich am liebsten zu Hause bei meiner Frau und den Kindern. Wir spielen oder schauen Cartoons.« Er sei eben ein ruhiger Typ und sehr schüchtern, sagt er, außer auf dem Platz, dort verändere er sich. Weil er den Fußball liebt und weil er es hasst, zu verlieren. Er sagt: »Ich glaube auch, dass all das, was ich als Kind in Kroatien erlebt habe, mich einfach dazu zwingt, nicht nachzulassen.« 

Weiter, immer weiter. Und wenn er, so wie im Achtelfinale gegen Dänemark, einen Elfmeter in der Nachspielzeit versemmelt, einen Elfmeter, der den sicheren Sieg bedeutet hätte, dann tritt er trotzdem auch im anschließenden Elfmeterschießen an. Und verwandelt. Nicht nachlassen. 

Vielleicht erledigt sich das mit dem Hass, der ihm in der Heimat angesichts des ausstehenden Gerichtsverfahrens entgegenschlägt, ja von selbst.

So ein WM-Finale heilt schließlich viele Wunden. Bliebe dann nur noch die Frage, ob »El pony« auch den Paragraphen davonreiten kann.