Der Kampf englischer Fans gegen Ticketwucher

In den Pub vertrieben

Man City-Fans waren nicht die Ersten, die derartige Preise zahlen mussten, um ihre Mannschaft zu sehen – und sie waren auch nicht die Letzten. Einige Wochen später mussten die Supporter des FC Liverpool genauso tief in die Tasche greifen. Wenn der FC Chelsea auswärts antritt, gelten diese Partien meist als Kategorie-A-Spiele, so zahlen die Fans der Blues durch den Topzuschlag jedes Mal über 50 Pfund. In der gesamten Premier League gibt es keine Jahreskarte unter 255 Pfund, die englische Liga ist die teuerste unter den europäischen Topligen. Allein im letzten Jahr erhöhte sich der Preis für das durchschnittlich preiswerteste Erwachsenenticket um elf Prozent – ein Fünffaches der Inflationsrate. Die Preiserhöhungen sind im englischen Fußball eine Konstante, wohlgemerkt in allen vier englischen Profiligen. Selbst in der vierten Liga muss ein Zuschauer im Schnitt mindestens 17 Pfund bezahlen – für die günstigste Karte.

Als Inkarnation des Bösen gelten die Verantwortlichen beim FC Arsenal. Der Verein im Norden Londons verlangt unter allen Klubs das meiste Geld. Der Preis für das günstigste Spieltagsticket stieg hier in 20 Jahren um satte 920 Prozent. Auf 11 FREUNDE-Anfrage wollten sich weder Arsenal noch andere Londoner Klubs zum Thema Ticketpreise äußern. Die günstigste Arsenal-Dauerkarte kostet an die 1000 Pfund, die teuerste knapp 2000. Dafür empfiehlt es sich fast, den Bausparvertrag zu kündigen.

»Angelogen und abgezogen«

David O’Leary, 32 Jahre alt, seit 25 Jahren Arsenal-Fan, ist für das Meeting der Fan-Organisation ins »Blue Anchor« gekommen. Er kneift die Augen zusammen und schüttelt langsam den Kopf, nimmt noch einen Schluck aus dem Pint. »Es geht um Wichtigeres als Titel. Es geht um die Zukunft des Fußballs.« Ja, Per Mertesacker sei in der Verteidigung viel zu langsam, aber das kann O’Leary verwinden. Jedoch nicht, dass Leute im Emirates Stadium sitzen und Vereinslegende Tony Adams für einen Gitarristen aus den Siebzigern halten, während sich viele seiner Schulfreunde kein Ticket mehr leisten können.

Er erzählt die Geschichte eines Arsenal-Fans, der seine Jahreskarte wegwarf, weil in der Reihe vor ihm Menschen statt auf den Rasen auf ein Handy-Videospiel starrten. Und dann ist da noch der Fan, der versehentlich in den Mailverteiler des Vereins für Logenangebote kam. Er gab sich spaßeshalber zunächst interessiert, bis ihn die Wut über Arsenals Umgarnung der Snobs zu folgender Botschaft trieb: »Senden Sie mir nie wieder E-Mails, in denen Sie mir ach so fantastische Benefits anbieten. Ich bin Fan seit 40 Jahren. Ich bin durch ganz Europa gereist, um diesen Klub zu sehen, aber ich werde heute keinen Penny mehr zahlen, um vom Klub angelogen und abgezogen zu werden.«

Ausgegrenzte Arbeiterklasse

Im Pub, so meint O’Leary, sei die Stimmung viel besser als im Stadion. Am Finsbury Park, unweit von Arsenal, hängen im »The Blackstock« gerahmte Bilder der Arsenal-Ikonen. Sie hängen schief wie die Lampen neben den unzähligen Ventilatoren, Kabel pendeln von den Decken. Der grüne Linoleumboden ist durchtränkt von Bierresten, ein Mief aus Möbelpolitur, Bier und Moschus, den man wohl nur noch wahrnimmt, wenn man zum ersten Mal eintritt, weht einen an. Es ist laut, rau. Karaokeabend. Eine Frau mit eingefallenen Wangenknochen und fettigen Haaren brummt die »Unchained Melody« der »Righteous Brothers« ins Mikro, während alte Herren in Cordjacken den Takt mitklopfen und Schwarze in alten deutschen Armeejacken hin- und herwippen.

In den Pausen hört man kehliges Lachen. Es fehlt nur noch, dass die Coen-Brüder hereinspazieren und das Skript verteilen. Hier verfolgen sonst die Leute aus der Nachbarschaft Arsenals Spiele, schreien den Fernseher an und singen. Das Bier im »Blackstock« ist das billigste der Gegend. Pubs waren schon immer der Kitt der Gesellschaft, in den Fanblocks war es früher einmal ähnlich. Die Gentrifizierung des englischen Fußballs hat viele langjährige Fans weggespült. O’Leary schüttelt wieder den Kopf: »Reden wir doch mal über die Gesellschaftsgruppe, die gerade am stärksten ausgegrenzt wird: die Arbeiterklasse.«

Kritik als Verrat am Verein

Auf jeden, der sein Ticket nicht bezahlen kann, kommen hundert andere, die dafür Schlange stehen. Trotz der höchsten Preise aller Zeiten lag die Auslastung der englischen Stadien in der vergangenen Saison bei 92 Prozent. Zu Zeiten, als man bei Arsenal noch für fünf Pfund ins Stadion kam, war sie nie annähernd so hoch. In England scheint unter einer nicht geringen Anzahl an Stadiongängern die Bereitschaft zu bestehen, mehr zu bezahlen, damit der Verein mehr bieten kann.

Ein User im Forum von 11 FREUNDE drückte es so aus: »Als Arsenal-Fan zahle ich lieber mehr für die Tickets, als mir das Geheule der ›Fans‹ anzuhören, wenn wir, wie Liverpool die letzten Jahre, auf einmal extrem straucheln.« In England besteht keine gewachsene Kultur der Mitbestimmung, beispielsweise durch Fanvertreter in den Gremien. Der Wille zur Veränderung wird daher immer mit einer gewissen Skepsis begleitet und teilweise als Verrat am Verein aufgefasst. »In England ist es schwierig, sich als kritischer Fan zu positionieren«, sagt David O’Leary. »Die Leute denken sofort, man wolle dem Verein schaden.«