Der HSV und die Sehnsucht nach Kontinuität

Ein bisschen Frieden

Der HSV verschwindet im Grau der Liga, der Vorstand steht in der Kritik, die Spieler antworten in kryptischen Goethe-Zitaten. Und doch scheint in Hamburg nur eines wirklich Sorge zu bereiten: ein erneuter Trainerwechsel. Der HSV und die Sehnsucht nach KontinuitätImago Die Sehnsucht der HSV-Fans passt in ein Bild: Sidney Sam im Jubel. Gegen seinen alten Verein schoss der Leverkusener am vergangenen Samstag das 1:0, drehte danach ab und zeigte mit seinen Fingern auf den Trikotrücken, auf seinen Namen. Eine Geste, wie man sie an jedem Wochenende zuhauf sieht, und die für Sidney Sam sicherlich nicht mehr bedeutete als ein nett verpackter Mittelfinger: »Ihr wolltet mich nicht – selbst Schuld!« Für den gemeinen HSV-Fan aber sammelte sich in diesem Jubel alles, was in den letzten Jahren schief lief: Die fehlende Weitsicht des HSV bei Transfers, der Verschleiß von Talenten, die Ungeduld der Klub-Oberen. Eine stets präsente Ungeduld in vielen Bereichen, die mal stärker mal schwächer zum Vorschein kommt, die aber gefühlt seit 1983 vorhanden ist und den Verein sukzessive seiner einstigen Attraktivität beraubt.

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Sidney Sam kam als 16-Jähriger aus Kiel nach Hamburg und spielte vier Jahre in der Jugend und der zweiten Mannschaft des HSV. »So ein Talent hatten wir seit Jahrzehnten nicht«, schwärmte Uwe Seeler damals. Der alte weise Mann wurde nicht gehört, denn die auf Funktionalität und kurzfristige Erfolge genormte HSV-Maschine hechelte schon weiter. Immerhin durfte Sam vier Spiele in der Bundesliga absolvieren, keines dauerte für ihn länger als 15 Minuten. Es folgte ein Wechsel auf Leihbasis zum 1. FC Kaiserslautern, vor fünf Monaten wurde er für zwei Millionen Euro nach Leverkusen verschachert. Heute gilt er als der kommende Star im Nationaltrikot. Sidney Sam ist 22 Jahre alt.

Bleikugeln an seinen Knöcheln

Am Samstag spielte der HSV gegen Leverkusen mit einer Mannschaft, die im Durchschnitt 30,1 Jahre alt war. Als Sam das 1:0 schoss, alterte sie um weitere zehn Jahre. Nun sollte man dies nicht von vornherein verurteilen, denn die seniorigen Herren – Ruud van Nistelrooy, Frank Rost, David Jarolim oder Zé Roberto – standen in der Vergangenheit auch für Lichtblicke. Rost wurde der verlässliche Rückhalt der Mannschaft, David Jarolim der nie aufsteckende Mittelfeldmotor, Zé Roberto der Mann für den genialen Moment, Ruud van Nistelrooy für die wichtigen Tore. Gegen Leverkusen aber ergaben sie sich, wie in den Wochen zuvor, einer seltsamen Lethargie. Rost verlor sich nach dem Spiel in kryptischen Goethe-Zitaten, Zé Roberto trottete über den Platz, als hingen Bleikugeln an seinen Knöcheln.

Es ist kalt geworden in Hamburg. Und man könnte dieses Klima simpel herunterbrechen: Das Spiel macht ihnen, den einstigen Stars, keinen Spaß mehr. Es gibt für sie schlichtweg nichts mehr zu gewinnen. Da trotzen sie lieber dem Fußball und den Verantwortlichen in einer juvenilen Keine-Lust-mehr-Haltung: Haste Scheiße am Fuß, haste eben Scheiße am Fuß.

Der teuerste Kader der Vereinsgeschichte

Natürlich haben sie nicht nur unrecht mit ihrer kaum noch versteckten Kritik an den führenden Personen. Am Trainer etwa, der die Autorität von zwei Konstanten der letzten Jahre – Frank Rost und David Jarolim – gleich zum Amtsantritt in Frage stellte, indem er dem einen (Jarolim) die Kapitänsbinde entzog und dem anderen (Rost) den Konkurrenten Jaroslav Drobny vor die Nase setzte. Und auch die Kritik am Vorstand scheint nicht aus der Luft gegriffen. Da wurden für Transfers von David Rohzenal, Marcus Berg oder Gojko Kacar die Geldtruhen arg weit aufgemacht. Für Kacar etwa, der von Absteiger Hertha BSC kam, blätterte Bernd Hoffmann 5,5 Millionen Euro hin. Der Serbe sollte auf einer der zentralen Positionen spielen, im defensiven Mittelfeld. Dabei hatte der HSV dort in der Vergangenheit nie Probleme: David Jarolim spielte mindestens solide, zumeist aber überdurchschnittlich, daneben konnten auch die Defensiv-Allrounder Thomas Rincon oder Zé Roberto diese Position ausfüllen. Was nun bleibt, ist ein ein Kader, der mit 47 Millionen Euro im Jahr der teuerste der Vereinsgeschichte ist.



Sicher, im Erfolgsfall verschimmelten all diese Probleme in staubigen Ecken. Nun aber sieht es so aus, als würde man ein Papierschiff beobachten, wie es von stetig wechselnden Kapitänen durch brennende Brücken manövriert wird. Und schafft es ein Trainer tatsächlich, seine Mannschaft aus dem Feuer zu steuern, so kann man davon ausgehen, dass eine Böe sie umgehend zurück weht.

Die kleine Lösung klein verkaufen


Gerade während der Posse um Dietmar Beiersdorfer und die noch groteskere Beinahe-Verpflichtung von Urs Siegenthaler zeigte sich dieser Schlidderkurs so offensichtlich wie selten zuvor. Man erwartete keine Riesenlösungen, aber man erhoffte eine breite Brust. Doch nach Siegenthalers Absage präentierte der Klub mit Trainer Armin Veh und Sportchef Bastian Reinhardt ein neues Gespann, das von Aufsichtsratchef Horst Becker mit den Worten angekündigt wurde: »Der große Wurf ist das nicht.« Die Erkenntnis rührte aus dem Fakt, dass der Ex-Spieler Reinhardt kurz zuvor noch ein Praktikum auf der Geschäftsstelle machte und Armin Veh beim VfL Wolfsburg geschasst wurde. Dass Ex-Profis oftmals die Sportdirektoren abgeben und Armin Veh Meister mit dem VfB Stuttgart wurde, vergaß man dabei irgendwie. Kein großer Wurf – das blieb hängen. Fraglich war damals schon, ob es überhaupt einen größeren Wurf für einen Verein gibt, der nicht mal in der Europa League spielt. Und merkwürdig, warum man nicht auch vermeintlich kleine Lösungen über eine eine große Aufbruchstimmung kommunizieren kann. Nein, denn seit 1983 haftet dem dem HSV dieses guldenburgartige Ausruhen auf alten Meriten und das gleichzeitge Fordern von pompösen Lösungen an. Dabei müsste es nur mal nach Neuanfang und dem Beginn von Kontinuität riechen – dem sportlichen Erfolg zum Trotz.

Die Sehnsucht nach dem Gefühl von Kontinuität

So waren in den vergangenen Jahren die Niederlagen gegen Werder Bremen schmerzlich. Schmerzlicher indes war es, stets einen Verein zu sehen, der seit beinahe zwölf Jahren einem Mann vertraut: Thomas Schaaf. Einer, der im Übrigen in seinen ersten kompletten Spielzeiten, von 1999 bis 2003, keine großen Erfolge feiern konnte – Werder wurde Neunter, Siebter und zweimal Sechster. Und dann, 2004, Deutscher Meister.

Beim HSV arbeitet aktuell der vierte Trainer in vier Jahren. Ein Trainer, der zu kurz im Amt ist, als dass ihn die Fans lieben könnten. Ein Trainer, der aber auch nicht zum Teufel gejagt wird, wenngleich er den HSV mit einem vermeintlichen Starensemble gerade noch in der ersten Tabellenhälfte hält. Dass man in Fankreisen trotzdem hofft, er würde auch bei weiteren Niederlagen nicht entlassen oder selber – wie etwa Huub Stevens oder Martin Jol – die Segel des Papierschiffes streichen, hängt mit der großen Sehnsucht nach einem Gefühl zusammen, das man in Hamburg längst vergessen hat: Der Sehnsucht nach ein bisschen Dauer, nach ein bisschen Frieden.