Der märchenhafte Aufstieg des SSV Jeddeloh II

Spieler bewerben sich aus Thailand oder Cottbus

Zurück in Jeddeloh II, Brücke, Sportplatz. Oder im Sponsorensprech: 53acht-Arena. Ammerländer Humor? Vielleicht. Von einer Arena ist diese Spielstätte jedenfalls so weit entfernt wie das Westersteder Jugendzentrum von der Elbphilharmonie. Es gibt keine Tribünen und kein Vereinsheim. Der VIP-Bereich für die Sponsoren ist ein Holzverschlag, Teile des sogenannten Spielertunnels haben Freiwillige mit Bauzäunen errichtet. Erst wenn man aufs Spielfeld blickt, sieht man das Geld. Es wirkt, als hätte ein Frachtflugzeug voller Werbebanden über dem Platz seine Ladung verloren. Überall hängen Logos der Sponsoren. Baufirmen, Sparkassen, Versicherungen.


53acht-Arena. Ammerländer Humor? (Foto: Florian Manz)

Am Kassenhäuschen, Eintritt acht Euro, ermäßigt sechs, warten Ansgar Schnabel und Gerhard Meyer. Schnabel, 33 Jahre, Frohnatur, dunkler Teint, zurückgekämmtes Haar, hat früher ebenfalls hier gespielt, heute arbeitet er im Bauwesen und ist Sportlicher Leiter des SSV. Manager und Vorstand Meyer, 52 Jahre, ein akkurater Mann mit Brille und sanften Gesichtszügen, ist in einer Bank tätig und wohnt im nahegelegenen Friedrichsfehn. Gerade waren sie in Westerstede, um eine alte Theatertribüne anzuschauen. Die wollen sie in drei oder vier Teile zerlegen und am Spielfeld aufbauen. Wenn sie drei Sitzreihen vor dem Stehbereich aufstellen, müssen sie keine hässlichen Zäune um den Rasen ziehen, haben sie erfahren. Do-it-yourself-Chic statt Multiplex-Stangenware.

»Wir hatten nicht mal richtige Fans«

Meyer und Schnabel sind Auto­didakten, Learning-by-doing-Typen. Meyer hatte von 2015 bis 2016 ein Intermezzo beim VfB Oldenburg. Aber dort verstanden sie ihn nicht, als er sagte, dass man kleine Schritte gehen sollte. Nun also wieder Jeddeloh, Familie. Und hier klingt es manchmal so, als wäre der SSV ein Hobby. Etwas, das sich die Jugendlichen (und älteren Männer) selbst aufgebaut haben. Das fing schon an mit den ganzen Regionalliga-Auflagen. Sie brauchten nun einen separaten Gästeblock, eine Pufferzone, Ordner, Fanbeauftragte, und den Korn, 50 Cent, durften sie erst nach Abpfiff verkaufen. »Wir hatten ja nicht mal richtige Fans«, sagt Meyer. »Wir hatten Zuschauer.« Aber: Wat mutt, dat mutt, also verteilten sie im Dorf die Aufgaben, und so nennt sich heute der eine Jeddeloher »Spieltagmanager« und sein Nachbar »Dopingbeauftragter«.


Sportdirektor Gerhard Meyer. (Foto_ Florian Manz)

Auch das Medieninteresse nahm mit dem Aufstieg zu, der NDR war schon vor Ort, Bremer und Hamburger Zeitungen berichteten. Dabei wussten die meisten Mitarbeiter des SSV anfangs nicht mal, was die Journalisten wollten. »Was ist eine Akkreditierung?«, fragte einer Meyer. »Und warum fragen die nach Parktickets? Die können sich doch im Kirchweg hinstellen.« Auch in Meyers Büro, in der Bank, klingelt jetzt häufiger das Telefon. Spieler bewerben sich für Probetrainings, aus Afrika, Thailand oder Cottbus. Einige schicken Best-of-Videos ihrer Tore. Andere ihre Vita mit angeblichen Karrieren bei Werder Bremen. Zu Beginn der Saison stellte sich ein Berater vor: »Ihr könnt in der Regionalliga nicht bestehen, wenn ihr nicht mit uns zusammenarbeitet.«

Meyer wiegelte alles ab, die angeblichen Wunderstürmer, die penetranten Agenten, das große Business. Man wollte es mit den Jungs aus der Region versuchen.