Der Konferenz-Moment: Hertha BSC und das Siegerselfie

Die Momentaufnahme

Die 11FREUNDE-Konferenz verbindet knallharte Statistik und das Beste aus dem Web. Das heimliche Highlight dieser Woche ist ein echter Schnappschuss in Darmstadt.

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Als ich kürzlich in das Haus meiner Eltern kam, hatte ich einen alten Zeitungsausschnitt in der Hand. Es war die Bundesligatabelle von 2008/09 des 25. Spieltags. Das letzte Mal, dass Hertha BSC die Tabellenführung inne hatte – abgesehen von vereinzelten Tabellenführungen am ersten oder zweiten Spieltag und auch nur über Nacht, die somit sowieso nicht zählen. Schon an jenem Montagmorgen, als ich die Tabelle ausschnitt, wusste ich, dass dieser Moment festgehalten werden muss. So schnell wird es nicht mehr besser.


Seitdem hing die Tabelle über dem alten Schreibtisch und erinnerte mich an malheurige Jahre mit der alten Dame aus der Hauptstadt. Zwei Abstiege mit viel zu vielen Trainern, die sich gegenseitig die Klinke in die Hand gaben. Die Hertha war mittlerweile zu einer originalen Fahrstuhlmannschaft geworden, die froh war, wenn sich drei andere Absteiger fanden. Mit divenhaften Profis, die nur bei gutem Wetter halbwegs ansehnlichen Fußball spielten. Bis heute.

Denn spätestens seit dem 4:0 in Darmstadt dürfte auch dem pessimistischsten Hertha-Fan (und das sind sie seit den letzten Jahren fast alle) klar sein: Es wird wieder besser. Erst bugsierte Vedad Ibisevic den Ball nach schöner Vorarbeit von Salomon Kalou und Mitchel Weiser zum 1:0 über die Linie. Dann legte Marvin Plattenhardt einen Freistoß dermaßen passgenau in den Darmstädter Winkel, dass der Mann ab Montag nicht mehr zum Training kommen wird. Er muss Geometrieunterricht in Berlins Grundschulen geben. Gut, dass die Hertha den letzten gemeinsamen Moment festzuhalten versuchte. Beim Torjubel stellte sich fast die gesamte Mannschaft auf, um mit einem imaginären Selfie zu jubeln. Sah nicht sonderlich gut aus, sprach aber Bände.

Nach Spielende wunderte sich Trainer Pal Dardai. Mit 29 Punkten auf dem dritten Tabellenplatz steht seine Mannschaft so gut da, wie zuletzt in der Fabelsaison von 2008/09, als Dardai noch persönlich auf dem Platz stand. »Es sind eigentlich die gleichen Jungs wie im letzten Jahr. Und jetzt erzählen uns alle, dass wir gut Fußball spielen«, zuckte Dardai auf der Pressenkonferenz mit den Schultern. Die Mannschaft sei fleißig, dass sei das Geheimrezept. Sowieso sei es nur traurig, dass so trainingsfleißige Spieler wie Änis Ben-Hatira und Ronny nicht im Kader stehen würden. Denn die Hertha hat schon genügend gute und fitte Spieler. Eine echte Mannschaft.