Der Konferenz-Moment der Woche: Zorniger stellt alles um

Der Boxer auf den Brettern

Der VfB Stuttgart ließ beim 0:4 gegen Augsburg erahnen, wie viel beim VfB im Argen liegt. Ein früher Eingriff von Trainer Alexander Zorniger bewies: sein Konzept versinkt im Chaos.

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In der 27. Minute hielt der vierte Offizielle für Stuttgarts Toni Sunjic die Erlösung in den Händen. Auswechslung. Nicht etwa, weil sich der bosnische Innenverteidiger verletzt hätte. Sondern weil sein Trainer Zorniger nach einer desolaten Leistung die Notbremse zu ziehen schien. 0:2 im »Spätzle-Derby« gegen den FC Augsburg stand es zu diesem Zeitpunkt. Wenige Minuten zuvor hatte sich Sunjic aus der Viererkette gelöst, ein Kopfballduell im Mittelfeld verloren und die gesamte Defensive mal wieder entblößt. Sah nicht gut aus. Aber zumindest in dieser Beziehung hielt der VfB am Samstag im Kollektiv zusammen.


Also schritt Sunjic zur Seitenauslinie, klatschte sich noch kurz mit Stürmer Jan Kliment ab und sein Arbeitstag war beendet. Wie ein Boxer, dessen erste Runde im Desaster und auf den Brettern endete, wankte Sunjic stirnrunzelnd am Trainer vorbei. »Coach, Sie haben mir doch gesagt, dass ich den schlagen kann. Coach, wieso tut mir denn jetzt alles weh?« – oder so.

 


Zorniger war da schon mit der gesamten Umstrukturierung seiner Elf beschäftigt. Kliment als Stürmer, Florian Klein in die Viererkette, Daniel Schwaab als neuer Innenverteidiger. Jeder, der schon einmal in der Kreisklasse gekickt hat, kann sich vorstellen wie viel Sicherheit ein solcher Taktikumwurf nach einer halben Stunde ausstrahlt. Kurz darauf traf Augsburgs Callsen-Bracker nach einer Ecke auch schon zum 0:3. Herzlichen Glückwunsch.

 


Zur Halbzeit verließ ein Großteil des Publikums das Stadion. So einen Auftritt kann sich der Schwabe wahrlich sparen. Und wer eine Abschlachtung im Original sehen will, muss nur ein paar Meter laufen. Gegenüber arbeitet bereits die Zerlege-Genossenschaft. Die Zurückgebliebenen feierten nach dem 0:4 die gegnerische Mannschaft und setzten zur spöttischen LaOla-Welle an. Mehr Verhöhnung der eigenen Spieler ist kaum noch möglich. Auch in den Sozialen Medien ergoss sich die Spottsuppe.

 


Dass der VfB Stuttgart vor wenigen Monaten ausgerechnet den Champions-League-Teilnehmer Manchester City mit einem 4:2 aus dem gleichen Stadion schoss, war am Samstag kaum noch zu glauben. Einbahnstraßenfußball, phänomenales Pressing, schwindelerregendes Umschaltspiel. Was noch in der Vorbereitung gegen die Briten funktionierte, von einer funkelnden Zukunft mit dem grantigen Trainer hoffen ließ – davon ist seit Saisonbeginn nichts mehr zu sehen.

 

»Heute muss ich mir den Hauptschuh anziehen«, sagte Alexander Zorniger nach Spielschluss. Zumindest diese Erkenntnis stimmte. Hoffen müssen die VfB-Anhänger, dass ihr Trainer weitere stimmende Erkenntnisse gewinnt. Hauptsächlich, dass seine Spielidee mit dieser Mannschaft nicht umzusetzen ist. Die zweite Patrone abzufeuern, dazu forderte Zorniger seinen Kader im Sommer auf. Sein Weg wolle er ohne Wenn und Aber gehen, sagte er da in einem 11FREUNDE-Interview. Das führte soweit, dass Zorniger vor zwei Wochen in der Allianz-Arena stand und vor Anpfiff gegen die übermachtigen Bayern frech behauptete: »Wir wollen heute mitspielen.« Auch dieses Spiel endete 0:4.

 


Sportdirektor Robin Dutt kündigte gestern nach Spielschluss an, dass »man die Sache intern aufarbeiten wolle«. Falls der Weg von Zorniger mit dieser Mannschaft weiterhin alternativlos ist, dürfte sich die Vereinsführung langsam fragen, ob diese Alternativlosigkeit auch auf sie zutrifft.