Der märchenhafte Aufstieg des SSV Jeddeloh II

Jeddeloh ist kein Sprungbrett

Wenn man es genau nimmt, verdankt der SSV seinen Aufstieg allerdings Bleys Frau. »Immer nur die Arbeit. Immer nur Wurst und Fleisch«, sagte sie eines Tages zu ihrem Mann. »Geh doch mal wieder zum Sportplatz.« Also ging er hin, irgendein Spiel, Kreisklasse 1, und was er sah, gefiel ihm überhaupt nicht. »Kein Bier, keine Wurst«, sagt er, »und sie spielten miserabel.« Bley beschloss zu helfen. Er gab Geld und holte mit dem ehemaligen Drittligaspieler Olaf Blancke einen erfahrenen Mann für die Trainerposition.

Blancke, aufgewachsen einen Einwurf entfernt vom Jeddeloher Sportplatz, skizzierte dem Gönner seinen Plan: Er wollte auf Spieler aus der Region setzen. Jungs, die wissen, dass die II hinter Jeddeloh nicht für die zweite Herren steht. Die up’n Dörp zwischen Männerchor-Vereinen und den Bosselfreunden groß geworden sind. Die Jeddeloh nicht als Sprungbrett, sondern als Heimat verstehen.

Der rasende Scout

Bley gefiel die Idee. Also holten sie einige verlorene Söhne zurück, die beim VfB Oldenburg aussortiert worden waren oder in den Städten, in Hamburg oder Bremen, vergeblich von einer Profikarriere geträumt hatten und nun wieder heimwollten, ins Ammerland, eine Familie gründen, ein Haus bauen – und nebenbei ein wenig Fußball spielen. Bley half bei der Vermittlung von Jobs und Wohnungen, einige fingen bei ihm in der Firma an, andere bei Bekannten in Sparkassen oder Versicherungen.

Der rasende Scout Blancke tingelte unermüdlich über die Dörfer, und als einige Skeptiker meinten, der Oltmer aus der Kreisklasse, der sei körperlich zu schwach für höherklassigen Fußball, ließ Blancke sie reden. Ein paar Jahre später wurde Oltmer Torschützenkönig in der Oberliga. »Der Olaf«, sagt Bley. »der hat ein Auge für gute Spieler, da gibt’s nix!«

Die Mannschaft stieg auf, Kreisliga, Bezirksklasse, Bezirksoberliga, Landesliga. Konnte es immer so weiter gehen? »Gerdi, hör mir auf mit Oberliga«, sagte Bley damals zum Teammanager Gerhard Meyer, aber ehe sie sich versahen, waren sie wieder aufgestiegen. Bald wurden auch die Menschen in den benachbarten Dörfern aufmerksam, schließlich versank das einstige Zugpferd der Region, der VfB Oldenburg, immer weiter in den Niederungen der Ligen. Also, auf nach Jeddeloh, 910er bis zur Brücke, dann rüber zum Sportplatz.

In der Oberliga kamen im Schnitt 432 Zuschauer. Heute sind es über 800, gegen Oldenburg waren sogar 2000 da, mehr passten nicht auf den Sportplatz. Sie sangen: »Ein bisschen Blau, ein bisschen Weiß, der SSV ist geiler Scheiß.« Und sie hielten ein Plakat hoch, auf dem stand: »Willst du den VfB oben sehen, musst die Tabelle drehen.«

Es stimmt natürlich, dass es der Klub ohne Bley vermutlich nicht mal in der Oberliga geschafft hätte. Allerdings sei der Verein heute breiter aufgestellt als zu Beginn, sagt der Mäzen, der sich selbst lieber Sponsor nennt. Heute hat der SSV einen Jahresetat von 500.000 Euro, unteres Regionalliga-Mittelfeld. 90 Prozent kämen mittlerweile von über hundert anderen Partnern, zehn Prozent gibt Bley dazu. Mehr könne er nicht. Mehr wolle er nicht. »So viel Patte habe ich auch nicht.« Reicht’s denn für die Dritte Liga? »Momentan nicht.« Sagt er. Sagen viele im Verein.

»Viel erreicht mit diesem kleinen Gurkenverein«

Der andere Vater des Erfolgs, Olaf Blancke, hat seine Physiotherapiepraxis in Westerstede, zwanzig Kilometer nördlich von Jeddeloh. Der 48-Jährige hat die Region nie verlassen, er spielte für Cloppenburg, Emden, Oberneuland, Wilhelmshaven und Oldenburg. Sein Herz aber blieb in Jeddeloh. Als Kind stand er jeden Sonntagmorgen um neun Uhr am Sportplatz und schaute den Herrenteams zu. Erste, Zweite und dann die Alten Herren. Von 2004 bis 2016 war er Trainer des SSV. Noch heute spricht er über den Verein in der Wir-Form und amüsiert sich selbst ein wenig darüber. Er sagt: »Wir haben sehr viel erreicht mit diesem kleinen Gurkenverein.« Oder: »Wir müssen den Dorfcharakter erhalten. Trotzdem brauchen wir bessere Infrastrukturen.«


Heimspielstätte des SSV Jeddeloh II. (Foto: Florian Manz)

Blancke nennt Bley einen »Mini-Mäzen«, der sich kleine Ziele setze. Am Anfang wollte man der beste Verein im Ammerland werden und den Bezirksligisten Viktoria Scheps überholen. Danach strebte man den Aufstieg in die Bezirksoberliga an und wollte mit dem kleineren Oldenburger Verein, dem VfL, gleichziehen. Vom großen VfB hingegen wagte man damals noch gar nicht zu sprechen.

»Es gab auch Rückschläge«

»Aber«, sagt Blancke, »es gab auch Rückschläge.« Dem Aufstieg in die Bezirksoberliga folgte der sofortige Abstieg. Und auf einmal wurden Stimmen im Vorstand laut, die über einen Trainerwechsel sinnierten. Blancke rief Bley an und sagte: »Ist okay, wenn ihr anders planen wollt.« Bley wiederum schüttelte den Kopf: »Wer hat die Diskussion aufgebracht? Ich kläre das!« Fünf Minuten später rief er wieder an: »Olaf, ist geklärt! Wir haben das zusammen aufgebaut!«

2015 beschloss Blancke selbst seinen Rücktritt. Er sei ausgebrannt gewesen, sagt er. Und was hätte er noch erreichen können? Damals wurde Jeddeloh Oberliga-Herbstmeister, der Aufstieg in die Regionalliga wäre erstmals möglich gewesen. Aber der Klub gab im Winter bekannt, dass er verzichten würde. Bley dachte, die vierte Liga wäre nicht zu stemmen.