Der schwere Abschied des Steven Gerrard

»Der grüblerische Kopf einer Institution«

Gerrard ist ein Zweifler, ein introvertierter, zuweilen melancholischer Mann. Anders als etwa Graham Souness, einer seiner Vorgänger, der in der Kop-Erschütterungsrangliste zehn Plätze unter ihm rangiert, ist er kein geborener Anführer. In seiner Autobiografie schreibt er über den Moment vor seiner Einwechslung gegen die Blackburn Rovers, seinem Debüt in der Premier League: »Ich konnte die Skepsis in den Gesichtern der Leute sehen. Ich konnte hören, wie sie fragten: Wer ist dieser kleine, dünne Typ? Hoffentlich kommt er nicht rein!« Souness hingegen, der zur Blasiertheit neigende Exzentriker, marschierte im zarten Alter von 17 zu seinem Trainer und schnauzte ihn an: »Warum spiele ich nicht, verdammt? Wir wissen beide, dass es keinen Besseren gibt!« Es ist also durchaus erstaunlich, dass sie Steven Gerrard, diesen Fußball-Aporetiker, in Liverpool zum greatest of all captains erkoren haben. Er sei wohl, schreibt Chronist Ken Early, »der grüblerische Kopf einer Institution, die von der Angst vor ihrem Niedergang heimgesucht ist«.

Kick und Rush in einer Person?

Eine Überlegung, die jenseits der Merseyside nur schwer zu verstehen ist. Bereits zu seiner aktiven Zeit ist die Debatte um Gerrards Platz in der Ahnengalerie des englischen Fußballs entbrannt. Wo ordnet man einen ein, der nie Meister geworden ist und auch mit der Nationalmannschaft nicht viel gerissen hat (womit er nicht der Einzige ist)? War er ein begnadeter Allrounder? Oder einer, der alles ein bisschen konnte, aber nichts außergewöhnlich gut? War er auf der Höhe seiner Zeit? Oder doch ein überkommener Spieler, der, statt den Ball zu passen, mit ihm am Fuß durchs Mittelfeld in Richtung Tor stürzte wie ein vom Himmel Fallender – Kick and Rush in einer Person?  Die einen sagen, er sei besser als David Beckham gewesen. Die anderen sagen, Beckham habe gar nicht besser sein müssen, weil er Roy Keane, Paul Scholes und Ryan Giggs in seiner Mannschaft hatte. Als Sir Alex Ferguson, jahrelang Trainer des Erzrivalen Manchester United, im Oktober 2013 im Londoner Institute of Directors seine Autobiografie vorstellte, sah er die Zeit gekommen, genüsslich nachzukarten. Gerrard sei, dozierte er vom Podium herab, in seinen Augen kein Top-Spieler, sondern vielmehr ein Prahlhans, der seinen Status einzig seiner Angeberei zu verdanken habe.

»Er wollte es allein richten.«

Das wiederum ist jenseits von Sir Alex Fergusons Gehirn nur schwer zu verstehen. Gerrard neigte zwar zur Emphase, wenn er in priesterlichem Ton von seiner Mission sprach, aber doch nur, um sich selbst immer wieder von deren Notwendigkeit zu überzeugen. Hätte ein Prahlhans die Angebote der Spitzenklubs (darunter auch, man höre und staune, eines von Manchester United) ausgeschlagen – und damit die Chance verstreichen lassen, mehr Titel zu holen als mit dem LFC, der für die meiste Zeit seiner Karriere eine mittelprächtige Truppe war, deren Niveau er allein anhob?


Gerrard blieb bei seinem Klub, bei den Menschen aus Huyton, an der Anfield Road, vor dem Kop, unter dem Blick seines Cousins Jon-Paul. Er opferte seine Chance, um die Chancen des Liverpool FC zu verbessern. Sein ehemaliger Mannschaftskamerad Craig Bellamy sagt: »Stevie war immer der Beste von uns. Wir konnten eigentlich nur gewinnen, wenn er einen guten Tag hatte. Das hat dazu geführt, dass er sich zu viel zugemutet hat. Er wollte es allein richten. Und wir wollten das auch, der ganze Verein wollte es. Das ist eine große Last auf den Schultern eines einzigen Mannes.«

Von dieser Last Abschied zu nehmen, sie abzuschütteln nach 16 Jahren als Profi des Liverpool FC und endlich einen Schritt herauszutreten aus dem Bannkreis der tragischen Geschichte dieses Vereins – es wird Steven Gerrard hoffentlich leichter fallen, als er angenommen hat. In den Tagen nach seiner Trauerfeier in Melwood wirkte er jedenfalls schon gelöster. Der Vertrag in Los Angeles war unterschrieben, mit 35 wechselt er zum ersten Mal den Verein, zieht zum ersten Mal in eine andere Stadt.

»Ich freue mich darauf«, sagte er. »In Liverpool ist es manchmal nicht ganz leicht, Steven Gerrard zu sein.«