Der schwere Abschied des Steven Gerrard

Man kann ihn aus der Stadt herausholen, aber die Stadt nicht aus ihm

Gerrard ist im Vorort Huyton aufgewachsen, das wegen seiner dörflichen Struktur the village genannt wird. Zuweilen fuhr er, mit wackelndem LFC-Duftbaum am Rückspiegel, auswärtige Journalisten durch seine alte Nachbarschaft und zeigte ihnen die St. Michael’s School, in der er einst seine Traumaufstellungen ins Rechenheft kritzelte, und die Wiese an der Lickers Lane, auf der er kickte, bis die Nacht hereinbrach – und oft noch lange danach. In der Mannschaft der Zehnjährigen wurde er 1990 zum Spieler der Saison gewählt. »Gerrard war ein großer Kapitän«, heißt es in einem Bericht über eine Partie der Whiston Juniors gegen die All Saints Youth. »Er schoss fünf Tore und riss alle mit.«

Er versteht sich auch heute noch als Repräsentant der Menschen von Huyton, aus deren Mitte er an die Spitze gehoben wurde. Das Talent aber, das er ihnen voraus hatte, sollte nicht nur eine Gunst des Schicksals sein, die ihn privilegiert erscheinen ließ. Er wollte einer von ihnen bleiben. Ein Held zwar, aber einer aus der Arbeiterklasse. Ein arbeitender Held. Ein heldenhafter Arbeiter. »Ich bin stolz auf meine Herkunft«, sagt er.

Besessen von fremder Glückseligkeit

Folklore, wie sie jeder Klub kennt, der in seiner Stadt verwurzelt sein oder zumindest so tun möchte. Doch bei Steven Gerrard weist die Herkunft über das zufällige Geborensein in einem beliebigen Vorort hinaus: Der ganze Mann besteht aus Herkunft, sie ist Beginn und Ende all seines Tuns. Man kann ihn aus dieser Stadt herausholen, aber diese Stadt nicht aus ihm.

Als Rafael Benitez 2004 das Traineramt beim Liverpool FC von Gérard Houllier übernahm, bat er seine Spieler, mit einem Wort zu beschreiben, was sie zum Erfolg beizutragen hätten. Steven Gerrard antwortete: »Passion.« Das kann man mit Leidenschaft übersetzen. Und auch mit Leidensgeschichte. Sie muss man erzählen, wenn man erklären will, warum Steven Gerrard so viel mehr als das Maskottchen eines Arbeitervereins ist wie etwa Kevin Großkreutz in Dortmund. Warum er es für seinen Beruf hält, Wunder zu vollbringen. Warum er besessen davon ist, seine Fans in einen Zustand der Glückseligkeit zu versetzen, so flüchtig er auch sein mag.

Die Passion Stevies begann 1989, und sie wird auch dann nicht enden, wenn Gerrard seinen letzten Abpfiff hört. Es war das Jahr, in dem er in die Jugendakademie des Liverpool FC eintrat, wo ihn das Klubidol Steve Heighway unter seine Fittiche nahm. Und es war das Jahr, in dem sein Cousin Jon-Paul Gilhooley starb, zerquetscht im Hillsborough Stadium zu Sheffield, als im Halbfinale zwischen Liverpool und Nottingham Forest die Westtribüne wegen unkontrolliert zuströmender Besucher zur Todesfalle wurde. Jon-Paul, zehn Jahre alt, war das jüngste von 96 Opfern. Er wollte einmal für den LFC spielen, diesen Traum teilte er mit Stevie. Die Eintrittskarte für das Halbfinale hatte sein Onkel auf den letzten Drücker ergattert, Jon-Paul war schon auf dem Weg in die Schwimmhalle gewesen. Er starb im einzigen Krankenwagen, den die überforderten Einsatzkräfte ins Stadioninnere gelassen hatten.

»Ich spiele für Jon-Paul.«

Es wäre anmaßend, wenn man die Wechselwirkungen zwischen Steven Gerrards frühen Erfolgserlebnissen und der Trauer um den auf solch tragische Weise umgekommenen Cousin entwirren wollte. Doch so viel lässt sich darüber sagen: Für ihn bleibt ein Platz im Kop auf ewig verwaist, fehlt eine Stimme im Chor der Tausenden. »Jon-Paul wäre stolz auf dich«, sagten dessen Eltern Jackie und Ronnie zu Gerrard, als er in den Kader der ersten Mannschaft berufen wurde. »Ich weiß, dass er mir zuschaut, antwortete Gerrard. Wann immer er zu den Spielen ins Anfield Stadium fährt, hält er am Hillsborough-Mahnmal an und steigt aus dem Wagen. »Dann lese ich die Namen derjenigen, die nie mehr nach Hause kommen«, schreibt er in seiner Autobiografie. »Bei einem halte ich inne: Jon-Paul Gilhooley, zehn Jahre alt. Es ist wahr: Ich spiele für Jon-Paul.«

Es ist eine der ergreifendsten Koinzidenzen der Fußballgeschichte, dass Gerrards Laufbahn beim Liverpool FC in dessen dunkelster Stunde begann, die zugleich Gerrards Familientragödie ist. Sie erklärt seine Loyalität zu diesem Klub, die ihn Millionenangebote, etwa vom Chelsea FC oder von Real Madrid, samt und sonders hat ausschlagen lassen. You’ll never walk alone: Wie könnte er diesen Klub, der spätestens seit 1989 auch eine Leidensgemeinschaft ist, jemals im Stich lassen? Sie erklärt auch sein beispielloses Ethos aus Aufopferung, Hingabe und Demut, das ihn bei seinem Abschied umso mehr erfüllte. Wenn er nur könnte, er würde die 96 Toten wieder zum Leben erwecken. Wenigstens in einem metaphysischen Moment, einem Sieg, dem Sieg schlechthin.

Dem Mann, der am 3. Januar auf einem roten Klappstuhl in einem fensterlosen Presseraum in Melwood kauerte, bleibt jetzt nur noch ein halbes Jahr Zeit, um ihn zu erringen. Drei Tage nach seiner Erklärung schoss er beide Tore zum 2:1-Sieg gegen den AFC Wimbledon in der dritten Runde des FA-Cups. Das Finale findet am 30. Mai in Wembley statt. Es ist Steven Gerrards 35. Geburtstag.

Mario Balotelli wird das nicht übernehmen können.

»I will work harder«, lautet das Lebensmotto des Gauls aus Orwells Roman. Härter als alle, härter als er selbst am vorangegangenen Tag. Dadurch sei jedes Problem zu lösen, so glaubt er. Dass auch Gerrard dieser Ansicht war und sie nicht selten beweisen konnte, wie etwa im Champions-League-Finale 2005, als er seine Mannschaft nach einem 0:3-Rückstand gegen den AC Mailand doch noch zum Sieg schuftete, hat ihn zur Ikone der Malocherstadt Liverpool gemacht. Doch dieser Mann kennt keinen Feierabend. Wie soll er sich da unter dem Begriff Rente etwas vorstellen? Wie soll er ertragen, dass seine Kräfte schwinden? Wer erledigt denn jetzt all die Arbeit? Wer gedenkt der 96? Mario Balotelli wird das nicht übernehmen können.

Und so saß auf dem roten Klappstuhl, in kurzen Hosen und den Tränen nah, ein Unvollendeter. Unvollendet, nicht weil er nach menschlichem Ermessen zu wenig erreicht hätte. Unvollendet, weil er sich schlichtweg zu viel vorgenommen hatte für die paar Jahre, die ihm gegeben waren und die letztlich zusammenschnurren auf einen schnöden Palmarès, in dem all die Passion unsichtbar bleiben muss.