Der märchenhafte Aufstieg des SSV Jeddeloh II

Da gibt's nix!

Die Moorkolonie Jeddeloh II hat 1300 Einwohner. Es gibt eine Kneipe, einen Supermarkt, einen Bolzplatz. Und einen der erfolgreichsten norddeutschen Fußballklubs. Wie geht das denn?

Florian Manz
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195

Am Sonntag zog der Dorfklub SSV Jeddeloh II zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in den DFB-Pokal ein. Nach Elfmeterschießen gewann das Team gegen Arminia Hannover. Die folgende Reportage stammt aus der Februarausgabe 11FREUNDE #195, die ihr weiterhin bei uns im Shop bekommt sowie im iTunes-Store und Google-Play-Store

»Mit dem 910er kommen Sie hin«, sagt der Mann am Oldenburger ZOB und zählt ein paar Stationen auf: Nordmoslesfehn Tierheim, Mosleshöhe, Klein Scharrel Tankstelle, Jeddeloh II Brücke. Und dann? »Ja, dann?«, wiederholt er die Frage, als wäre Jeddeloh II, diese Moorkolonie im Ammerländer Nirgendwo, eine fehlerhafte Markierung auf dem Streckennetz. Ist dort schon mal jemand ausgestiegen? Der Mann sagt: »Fährt alle zwei Stunden, auf 35, aber pünktlich, da gibt’s nix!«

Ein paar Stunden später steht man also in Jeddeloh II, 20 Kilometer westlich von Oldenburg. Ein Ort, umgeben vom Vehnemoor, geteilt vom Küstenkanal, kaum größer als eine gewöhnliche Berliner Verkehrsinsel. Es gibt: eine Schnellstraße, einen Bankautomaten, einen Friseur, ein paar Einfamilienhäuser und Höfe nördlich und südlich der Brücke. 1307 Menschen sollen hier leben.

In der näheren Umgebung liegen Tütjenbarg, Petersfehn, Wildenloh. Und dann ist da natürlich noch Jeddeloh I, die erste Jeddeloher Siedlung, 1025 Einwohner. Dort findet einmal im Jahr ein Rasenmäherrennen statt. Klingt nach ordentlich Halligalli, aber man ist ja hier wegen Fußball. Wegen dem SSV Jeddeloh II, der, kaum vorstellbar, in den vergangenen 15 Jahren von der Kreisklasse in die Regionalliga aufgestiegen ist. Er hat in der Hinrunde einige Teams aus den großen Städten geschlagen, den VfB Oldenburg, Altona 93 und Hannovers Zweite. Er hat sich in der Spitzengruppe der vierten Liga festgesetzt und ist momentan einer der erfolgreichsten Fußballvereine in Norddeutschland.

Ein Klub aus einer Bauernschaft klopft an der Tür zum Profifußball. Wie um alles in der Welt konnte das passieren?


Ein Supermarkt, eine Kneipe. (Foto: Florian Manz)

Im einzigen Supermarkt des Ortes steht ein Mann hinter der Kasse und lernt eine Aushilfe an. Eric Bruns heißt er, Mitte 40, dunkelblonde Haare, Seemanns-Troyer, ein Typ wie aus einem Outdoor-Katalog.

Als er hört, dass man über den SSV berichten möchte, unterbricht er die Schulung und zückt sein Handy. »Hier war was los, da gibt’s nix!«, sagt er und zeigt Videos von der Aufstiegsfeier im Mai 2017. Man sieht Menschen auf Tischen tanzen. Sie singen, lachen, und guck mal, Keven Oltmer ist auch da, hat vor ein paar Jahren noch für TuS Ekern in der Kreisklasse gespielt. Und der hier, Mario Fredehorst, Ammerländer Jung, früher FSV Westerstede, Kreisliga. Und dann macht er beim FT Braunschweig das entscheidende Tor zum Regionalliga-Aufstieg. Danach Autokorso über Oldenburg nach Jeddeloh. Empfang im Goldenen Anker, der einzigen Kneipe im Ort, direkt neben Bruns’ Supermarkt. Die Feier ging die ganze Nacht, kannste man glauben, und am nächsten Tag stand auf der Vereinshomepage: »Nach 1954 hat es in Deutschland ein zweites Fußballwunder gegeben.«

Red Bull Ammerland?

Um dieses zweite deutsche Fußballwunder zu erklären, muss man zunächst mal ins sechs Kilometer entfernte Süderesch in Edewecht fahren. In der Industriestraße 25 befindet sich die Bley Fleisch- und Wurstwaren GmbH. Geschäftsführer Rolf Bley hat die Erfolgsgeschichte des SSV aus nächster Nähe mitbekommen, denn er ist gebürtiger Jeddeloher und unterstützt den Verein seit gut 15 Jahren finanziell. Die Fans des VfB Oldenburg nennen den SSV deswegen »Red Bull Ammerland«. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Rolf Bley, 58 Jahre alt, Sakko-Hemd-Jeans-Kombi, ist keiner von diesen größenwahnsinnigen Sonnenkönigen, die einen Amateurverein auf Teufel komm raus nach oben bringen wollen. Er ist ein sachlicher Typ – Euphorie ist im Nordwesten Deutschlands ja eh ein spezielles Thema –, und er sieht sich gerne in den Rollen als Förderer und Kumpelchef. Er spricht von Demut und familiären Strukturen. Auf dem Weg durch seine Produktionshallen knufft er seine Mitarbeiter freundschaftlich in die Seite. Viele haben früher für den SSV gespielt, einige sind immer noch aktiv.


Mäzen Rolf Bley in seinen Produktionshallen. (Foto: Florian Manz)

»Das ist Jacek«, sagt Bley und zeigt auf einen Mann im weißen Kittel, und dann darf Jacek erzählen. Wie er, ein ehemaliger polnischer Erstligaspieler, eines Tages mit einer Sporttasche und ohne Deutschkenntnisse am Jeddeloher Sportplatz stand. Wie er danach ein paar Jahre für den SSV kickte, sich mit seiner Familie in der Gegend niederließ und in Bleys Firma anfing. Der Chef lächelt und nimmt Jacek in den Arm. Gut gemacht.